Was ich für Dich thun kann, ist unbedeutend. Mein Einfluß auf diese verhärteten Gemüther ist gering und mit ihrer List und Verschlagenheit kann ich es nicht aufnehmen. Doch was ich zu thun vermag, will ich thun. Auf Etwas kann ich Dich übrigens noch aufmerksam machen: Du brauchst hier Deinen Eltern keinen Gehorsam zu leisten. Es tritt hier der Fall ein, wo es heißt: »Du sollst Gott mehr gehorchen als den Menschen!« Sie haben Dich zur Sünde verkauft. Und wenn Du ihnen folgst, gibst Du Dich zum wenigsten in große Gefahr. Auch haben sie vollständig ihre Elternrechte an Dich aufgegeben, indem sie offenbar das Gegentheil von dem in Dir pflanzen wollen, wozu Dich Gott ihnen anvertraut hat.«

»Ich habe auch schon daran gedacht,« sagte sie, »fortzulaufen in die weite Welt und dort für mich allein mein Glück zu suchen, aber ich kann nicht. Ich bleibe und gehorche. Und wenn es noch schwerer wäre, ich bliebe doch! Ich will es versuchen, meinen Eltern treu zu sein und auch meinem Gott nicht untreu zu werden.«

»Du unternimmst fürwahr Großes und Schweres, Babette und ich will Gott danken, wenn es Dir gelingt. Doch des Herrn Rath ist wunderbar! Vielleicht soll es so sein. Und hier war es, als ob mich ein Geist der Weissagung ergriff. Vielleicht sollst Du drüben in Amerika den Ruf einer frommen deutschen Jungfrau wieder zur Ehre bringen und Deinen gesunkenen Kamerädinnen ein Stachel werden zur Reue und Nacheiferung. Wenn Dich aber Gott zu dieser hohen Mission als Rüstzeug auserwählt hat, dann sei getrost; der Dich auserwählt hat, der weiß, daß Du die Kraft dazu hast und führet Alles herrlich hinaus!«

Wir hatten uns auf den Heimweg gemacht, weil es stark zu dunkeln begann. Ich hatte ihr noch manches Tröstliche gesagt. Auch das noch, daß Gott dem zarten und schwachen weiblichen Geschlecht gerade in der Unschuld einen mächtigen Schild geschenkt habe, den selbst die größte Rohheit nicht anzutasten wage, wenn sie in ihrer kindlichen Reinheit bewahrt bliebe.

Am Rande des Waldes hatte ich sie verabschiedet und schaute ihr wohlgefällig nach, wie sie so rüstig und strack dahinschritt und schickte ein leises Gebet zum Himmel empor für ihr Wohlergehen.

»Ein Rendezvous gehabt, Herr Pfarrer?« zischelte neben mir eine Stimme, und eine Gestalt eilte flüchtig an mir vorüber, in der ich die »Anne-Mile«, eine der verdorbensten Frauen des Dorfes erkannte.


VI.
Die Balzerswäs.

Es war des andern Abends spät ein mächtiges Gewitter am Himmel. Die Wolken hingen schwarz und schwer über dem Dörfchen. Die Luft war wie ein Feuermeer und wenn der Donner krachte, zitterten die Fensterscheiben und wackelte mein alter Tisch an der Wand. Jetzt fuhr wieder ein Blitz hernieder, so blendend, daß ich die Augen zumachen mußte, und dann wogte und prasselte es über mir, als wenn das verwetterte Ziegeldach auf mich gefallen käme. Ein alter Eichbaum, etliche Schritte vom Hause entfernt, stand in lichten Flammen. Damit hatte aber auch das Gewitter seinen Höhepunkt erreicht. Nun öffneten sich die Schleusen des Himmels. Bald grollten nur noch die Donner in der Ferne und langgezogene Blitze erleuchteten das Firmament.