»Mädchen,« sagte er, »Du weißt nicht, wie entsetzlich wehe Du mir gethan hast! Es ist nicht blos die schreckliche Täuschung – nicht blos, daß ich meine Liebe, die so plötzlich und so stark in mir entstanden war, unterdrücken muß, – es ist die Schmach, die meinem lieben deutschen Vaterlande angethan wird durch solche deutsche Mädchen.« Und damit wankte der starke Mann wie ein Trunkener zur Thüre hinaus. Ich wollte rufen – ich streckte die Arme nach ihm aus – da wurde es dunkel vor meinen Augen und ich stürzte ohnmächtig zusammen. Ich verlebte schreckliche Tage. Ich hatte ihm sagen wollen, daß ich rein und tugendhaft geblieben wäre mitten in diesem wüsten Treiben. Ich suchte ihn auch überall und forschte nach ihm, um es ihm noch zu sagen. Aber ich fand ihn nicht. Er war wahrscheinlich wieder nach seinen Wäldern. Ich dachte zuletzt: Und wenn du es ihm nun auch sagst – wird er dir auch glauben? Wird dir es überhaupt Jemand glauben? Ein furchtbarer Zorn gegen das Schicksal bemächtigte sich meiner. Warum sollte ich denn besser sein als die Welt mich machte? Warum sollte ich unnöthigerweise die Mißhandlungen erdulden? Ich stürzte mich mitten hinein in das wüste Leben und war bald eine der Schlimmsten.

So kam ich nach Californien, nach San Franzisco. Es war ein großer Saal und ein blendender Lichterglanz von den vielen Kronleuchtern. Mein Blut war wie Feuer durch vielen Punsch und das wilde Tanzen. Da stand ich da mit fliegendem Athem und klopfender Brust; ein bärtiger Goldgräber hielt mich um die Taille und streichelte meine heißen Wangen. Da sah ich ganz in meiner Nähe wieder das Jünglingsangesicht und diese blauen Augen mit so unendlich traurigem und doch so strafendem Blick auf mich gerichtet. Ich hätte vor Scham in die Erde sinken mögen und bedeckte mein Gesicht mit beiden Händen. Als ich wieder aufblickte, war er verschwunden. Aber die Augen – die Augen habe ich nicht los werden können, bis heute noch nicht – sie haben mich weggetrieben von Amerika. Als ich heimkam, trug man eben meine Mutter zum Dorfe hinaus. Der Meister Guntram von Friedberg hatte sie wie ein Wild des Waldes todtgeschossen. Ich war nun ganz allein. Mein Vater war schon längst todt. Ich hatte ein paar Aecker und unser jetziges Haus von meiner Mutter schuldenfrei geerbt. Dort wohnte ich nun ganz einsam. Es war mir lieb, daß das Haus fast völlig im Walde stand. Er hatte ja auch ein Haus im Walde. – Es war eine Zeit voll Träumens und Schwärmens. Den ganzen Tag konnte ich sinnen über Vergangenes und Zukünftiges. Die Hoffnung, mit ihm vereinigt zu werden, hatte ich noch immer und baute Luftschlösser, wie es ermöglicht werden könne. So hätte ich noch lange fortgelebt, aber mein erspartes und ererbtes Geld ging zur Neige. Heirathen wollte ich nicht, obwohl ich viele Gelegenheit dazu hatte. Ich mußte darum auf einen Erwerb denken. Es sollte vor allen Dingen leichte und bequeme Arbeit sein. Ich wandte mich an die alte Barb. Sie verschaffte mir auch einen guten Dienst in der Stadt. Aber bald sollte ich erfahren, warum sie so geheimnißvoll gethan hatte. Mein Herr ging mir überall zu Gefallen, und als ich seine Zumuthungen stolz zurückwies, lachte er mich aus: »Er hätte nicht umsonst ein Mädchen aus unserm Dorfe genommen.« Er drohte mich fortzujagen. Was sollte ich machen? Der Winter war vor der Thür; das Essen war ausgezeichnet; die Arbeit war kaum zu nennen und –« »Mutter! Mutter!« rief ich – das Herz wollte mir zerspringen – »schweig still! Soll ich denn gar Nichts mehr von Dir halten? Soll ich denn meine Mutter ganz verlieren? Ach, wie dachte ich mir Dich immer so rein! Wie warst Du mir immer Vorbild und Muster und jetzt – jetzt!« »Du mußt Alles hören. Es ist Zeit, daß Du es hörst. Das war das Schlimmste nicht, es ging immer mehr abwärts. In Wien lebte ich in Saus und Braus. Ich hatte Geld in Ueberfluß. Ich besuchte Theater, Concerte und Bälle. Die schönsten Bücher standen mir zu Gebote. Ich lernte außerordentlich viel. Es wurden oft die witzigsten und geistreichsten Gespräche bei mir geführt und ich konnte mitreden, mitlachen und mitspotten, aber ich weiß nicht – ich hatte doch keine Befriedigung. Inwendig kam ich mir so hohl, so leer vor. Dein Vater, den ich kurz vorher geheirathet hatte, war mir ein ständiger Vorwurf. Er hatte sich aus Aerger über mein Leben ganz dem Trunke geweiht und wurde bei Tag und Nacht nicht mehr nüchtern. Ich kümmerte mich gar nicht mehr um ihn. Damals sah ich in einer Nacht in einem halbwachenden Zustande wieder »die Augen!« Und nun ging es gerade wie in Californien. »Die Augen« verließen mich nicht mehr. Aus jeder Ecke schauten sie mich an – so unendlich traurig und doch so strafend; im dunklen Zimmer daheim, im hellerleuchteten Ballsaal, im Theater – überall waren sie. Ich konnte es nicht mehr aushalten. So habe ich das glänzende Leben aufgegeben und bin mit Deinem Vater heimgereist. Wir hatten uns gar Nichts gespart, obwohl wir es gekonnt hätten. Dazu war Dein Vater ein Trinker geworden. Ich hatte ihn dazu gemacht und konnte ihm deshalb auch keinen Vorhalt thun. Und wenn seine Launen noch so toll wurden – ich habe immer nachgegeben – ich hatte es ja um ihn verdient. Euch, Kinder, habe ich immer gern gehabt. Du thust mir auch gewissermaßen leid, daß ich Dich hergeben muß. Wenn es mit dem Hause nicht gekommen wäre – es wäre auch niemals geschehen. Aber hier – in mein Herz – hat sich eine Verbitterung und ein Haß eingefressen, von dem Du Dir gar keinen Begriff machen kannst. Es steht mir immer vor Augen: was hätte aus dir werden können und was ist aus dir geworden! Und wer ist schuld an Allem? Doch allein das Schicksal und die Welt. Wer arm ist, kommt zu keinem sicheren Glück. Du bekommst nie Deinen Ernst! Wenn nur die geringste Hoffnung wäre, so solltest Du nicht nach Californien! Du entgehst auch Deinem Schicksal nicht, wenn Du selbst diesmal noch nicht mitgingest! Wenn dazu nur die geringste Hoffnung wäre, so wollte ich Dich bewahren! Aber da ja doch gar kein Gedanke daran ist – was soll ich mir mein Haus nehmen lassen? Ich habe Demüthigungen und Spott und Lästerung genug erfahren müssen! Sie sollen es nicht erleben, daß die stolze Frau Heimerdinger, die sie Alle nicht leiden können und der sie alles Böse gönnen, noch aus ihrem Hause hinausgeworfen wird! – Doch genug, ergib Dich in Dein Schicksal! Es ist bereits Alles abgemacht.«

»Mutter! Mutter!« schrie ich, »morde mich lieber! Hier ist ein Messer, stoße es mir in die Brust!« Aber sie that als hörte sie mich gar nicht. »Mutter, ich will ja das, was das Haus kostet, mit meiner Arbeit verdienen; ich will arbeiten, daß mir das Blut zu den Nägeln herausläuft und Gott, der in den Schwachen mächtig ist, wird mir helfen«.

»Kind, du redest Unsinn! Das kannst du nicht.« »Mutter, jetzt sehe ich, was Dir immer gefehlt hat, Du glaubst nicht an Gott!«

»Nein in der Art nicht, wie Du gelernt hast. Doch davon spreche ich nicht mit Dir.«

»Aber ich will mit Dir davon sprechen. Siehst Du, »die Augen«, die Dir erschienen sind, das war der erste Ruf Gottes an Dich, und als Du dem Leichenzug Deiner Mutter begegnet bist, das war die zweite Mahnung. Sie ist so gräßlich um's Leben gekommen, weil sie Dich verkauft hat für ein Blutgeld und Du wirst ebenso schrecklich um's Leben kommen, wenn Du mich verkaufst.«

Da wurde aber meine Mutter zornig und fing an mich zu schelten. Ueberdem kam mein Vater, und als er hörte, von was die Rede war, hat er mich getreten und geschlagen und mit den Haaren durch das Zimmer geschleift. Ich konnte die ganze Nacht nicht schlafen, aber auch nicht klar denken. Dunkle Träume quälten mich. Und zuletzt ergriff mich eine Angst, daß ich es nicht mehr aushalten konnte. Da bin ich herausgelaufen in den Wald und habe mich hierher gesetzt. Ich habe immer dagesessen. Es lag wie ein Alp, wie eine Betäubung über mir. Ich wußte Alles, aber ich konnte mich nicht rühren. Alles, was meine Mutter gesagt hat und ich gesagt habe, ist mir Wort für Wort wieder eingefallen. Dann habe ich heiß und lange gebetet. Und so sind auch Sie gekommen, aber ich konnte mich immer noch nicht bewegen. Ich war wie gebannt.«

»Das war irgend ein mir unbekannter Nervenzustand, der über Dich gekommen ist in Folge der starken Aufregung,« erwiderte ich, »der ist nun überstanden. Wäre auch das Andere ebenso glücklich überstanden! Dein Vater hat wie ein Unmensch an Dir gehandelt. Deine Mutter hast Du richtig erkannt. Hätte sie Gott vor Augen und im Herzen gehabt, sie hätte gewiß ein glücklicheres Loos gezogen. Nicht die Welt und das Schicksal, sondern ihr stolzes, vergnügungssüchtiges Herz hat sie in das Verderben gejagt. Aber wie Du Deiner Mutter den Namen Gottes zugerufen hast, als sie über Dich und Deine Zukunft entschied, so rufe ich Dir in diesen schweren Stunden den Namen Gottes zu. Denn nur des Herrn mächtiges Wort kann den Sturm Deiner Gefühle bedrohen, daß es stille in Deinem Herzen wird, ganz stille. Und unter den schwierigen Verhältnissen, denen Du jetzt entgegengehst, kann nur seine Hand Dich führen und seine Rechte Dich halten. »Gott ist getreu und lässet Dich nicht über Vermögen versucht werden.« »Der gute Gott im Himmel wird Dich nicht verlassen, noch versäumen.« »Mein Vater und meine Mutter verlassen mich, aber der Herr nimmt mich auf!« heißt es, und: »Harre des Herrn, sei getrost und unverzagt und harre des Herrn!«