Und horch! Raschelt es jetzt nicht im Gebüsch, fällt jetzt nicht ein Schatten auf die Wiese? Er schießt los. Aber klang das nicht wie menschlicher Schrei? Er läuft hin. Aber da liegt ja auch kein Rehbock. Da liegt die alte Krexline, die sich dürren Reisig sammeln wollte für ihren Kaffee. Sie verwendet noch einmal die Augen, macht eine Faust und ist mausetodt. – Meister Guntram weiß nicht, wie er heimgekommen ist. Ist auch nimmer auf die Jagd und zum Apfelwein gegangen. Aber dort an der Eiche, wo die Krexline erschossen lag, mitten im dichten Wald, wo die prächtigen Waldwiesen liegen und das Sauerbrünnlein quillt, hat er sich eine Bank gepolstert aus Rasen und Moos und hat oft da gesessen und heiße Thränen geweint. Jetzt ist er längst gestorben und begraben, aber das Voll nennt es dort noch immer »an der Guntramseiche«.
An der Guntramseiche war der Tummelplatz der Jugend an den Sonntagnachmittagen zum lustigen Tanzen, Spielen und Singen. Dagegen an den Werktagen war es still dort und einsam. Und in der lieblichen Waldeinsamkeit habe ich gar manchmal gesessen, in mein Buch vertieft und mein Pfeifchen schmauchend.
So war ich wieder einmal hinausgewandert. Ich suchte die herrliche Kühle und einen frischen Trunk ans dem Sauerborn, denn das Thermometer zeigte im Schatten 25 Grad Réaumur. Aber siehe, mein Plätzchen war bereits besetzt. Es saß auf der Moosbank die Enkelin der alten Krexline, Babette Heimerdinger. Ich hatte sie schon von Weitem erkannt. Doch als ich nun näher trat, erschrak ich heftig bei ihrem Anblick. Bleich wie der Tod war ihr Antlitz, aus dem sonst das frische, gesunde Leben lachte; die sinnigen, blauen Augen blickten starr und glanzlos in das Weite; das blonde, reiche Haar ringelte sich in wilder Unordnung um ihre Schultern; die kräftigen Arme ruheten wie gelähmt in ihrem Schoos. Es war die Erscheinung einer an Leib und Seele Gebrochenen, die abgestorben ist für die Außendinge. So klang auch ihre Stimme eintönig und hohl. So war auch ihre Rede fast die einer Geistesabwesenden.
Ich dachte nicht, daß sie mich bemerkt hätte, denn sie war in ihrer halbliegenden Stellung verblieben und hatte keinen Zug in ihrem Gesichte verändert; aber plötzlich redete sie mich an:
»Es ist gut, daß Sie kommen. Ich habe gebetet, daß Sie kommen möchten. Es mußte Jemand kommen, sonst wäre ich verzweifelt.« Sie schwieg hierauf eine Weile, dann begann sie wieder: »Ich bin arm – arm – entsetzlich arm. Ich habe Niemand – Nichts mehr in der Welt. Alles ist todt – leer – fort. Ich habe keine Eltern mehr, nicht Vater – nicht Mutter, keine Heimat – keine Liebe. Alles – Alles ist fort. Das Haus ist schuld – der Fink, der Erzbösewicht!« – Hier war wieder eine Pause, dann rief sie: »Ernst! Du lieber, lieber Bub! – Dich haben sie mir genommen! Wir sind geschieden auf immer und ewig! Sie beschmutzen und besudeln mich! Ernst!« schrie sie laut auf und immer lauter – »Ernst! Ernst!« Zuletzt war sie aufgesprungen, mit den Händen in der Luft umhergefahren, war eine Weile hin und her geschwankt und dann leblos auf den Rasen hingesunken. Man kann mir glauben, daß ich tüchtig erschrak. Ich glaubte anfangs, sie wäre todt. Und da ich gar nicht wußte, was ich beginnen sollte und auch weit und breit Niemand entdecken konnte, rief ich um Hülfe. Aber Niemand antwortete. Da fiel mir erst ein, daß sie ohnmächtig sein könnte. Ich eilte rasch mit meinem Glase an den Sauerborn und besprengte sie tüchtig mit Wasser. Aber es half Nichts. Ich wiederholte das Manöver. Da endlich, nachdem ich schon zu verzweifeln begann, schlug sie die Augen auf und kam nach und nach zu sich. Ich sagte: »Gott sei Dank!« Sie aber war ganz verwundert. Endlich begann sie sich über ihre Lage klar zu werden und brach nun in einen Strom von Thränen aus, der allmählich in krampfhaftes Schluchzen überging. Da ich dieses für sehr wohlthätig erachtete, ließ ich sie ruhig gewähren. Und als sie sich herzlich satt geweint hatte, begann sie von selbst gleichsam zur Rechtfertigung der Scene, die ich eben angesehen hatte, ihre Erzählung: »Wenn Sie Alles wissen, Herr Pfarrer, werden Sie nicht erstaunen, daß mir schwach geworden ist. Ich habe es schon lange kommen sehen. Seit etlichen Tagen aber wußte ich es ganz gewiß, daß Etwas wegen mir im Werk war. Denn mein Vater saß nicht umsonst die Tage her so oft und so lange mit dem Bürgermeister und dem alten Fink im Wirthshaus und hatte nicht umsonst mit meiner Mutter so viel heimlich zu verkehren. Dazu kommt noch vorgestern Abend Försters Anna zu mir geschlichen und sagt: »Weißt Du auch etwas Neues? Wir sind veraccordirt: ich, Du, Fuchse Greth, Schulheimbuk's Lisbeth, Zimmers Dine und Treppe Dorth. In drei Wochen geht es nach Californien. Sie freuen sich schon Alle über den Staat und die Herrlichkeit. – Die schlechten Dinger! An das Andere denken sie nicht. Ich habe mir schon fast die Augen aus dem Kopf geheult. Doch, ich muß heim. Verrath' nichts, sonst bin ich verloren!« Damit war sie auch schon fort. Ich aber war ganz starr vor Schrecken, daß ich gar nichts sagen konnte. Doch war ich bald wieder ruhig, denn ich mußte immer denken: Deine Mutter hilft Dir! Deine Mutter läßt es nimmer zu. Sie hätte es auch nicht zugelassen und hätte es bei meinem Vater auch durchgesetzt; denn so nachgiebig sie sonst gegen ihn ist; was uns Kinder angeht, hat sie immer ihren Willen behauptet. Aber sie hatten es zu pfiffig angefangen. Sie wollten ihr das Haus nehmen – ihr letztes Eigenthum – und das läßt sie sich nicht nehmen. Dazu ist sie viel zu stolz. Ach, die Zwei: der Bürgermeister und der alte Fink – das sind zwei Bösewichte, so schlecht und schlau! Die kennt Niemand aus. Früher hatten wir als allerhand Waaren beim Krämerheimbuk geborgt und der Vater hat auch noch als baar Geld bei ihm gelehnt. Auf einmal waren es dreihundert Gulden und wir wußten gar nicht, wie sie zusammengekommen waren. Aber sie waren da. Der Krämerheimbuk hat es uns vorgerechnet bis auf den letzten Pfennig. Und es wäre schon damals Alles zur Versteigerung gekommen, wenn wir ihm nicht das Haus verschrieben und sich meines Vaters Bruder für uns verbürgt hätte. Jetzt hat der alte Fink dem Krämerheimbuk die Schuldforderung abgekauft. Und der will nun entweder mich oder das Haus. Auf etwas Anderes will er sich nicht einlassen. Das Alles habe ich nicht so gewußt. Gestern Abend hat es mir meine Mutter erst gesagt und dabei bemerkt: »Du wirst Dich doch wohl fügen müssen.« Ach, ich bin gar so sehr erschrocken, als ich erfuhr, daß wir in der Gewalt des schrecklichen Menschen wären und meine Mutter ihm beistimmte.
»Lieb Mutterchen,« habe ich gesagt, »Du wirst es nicht thun! Nicht wahr, Du hast mich lieber als das Haus? Du weißt, ich wäre verloren hier und dort, wenn Du mich diesem Manne übergibst. Ebensogut könntest Du mich, Dein eigen Fleisch und Blut, mit diesen Deinen Händen in die Hölle hineinstoßen, wie Du mich zu Schmach und Verbrechen verkaufst?« Da wurde sie feuerroth im Gesicht und ich dachte schon, ich hätte gewonnen Spiel, da meine Worte solchen Eindruck machten. Aber es kam anders. Sie sagte: »Wie redest Du doch, mein Kind? Wo nimmst Du nur die Worte her, die einen ja ordentlich ergreifen? Doch, denke ja nicht, daß Du mich erschüttern könntest. Du kennst mich einfach nicht, sonst würdest Du Dich gar nicht mühen. Mein Herz ist todt und leer. Sie haben es draußen getödtet. Ich weiß von keinem Erbarmen, denn man hat kein Erbarmen mit mir gehabt. Sieh' ich habe Dich lieb, wie meine eigene Jugend, denn Du bist das Bild derselben. Ich hätte Dir auch gern die Leiden und Kämpfe erspart, die ich durchzumachen hatte. Aber es sollte nicht sein. Und wer kann seinem Schicksal entfliehen? Es ist so, wie ich es schon oft gedacht habe. Die Tugend ist recht schön, aber sie ist einmal für uns arme Leute nicht. Ich habe es nicht anders gefunden in der weiten Welt. Wo Armuth war, war auch Schlechtigkeit, Laster und Verbrechen. Es herrscht wohl auch viel Verdorbenheit unter den Reichen und Wohlhabenden. Aber es gibt immer noch Brave und Gute. Dagegen der Arme kämpft vergebens gegen sein Schicksal. Man glaubt gar nicht an seine Tugend. Wir heißen nur Spitzbuben, Strauchdiebe, Vagabonden, feile Dirnen, Bettelpack und Lumpengesindel. Und weil man einem alles Schlechte zutraut, so muß man auch schlecht werden.
Doch ich muß Dich einmal einen Blick in mein Leben thun lassen. Du sollst erfahren, was ich noch keinem Menschen gesagt habe.
Ich war ein junges, unschuldiges Ding und schön – wie alle Leute sagten – da hat mich auch Einer mitgenommen nach Amerika. Es ist schwer, wenn man so allein und schutzlos ist, sich der Frechheit der wilden Männer zu erwehren, aber ich wehrte mich. Eines Tages verfolgten mich zwei: ein Irländer und ein Italiener, die Haupthelden unseres Tanzlokals, auf die Straße. Ich jagte flüchtigen Fußes durch die Straßen von New-York. Aber die Beiden mir ständig nach, wie zwei wilde Bestien. Es war schon Alles öde und vereinsamt und nirgends Hülfe zu erwarten. Meine Kräfte fingen an nachzulassen. Noch einen Augenblick und ich war rettunglos in ihrer Gewalt. Schon streckten sie ihre Arme nach mir aus, da schrie ich Hülfe! Hülfe! so laut ich konnte. Und noch schrie ich – da kam es plötzlich wie eine Windsbraut über die beiden Kerle. Der eine flog in diese – der andere in jene Ecke der Straße. Ein Jüngling, hoch und gewaltig, war plötzlich zwischen sie getreten mit dem Rufe: »Weg, ihr amerikanischen Schurken! Ein deutsches Mädchen schreit um Hülfe!«
Nie werde ich seinen Anblick und seine Worte vergessen. Es war eine große, kräftige Gestalt mit langen, blonden Locken und blauen, blitzenden Augen und einem Gesicht, so fein, wie ein Mädchenangesicht. Er hatte mich an seinen Arm genommen und nun stand er da, hochaufgerichtet, mit einem einfachen Stock bewaffnet, um seine Gegner zu empfangen. Denn diese hatten ihre Messer gezogen und drangen wüthend auf ihn ein. Mit etlichen wohlgezielten Streichen trieb er die Feiglinge in die Flucht. Und da ich noch sehr entkräftet war, nahm er mich mit in ein naheliegendes Kaffeehaus und ließ mir eine Tasse Kaffee reichen. Er betrachtete mich eine Zeitlang unverwandt, ging dann mehrmals durch die Stube, in der außer uns Niemand war. Dann fing er auf einmal an und sagte: »Ich bin ein deutscher Student. Ich mußte flüchten, weil ich mein Vaterland zu heiß geliebt habe. Zu Hause sitzt eine alte Mutter und eine bleiche Braut. Die weinen um mich. Ich werde sie nie wiedersehen. Ich bin daheim zu lebenslänglichem Kerker verurtheilt. Da draußen, in den Wäldern, habe ich mir ein Haus gebaut. Aber es ist mir zu einsam dort, wo ich nur den Schall meiner Stimme und meiner Büchse höre. Darum kam ich in die Stadt. Ich suchte Menschen. Hier fand ich Dich. Du gleichest, liebes Mädchen, meiner Braut: dieselben treuen, braunen Augen, derselbe süße Mund und Deine Stimme ist meiner Mutter Stimme. Ich habe einen Entschluß gefaßt. In Amerika freit man schnell. Kannst Du mich lieben? Willst Du mein Weib werden?« Dann blieb er vor mir stehen – die Arme gekreuzt – und schaute mich an so ernst und so liebreich.
Ich war erst ganz erschrocken und verschüchtert. Endlich wagte ich die Augen aufzuschlagen. Ich spürte aber ordentlich, wie mein Herz und meine Seele zu ihm hinübergezogen wurden. Auf einmal lagen wir uns in den Armen und er drückte einen langen, heißen Kuß auf meinen Mund. So mag eine Zeitlang vergangen sein. Es waren die seligsten Augenblicke meines Lebens. Plötzlich schlug er sich wider die Stirn und sagte: »Da habe ich mich wieder einmal schön vergallopirt. Mädchen, wie heißt Du denn? Was bist Du? Und kannst Du auch über Dich verfügen?« Ich fühlte, wie mir alles Blut aus dem Gesichte zurücktrat. Mir war so angst, so angst. Ich wußte, daß ich mit dem einen Wort mein ganzes Glück vernichtete. Ich wollte lügen, aber ich konnte nicht. Ich nannte meinen Namen und sagte: ich sei eine Hurdy-Gurdy. Da wurde er bleich wie der Tod. Er schaute mich mit einer furchtbaren Verachtung an; dann aber so grenzenlos traurig, daß mir schon die Thränen aus den Augen stürzten.