»Anton,« rief mir der Bürgermeister, »schenk' einmal ein. Mach' auch dem Heimerdinger sein Glas voll und stell es hierher auf unsern Tisch. Und Du, Heimerdinger, setz Dich hier auf den Stuhl zu uns! Hörst Du? Nun, willst Du gehorchen? So. Und nun trinkst Du mit uns. Willst nicht? Bist Du etwa zu vornehm geworden? Auf Deine Gesundheit, Heimerdinger! So, das war einmal ein herzhafter Zug!«

Heimerdinger hat auf einen Zug sein Glas ausgeleert.

»Anton,« sagte jetzt der Bürgermeister zu mir, »kannst den Krug hier stehen lassen. Auf meinem Pult daheim ist Allerhand zum Ausschellen zurechtgelegt. Das kannst Du jetzt thun.«

Ich merkte, daß der Bürgermeister den Karren, den der alte Fink in seiner Hitze verfahren, wieder in das rechte Geleise bringen wollte und gab dem Heimerdinger einen heimlichen Rippenstoß, er solle mitgehen. Er hat mich auch verstanden. Ich habe es ihm angesehen. Er wollte auch mitgehen, aber er konnte nicht. Der Schnapskrug hielt ihn fest. Ich habe einmal gehört von der Klapperschlange, daß die die Vögel bannen könnte mit ihrem Blick, daß sie nicht fortkönnten, wenn sie auch wollten. Wie so ein Vogel saß auch der Heimerdinger da. Er wußte, daß ihm der Hals zugeschnürt würde, aber der Schnapskrug hielt ihn fest. Als ich ihn heute Abend aus dem Wirthshaus taumeln sah, da wußte ich, er war doch ein Judas geworden und hatte seine Tochter verkauft.

Herr Pfarrer, wenn Sie etwas thun wollen und thun können, thun Sie es schnell. Doch ich muß zehn blasen gehn.«


V.
An der Guntramseiche.

Der Sattler Guntram von Friedberg hatte sein nährendes Handwerk aufgegeben, weil er reich genug war und war ein gewaltiger Nimrod geworden zum großen Aerger aller Hasen und Füchse in den nahen Waldgebirgen, die durch das fortwährende Knallen seiner Flinte auf ihren einsamen Streifereien und Vergnügungen jetzt immerfort gestört wurden. Zu seinem besonderen Glück gab es damals in Deutschland keine Auerochsen und Bären mehr. Die hätten sich vielleicht nicht so lange ärgern lassen. Er war ein seltsamer Jäger; kurze Beine, kurzen Athem und kurzen Blick, und im Grunde hatten die Hasen und Füchse gar wenig Respekt vor seinem dicken Bauch und seinen dicken Brillengläsern. Aber wenn er Abends heimkam vom Anstand, da wußte er beim Glase Apfelwein und langer Pfeife so grausige Geschichten zu erzählen, daß die Andern nur mit offenem Munde und stehendem Haare zuhören konnten.

Doch die böse Welt wagte in letzter Zeit auch seine stille Größe anzutasten. Man sagte, das viele Wild, was er heimbrächte, kaufe er alles beim Förster in Cransberg. Und selbst in seinem Apfelweinklub, wo man ihm stets die aufrichtigste Bewunderung gezollt hatte und keinen Augenblick an seiner Fertigkeit zweifelte, drangen gelinde Bedenken ein. Zuerst waren Etliche so kühn, bei den Kraftstellen seiner Erzählung ein feines Lächeln sehen zu lassen. Dann widersprach man ihm sogar. Zuletzt utzte und hänselte man ihn ungescheut. »Ehre verloren, Alles verloren,« sagte Meister Guntram zu sich. »Heute gehe ich nicht heim, bis ich etwas geschossen habe.« – Da hatte der Cransberger Förster zu ihm gesagt: »Wenn Sie ein Reh schießen wollen, dürfen Sie nicht warten, bis Sie es sehen. Wann es im Gebüsche raschelt, wann Sie den Schatten sehen, dann drauf los.«