»Die habe ich sicher und schon bezahlt.«

Ueberdem trat Heimerdinger in die Stube. Er grüßte kleinlaut und setzte sich an einen Tisch, den ich von außen recht gut überschauen konnte. Die zwei Anderen belauerten ihn wie zwei Raubthiere, stellten sich aber, als kümmerten sie sich gar nicht um ihn.

Er that einen tiefen Zug Schnaps aus dem Glas, das ich ihm hingestellt hatte. Dann aber, als hätte er Gift getrunken, stieß er das Glas so heftig auf den Tisch, daß es fast ganz verschüttet ging und auf dem ganzen Tisch herumlief.

Es war still im Zimmer, aber es war keine wohlthuende Stille. Mir war so unheimlich, wie wenn schwere Gewitterwolken am Himmel hängen und kein Blatt sich regt in der schwülen Luft.

Heimerdinger stierte auf den Tisch. Dort war eine Mücke, frecher wie die andern, dem auf dem Tische liegenden Branntwein nahe gekommen. Aber der starke Duft hatte sie betäubt. Sie war hineingefallen. Ihre Flügel wurden naß, und nur mit Mühe schleppte sie sich eine Weile weiter. Endlich ganz betäubt und ermüdet sank sie hin und ersoff. Heimerdinger hatte mit großer Aufmerksamkeit und Aufregung zugesehen. Jetzt sprang er auf, schlug sich wider die Stirn und rief, als wenn er unsinnig geworden wäre: »Mein Bild – mein Bild! – Verflucht will ich sein, wenn noch einmal so ein gottverdammtes Glas an meine Lippen kommt.«

»Man meint, Du wolltest schon in aller Frühe eine Comödie aufführen. Bist und bleibst der lustige Heimerdinger«, sagte der alte Fink so kalt und spöttisch, daß ich ordentlich grimmig wurde über ihn.

Heimerdinger fuhr auf, als erwachte er aus einem wüsten Traum. Einen Augenblick starrte er auf die Beiden, dann sank er auf seinen Stuhl zusammen wie ein zugeklapptes Taschenmesser.

Nach einer Weile unterbrach wieder der alte Fink das Stillschweigen: »Heimerdinger, Du bist ein Esel!« rief er mit seiner tiefen und starken Stimme, daß es ordentlich schallte. Dem aber schoß auf einmal alles Blut in's Gesicht. Ganz rasend sprang er auf und faßte den alten Fink an der Gurgel, aber der baumstarke Fink drückte ihn zusammen, wie ein Kind, schüttelte den vor Wuth Zitternden und schrie: »Ruhig, sage ich, ruhig!« Dann schob er ihm sein Glas zu und sagte: »Da trink! – Und nun sage ich noch einmal: Du bist ein Esel, weil Du Dir helfen kannst und thust es nicht! Bist Du denn noch der alte, fidele Heimerdinger? Ich kenne Dich nicht wieder. Ich dachte, wenn es Einer im Dorfe leicht nimmt, daß Alles d'rauf geht, so ist es gewiß der Heimerdinger. Jetzt thust Du aber gerade, als wäre es mit Dir Mathäi am Letzten. Lustig, sag' ich, immer lustig! So trink doch, Du Schwerenöther! Und wenn Du kein Geld hast und der Wirth nicht mehr borgt, so hast Du noch gute Freunde. Hier hast Du ein paar Thaler.«

Heimerdinger war wieder in seinen Trübsinn verfallen. Er hatte das Schnapsglas nicht angerührt, obgleich er den Blick nicht von ihm wenden konnte. Als ihm aber der alte Fink die Thaler aus seinem Beutel hinschüttete, hatte er plötzlich aufgeschaut und ihn mit großen Augen angesehen. Er nahm jeden Thaler in die Hand und wog ihn. Es war, als wolle er es nehmen. Plötzlich schob er es aber wieder zurück und sagte: »Glaubst Du, ich wüßte nicht, wo Du hinauswillst, warum Du die Verschreibung an Dich gebracht hast und nun das Geld einforderst? Du willst meine Babett. Aber die ist viel zu gut für Deine versoffenen Matrosen und Deine californischen Goldgräber. Ich verkaufe mein frommes, schönes Kind nicht. Ich kann nicht, wenn ich auch wollte. Behalte Dein Blutgeld; ich bin kein Judas.«

»Himmelsakramenter!« schrie der alte Fink, fast blau im Gesicht vor Zorn. »Du miserabler Hund, Du Lump! hast Weib und Kind an den Bettelstab gebracht und willst mir so etwas bieten.« Dabei nahm er einen Stuhl und stieß ihn auf den Boden, daß die Splitter in alle Ecken flogen. Mit diesem furchtbaren Ausdruck seines Zornes schien sich derselbe auch schon wieder verkühlt zu haben und nur noch wie nachrollender Donner hieß es: »Ei, Dich soll ein Gewitter verschlagen, Du verfluchter Lump!«