I.
Das exercirende Ehepaar.

Ich hatte den Gipfel des Dachsbergs wieder erreicht und war somit in den Bezirk meines Kirchspiels eingetreten. Hier pflegte ich mich von dem ermüdenden Steigen zu erholen und einen kleinen Umblick zu halten. Denn die Aussicht von dort in die gesegneten Fluren der Wetterau, die einem weit und breit, umgränzt von den blauen Höhen des Vogelbergs, zu Füßen liegt, und in die vielen Dörfer, Städte und Burgen ist eine so reizende, daß man sich immer wieder gefesselt fühlt, wenn man sie auch schon hundert und tausendmal betrachtet hat.

Heute bedurfte ich der Ruhe mehr, als gewöhnlich, da ich von einer ziemlich weiten Fußtour zurückkehrte und die Sonne mit ihren heißen Glutblicken mir an dem langen Sommertage gehörig zugesetzt hatte. Ich suchte mir deshalb ein bequemes, schattiges Plätzchen im nahen Buchengehölz, und nachdem ich mir eine Cigarre angesteckt und meine müden Glieder behaglich auf dem schwellenden Moose ausgestreckt hatte, genoß ich mit allen Sinnen den herrlichen Abend, den Gott über das Land hereinsandte.

Die Cigarre schmeckte besser, als heute den ganzen Tag. Der kräftige Waldesduft stärkte die erhitzten Lungen und gab neuen Lebensmuth. Zu meinem besonderen Ohrenschmause schienen Finken und Drosseln einen kleinen Sängerkrieg veranstaltet zu haben. Das Auge hingegen ruhte vergnüglich auf der mit Schönheiten gesättigten Landschaft. Aber all' dieser beneidenswerthe Genuß konnte mich nicht der Art erfassen, daß nicht der müde Leib, durch die bequeme Lage verführt, in jenen träumerischen Halbschlummer gefallen wäre, der nur wenig bedurfte, um in festen Schlaf überzugehen.

Aus diesem süßen Hindämmern wurde ich durch Stimmen auf der Landstraße aufgeschreckt. Es war sonderbarer Weise ein militärisches Commando, was ich hörte. Ich glaubte anfangs noch zu träumen. Denn wie kam hier Militär her? hier auf die einsame Gränze? – Sollte eine Räuberbande entdeckt worden sein? Sollte der Schmuggel eine solche Ausdehnung gewonnen haben, daß man Militär requirirt hatte? – daß sich dieselben Scenen wiederholten, wie etwa vor vierzig Jahren, wo auf der nämlichen Stelle ein furchtbares Gemetzel mit den Schmugglern stattfand? Ich verwarf bald diese Gedanken, die mir nur so durch den Kopf schossen, als zu abenteuerlich. Und doch hörte ich jetzt ganz deutlich durch den Wald hin: »Bataillon halt! Gewehr ab! Auf der Stelle ruht!« – Freilich vernahm ich nicht das Aufstampfen der Füße, das Rasseln der Gewehrkolben. Aber jetzt hieß es wieder: »Bataillon Achtung! Gewehr auf! Vorwärts marsch!«

Ich war neugierig geworden und schob die Zweige auseinander, um besser die Straße überblicken zu können und sah dann zu meinem Erstaunen nichts weiter, als einen Mann und eine Frau in der üblichen Landestracht, die jetzt ganz in meine Nähe gekommen waren.

Von ihnen mußten die Stimmen herrühren. Und so war es auch. Ich bemerkte es nun ganz deutlich. – Der Mann, obwohl er nur im Kittel war, wußte sich eine Würde zu geben, wie sie nur ein Unteroffizier zu haben vermag. Wie warf er sich in die Brust – wie legte er das Gesicht in gemessene, gewichtige Falten, wenn er das Commandowort aussprach! Leicht voltigirte er neben der Frau her, die groß, stramm und strack, wie Frankreichs erster Grenadier dahergeschritten kam, die eine Hand fest angepreßt an den kurzen Unterrock, in der andern eine lange Stange mit eisernem Haken statt des Gewehrs haltend, den Kopf hoch aufgerichtet, aber nur mit einem kleinen Hessenhäubchen bedeckt, statt mit einem Czako oder Helm. Ich hätte herzlich lachen mögen, so komisch war das Alles. Und doch lachte ich nicht. Die Frau that mir so leid.

Ich kannte die Leute. Sie waren aus meinem Kirchspielsdorf. Es war ein verdorbener Schneider, Namens Heimerdinger und seine Frau.

Das Sitzfleisch hatte ihm gefehlt, wie so vielen dieser beweglichen Naturen, und er hatte deshalb sein Handwerk aufgegeben. Um seiner finanziellen Lage aufzuhelfen, war er mit Weib und Kind in's Ausland gezogen und hatte sich besonders im Oestreichischen umhergetrieben, Alles angreifend und probirend, aber ohne Geduld und Erfolg. Abwechselnd wirkte er bald als Hausknecht, bald als Gärtner, bald als Schornsteinfeger, bald als Bretzeljunge; zuletzt wurde er Hanswurst bei einer Seiltänzerbande und dann noch gar Schauspieler bei einer umherziehenden Truppe. Viel heimgebracht hatte er nicht. Aber Eins hatte er draußen gelernt und das verstand er jetzt aus dem Fundamente: das Schnapstrinken. Und so war bald der Rest des Vermögens durch die Gurgel gejagt: zuerst ein Acker nach dem andern und zuletzt wurde das Häuschen, worin sie noch wohnten, über und über verpfändet. Um sich das Nöthigste zu erwerben, hatte er jenen leidigen Ernährungszweig ergriffen, wie so viele Arme und Heruntergekommene aus dem Dorfe, daß er mit Frau und Tochter, jedes mit einem eisernen Haken versehen, um die Aeste herunterzureißen, täglich in die weiten Gebirgswaldungen zog, eine tüchtige Partie dürren Holzes zusammenstahl und dieses in der eine Stunde entfernten Stadt verkaufte. Was er erlöste, vertrank er. Was Frau und Tochter verdienten, davon wurde die Haushaltung bestritten.