Die Frau dagegen war mir in jeder Hinsicht ein Räthsel. Sie war durchaus kein gewöhnliches Weib. Schon ihre körperliche Erscheinung bekundete dieses. Mit ihrer hohen, majestätischen Gestalt und ihrem schönen feinen Gesicht hätte sie in andrer Kleidung und in anderen Verhältnissen, wenn auch nicht gerade Aufsehen erregt, doch imponirt und wäre nicht unbeachtet geblieben. Aber wie ihr Auftreten nicht harmoniren wollte mit ihrer Beschäftigung, so paßte auch ihre Sprache nicht dazu. Denn diese war edel und verrieth Bildung und Belesenheit, so daß man leicht zu der Vermuthung kommen konnte, sie sei kein Dorfkind, sondern eine Dame von Stand wäre durch ganz außerordentliche Begebenheiten in diese Verhältnisse gekommen. Ich dachte anfangs, es sei Alles nur äußerer, glänzender Firniß, angelerntes Wesen. Inwendig sei sie so gemein und niedrig gesinnt, wie die Andern. Denn ein gebildetes Weib kann sich selbst in der größten Noth kaum an solcher elenden und schmachvollen Ernährungsart betheiligen. Es kann aber absolut einen solchen Mann nicht achten und noch weniger sich den so excentrisch tollen Launen seines trunkenen Muthes fügen, die es selbst der Lächerlichkeit preisgeben.
Doch dagegen sprach gar Mancherlei. Ihre stille und nachdenkliche Art, womit sie dem Treiben des Dorfs auswich und sich abschloß; ihre Klugheit, da sie mit den beschränktesten Mitteln eine ganz schöne Haushaltung führte; ihr Schönheitssinn, denn ihr Gärtchen war stets am zierlichsten und in ihrem Zimmerchen sah es immer nett und behaglich aus; die Weise, wie sie ihre Kinder erzog, indem diese nicht blos ständig reinlich und hübsch gekleidet gingen, sondern auch so etwas Vornehmes in ihrem ganzen Wesen hatten, – eine ganz andere Art zu denken und zu fühlen, als die übrigen Dorfkinder.
Und so war es mir wie eine Ahnung, diese unbedingte Fügsamkeit und dieses Hergeben zu den niedrigsten Beschäftigungen sei nichts Anderes, als strenge Buße, welche sie sich für ein vergangenes sündiges Leben auferlegt hatte. Wenn es aber wirklich Buße war, so fehlte ihr jedenfalls die rechte Weihe des Glaubens. Denn es war dabei etwas so Verbittertes, Stolzes, Abstoßendes in ihr, daß Niemand sich in ihrer Nähe wohl fühlte. Und seit sie den Plan gehabt hatte, ein Geschäft zu gründen und sich durch ihre nicht geringe Geschicklichkeit in weiblichen Handarbeiten zu ernähren und die ganze Anlage mißglückt war, war sie noch stolzer und herber geworden. Ich war noch liegen geblieben, bis das seltsame Paar eine Weile fort war. Als ich mich aber endlich von meinem königlichen Lager erhob, traf ich gerade mit einer Schaar Leute zusammen, die ich alsbald für lauter heimkehrende Holzhändler der eben beschriebenen Sorte erkannte. Da war vor Allen der Nestor dieser Helden des Holzfrevels und des Amtsgefängnisses »der Maulwurf«, ein alter verwetterter Gesell, der schon von Jugend auf unverdrossen dieses Geschäft trieb, weil er zu jedem andern als untauglich erfunden worden war. Ich weiß nicht, ob er diesen ehrenden Beinamen deshalb erhalten hatte, weil er eine besondere Geschicklichkeit besaß, Höhlen und Löcher aufzusuchen und sich darin zu vergraben und den nachstellenden Förstern und Holzschlägern zu entgehen, oder weil er die Gewohnheit hatte, Alles, was er verdiente, in Speise umzuwandeln, um seinen breiten, liebenswürdigen Mund damit zu füttern, oder gar wegen der wulstigen, aufgeworfenen Lippen. Das ist aber gewiß, wenn er über einen gefüllteren Geldbeutel hätte verfügen können, er wäre einer der ausgemachtesten und renommirtesten Feinschmecker geworden; so blieb er nur ein besonderer Liebhaber von Weißbrod, Kuchen, frischer Leberwurst und Kartoffelsalat mit Speck.
Da war weiter »das Käschen«, ein spitzer, kleiner Geselle, die dürre Gestalt ganz in englisches Leder gehüllt. Er gab gewiß in der Klugheit dem vielgewanderten Odysseus nichts nach, denn er hatte aus lauter Klugheit sein schönes Vermögen verloren. Aus lauter Klugheit ging er nie die offene Straße, sondern stets die Schleichwege, er kam nie die Vorder-, sondern stets die Hinterthüre herein. Ein ehrlicher Handel war ihm ein Gräuel. Dagegen in alle Stänkereien und schlechte Geschichten der ganzen Gegend war er verwickelt, hatte aber auch meistens den Schaden zu tragen. Und während alle Welt glaubte, er müsse im Geld sitzen bis über die Ohren, machte er plötzlich Bankerott. Natürlich war es ein betrügerischer, aber es half ihm doch nichts. Jetzt wandte er hauptsächlich seine Klugheit dazu an, um Käse zu erlangen, der eine leidenschaftliche Liebhaberei von ihm war, und den Wächter des Amtsgefängnisses zu betrügen. Denn jedes Vierteljahr wurde beim Amte große Abrechnung gehalten und da mußten die Herren Holzhändler die verschiedenen Holzfrevel absitzen, wobei sie erwischt worden waren. Im Amtsgefängniß war aber besonders »das Rauchen und Kartenspielen« verboten und der Wächter wachte mit Argusaugen. Aber Käschen-Odysseus wußte Pfeife, Tabak und Karten dennoch hinein zu schmuggeln. Eine brennende Pfeife gab er ab, sagte aber dem arglosen Wächter nicht, daß er eine andere im Strumpfe bei sich führe. Den Tabak hatte er in einem Töpfchen, worüber Käsematten gebreitet waren und die Karten waren in das Futter seiner Mütze eingenäht. – Eigentlich die hervorragendste Gestalt unter den Männern war der schwarzbärtige, große Mann, der um eines Hauptes Länge über die ganze Gesellschaft hinaussah: »Der Herr Baron«. Er war in seiner Blüthenzeit ein Hauptschwindler gewesen, der bald die Rolle eines russischen Grafen, bald die eines englischen Lords spielte und sich Tausende erschwindelte. In einem amerikanischen Gefängniß hatte er »die Rothe« kennen gelernt, und war er schlau, sie war noch schlauer, und war er stolz, sie hat ihn klein gekriegt. Jetzt war er nur noch eine Ruine, ein gebrochner, blöder Mensch.
Doch wo der Ruhm so manches Anderen gemeldet wird, darf ich auch Deiner nicht vergessen, edler »Heckenkonrad!« Denn wenn Du auch nicht gerade der Reinste in Gesicht, Händen und Kleidung warst, so warst Du doch der Unschuldigste von ihnen. – Der dicke Kopf und der stiere Blick des Heckenkonrad verrieth sofort den Cretin. Und doch hatte ihm einst der Gemeindevorstand die Heirathserlaubniß ertheilt. Aber, als er sich die nöthigen Papiere und den Proklamationsschein auf dem Amt geholt hatte und er sie triumphirend unter seiner Kappe heimtrug, kam ein großer Wind und jagte Kappe und Papiere in den Bach. Die Kappe bekam er wieder, aber die Papiere rissen die Wellen mit sich fort. Wenn man ihn jetzt noch fragt: »Konrad, warum hast Du nicht geheirathet?« ist seine ständige Antwort: »das Glück ist mir fortgeflogen.« Aber noch immer sammelt er für seine künftige Heirath und nähet jeden Kreuzer, den er verdient, in das Futter seiner Hosen. Es mögen zwar diese Schilderungen den Leser ein wenig ermüden, aber es wäre doch unartig, die Damen ganz zu übergehen. Zumal darf »die Florentine« oder auch sonst »die Speckdine« genannt, nicht übergangen werden. Dazu wäre sie auch etwas zu groß, (denn sie mißt wohl eher etwas über als unter sechs Fuß) und die wasserblauen Augen zu schmachtend und der spitze Mund zu süß. Freilich thut die Magerkeit ihrer Liebenswürdigkeit etwas Eintrag. Ihr Fuß ist etwas sehr groß und breit, ihre Schultern etwas sehr schmal, ihr Hals etwas sehr lang und ihr Köpfchen etwas sehr klein, und nun hat sich auch ein Zöpfchen losgemacht, und der Wind treibt es hin und her. Sie hat früher ihre Nachtigallenstimme neben einer Orgel ertönen lassen und in ihre süßen Flötentöne mischte sich melodisch der dumpfe Baß ihres Geliebten. Aber der Geliebte verließ sie, und sie mußte einsam wandern mit der Harfe. Sie legte nun allen Schmerz getäuschter und alle Sehnsucht hoffnungsloser Liebe in ihre Lieder und stimmte andere schöne Seelen zu gleichem Schmerz, zu gleicher Sehnsucht. Aber die Harfe ward verstimmt und der Schmerz vertrocknete und die Einnahmen versiegten. Sie mußte Holzhändlerin werden. Aber noch immer sind ihre Augen schmachtend, und Abends in der Dämmerung singt sie zur Harfe.
Neben ihr ging »das Schnuckeschen«, eine alte Flamme »des Maulwurfs«. Die Zeit, die Alles verzehrt, hatte ihr nur noch einen Zahn gelassen. Dafür hatte sie ihr in den alten Tagen einen üppigen Bartwuchs gegeben, zum Theil um das Kinn, aber auch zum Schrecken der Menschheit auf der Nase, um eine breite rothe Warze herum. Ihre tückischen, kleinen Augen, ihr verschrumpftes Gesicht und ihre hohe Schulter vermehrten nicht grade die Schönheit, doch soll sie, als »der Maulwurf« sie »Schnuckeschen« nannte, etwas reizender gewesen sein.
Etwas zurückgeblieben war »die Rothe«, nach Zigeunerart ein Kind auf dem Rücken und einen Rothkopf an der Hand. Sie war, wie ihr geduldiger Eheherr sagte, »etwas rasch mit dem Maul« und manchmal wäre sie, meinte er, doch »etwas gar scharf«. In Wirklichkeit galt aber von ihr, was der ungerechte Richter im Evangelio von sich rühmt: sie fürchtete Gott nicht und scheute sich vor keinem Menschen. Zucht und Scham hatte sie schon als Tanzmädchen in Californien gelassen und sah auch jetzt noch dieselben als etwas höchst Ueberflüssiges, ja Störendes an. Ein Schwarzwälder Uhrenhändler sagte mir einst: »Ich verkaufe schon dreißig Jahre Uhren und bin in aller Herren Länder gekommen und habe in viele Haushaltungen geblickt und weiß der Himmel! viel Frauen kennen gelernt. Lange habe ich die Lügengreth' von Niederallendorf für die Schlimmste gehalten, aber fürwahr, vor »der Rothen« müßte die klein beigeben. Das ist ja ein wahrer Satan. Ich glaube, vor der müßte der Gottseibeiuns selber die Segel streichen.« – Neben her trabte »der junge Maulwurf«, baarhäuptig und baarfüßig, mit Aermeln so blank, wie weiland der Spiegelschwab, die verrätherische Warze auf der Nase und den Wurstlippen.
Das war die ehrenwerthe Gesellschaft, zu der ich jetzt trat. Aber in ihrer Mitte schritt ein wirklich liebliches Mädchen, ein Bild von Schönheit, Gesundheit und unverdorbener Jugendkraft. Mit ihren hellen blauen Augen, ihren langen, blonden Zöpfen, ihrem hohen zierlichen Wuchs und dem ächt jungfräulichen Wesen, was über ihre ganze Erscheinung ausgegossen war, bildete sie einen solchen Gegensatz gegen diese unsauberen, verkommenen Gestalten, daß man denken mußte: »Sie ist nicht in dem Thal geboren«, ein andrer Boden hat sie erzeugt, eine andere Sonne sie beschienen.
Es war Babette, die Tochter des versoffenen Schneiders Heimerdinger. Aber es war nicht blos ein schönes Mädchen, sondern auch edel und hoch begabt und von einer kindlichen Frömmigkeit. Ich kannte sie noch aus der Schule und der Confirmandenstunde her.