Ich war ein Stück Wegs mit ihnen gegangen, hatte einige gleichgültige Worte mit ihnen gewechselt und wollte eben voraus eilen, als Heimerdinger und seine Frau zu uns stießen, die an einer Waldecke auf uns gewartet hatten. Er spielte jetzt nicht mehr den Unteroffizier, sondern den stolzen Spanier, der mit seiner Sennora am Arm, jeder Zoll ein Cavalier, auf uns zugeschritten kam. Seine Frau schämte sich und wollte sich losmachen. Aber er duldete es durchaus nicht, sondern trat auf mich zu und redete mich leicht und vornehm an, indem er seinen Schnurrbart drehte: »Eine Reise gemacht, Herr Pfarrer? Hm – Bin früher auch gereist. Hab's jetzt aufgegeben. Man wird alt, Herr Pfarrer, man wird alt. Denke jetzt oft an die Reise in die Ewigkeit. Sind ja hier nur Fremdlinge und Pilgrime. Haben keine bleibende Stätte, sondern die zukünftige suchen wir. Spreche als manchmal, wie Paulus sprach: Habe Lust abzuscheiden und bei Christo zu sein.«

»Lästert nicht, Heimerdinger«, entgegnete ich ernst, »Gott läßt sich nicht spotten.«

»Herr Pfarrer! Ich werde verkannt. Alles verkennt mich. Mein Weib verkennt mich, meine Kinder verkennen mich. Sie verkennen mich auch. Ich habe ein butterweiches Herz und kann durchaus die Sünde nicht leiden. Wie oft sprach ich zu dem Maulwurf: »Alter! Alter! Das Reich Gottes ist nicht Essen und Trinken« und zu dem Baron: »Die sich selbst erhöhen, werden erniedrigt werden, und Hochmuth kommt vor dem Fall.« Sie meinen mit Ihrem Schelten gewiß den Branntwein, Herr Pfarrer! Ich weiß es. Sehen Sie, das hat seine eigene Bewandtniß. Alles hat seine zwei Seiten, nur die Buchecker hat ihrer drei. Und prüfet Alles; aber das Gute behaltet, spricht Paulus. Ich trinke gern Branntwein, das ist wahr; aber ich trinke auch gern Wein. Nun läßt unser Herr Gott für jeden Menschen seinen Theil Wein wachsen, hat mir einmal ein alter Mönch in Ungarn gesagt. Ich bekomme aber meinen Wein nicht. Und der Mensch hat doch Durst. So trinke ich als Branntwein. Und weil der Andere mir meinen Wein trinkt, so trinke ich seinen Branntwein und das von Rechtswegen. – Doch nun muß ich eins singen: Sie erlauben es, Herr Pfarrer! –

Der Branntewein, der Branntewein!
Das ist so mein Vergnügen.
Da saug' ich frisches Leben ein
In langen, langen Zügen.
Gluck, Gluck, Gluck,
Gluck, Gluck.
Des Morgens, wenn ich früh aufsteh',
Thu ich mein Gläschen trinken,
Und wo ich bin und wo ich geh' –

Herr Pfarrer! die Babette zupft mir fast den Kittel vom Leib und stört meinen Gesang. Sie ist ihrer Kindespflichten durchaus nicht eingedenk. Ich werde ihr wohl eine kleine Ermahnung geben müssen. Vor einem grauen Haupte sollst du aufstehen, heißt es, und: Ehre Vater und Mutter, auf daß dir es wohlgehe und du lange lebest auf Erden. Jetzt hast du Deines alten Vaters ganze Gesangesfreude vernichtet. Nun zieht die Sorge wieder in meine Brust, wie ich Euch ernähren sollte und nicht ernähren kann. O, ich möchte weinen!« Und damit liefen ihm wirklich die hellen Thränen die Backen herunter, zum lauten Gelächter seiner ganzen Umgebung. Ich aber war froh, daß wir in den Bereich des Dorfes gekommen waren und eilte auf einem näheren Pfade meiner Wohnung zu.


II.
Der verhängnißvolle Brief.

Des andern Morgens kam die alte Balzerswäs zu mir, beiläufig bemerkt: die reichste Bauersfrau aus dem Dorfe. Sie hatte etwas Wichtiges, denn sie hatte die Sonntagsnachmittagsschürze an und machte mir einen Teller voll rother Herzkirschen zum Geschenk. Nach einer langen Einleitung über das Wetter und über Dorfverhältnisse rückte sie denn auch endlich heraus.

Sie war die Woche, wie sie sagte, »auf dem Seminario« in J. gewesen, um ihren Sohn zu besuchen. Denn sie hatte so lange Jahre immer die Lehrer in Kost und Logis gehabt, daß sie mit Recht verlangen konnte, daß Einer ihrer Söhne sich auch dem Lehrerstande widme.