Es war schon spät Abends, als sie in J. ankam und sehr ermüdet, wie sie war, hatte sie auch nicht lange mit dem Schlafengehen gesäumt. Und des andern Morgens lag sie noch in guter Ruhe, als ihr Sohn schon wieder »auf das Seminario« mußte. Da hatte sie sich aber auch schnell herausgemacht. Und weil sie nichts Anderes in seiner Abwesenheit zu thun wußte, fing sie an, in seinen Sachen zu kramen. Als sie aber einmal in's Kramen, Mustern und Ordnen gekommen war, wurden auch alle seine Siebensachen durchstöbert und ein Stück nach dem andern vorgenommen. Denn als liebende und sorgliche Mutter mußte sie Alles wissen und kennen, was ihren Sohn anging. So hatte sie auch eine Weste in die Hand bekommen und einen schadhaften Sack entdeckt und in dem schadhaften Sack einen Brief gefunden. Da war ihr denn sehr leid gewesen, daß sie ihre Brille zu Hause gelassen, denn ohne Brille konnte sie nicht mehr gut sehen. Aber die Neugier hatte sie doch nicht ruhen lassen. Sie hatte den Brief entfaltet und sich an's Fenster gestellt und endlich nach langem Buchstabiren die Unterschrift herausgebracht. Sie wollte aber ihren Augen nicht trauen, denn die lautete höchst sonderbar: Deine Dich bis in den Tod liebende Babette Heimerdinger. Da war just in aller Welt an niemand Anderes zu denken, als an des versoffenen Schneiders Töchterlein. Als ihr das aber erst so recht klar wurde und sie sich an Dieses und Jenes erinnerte, über das ihr jetzt erst ein Licht aufging, wurde es ihr bald heiß, bald kalt und sie meinte, sie bekäme das Gallenfieber. Sie konnte es kaum erwarten, bis ihr Sohn heimkam. Dann aber hatte sie es ihm gesagt. Sie meinte denn, sie hätte es ihm tüchtig gesagt. –
»Allen Respekt davor, Frau Balzer«, sagte ich, »ich hätte nicht an Ihres Sohnes Stelle sein mögen.« –
»Aber denken Sie an! Herr Pfarrer, er gab sich nicht.« Und um es noch kräftiger zu betonen, daß ihre so eindringliche Rede keinen Erfolg gehabt hatte, schüttelte sie ihr graues Haupt und sprach mehrmals hintereinander: »Nein, er gab sich nicht – nein, er gab sich nicht. Er sagte, er würde nicht von dem Mädchen lassen und wenn wir ihn enterbten. Nur der Tod könne sie scheiden.«
Und nun brach sie im Gefühle ihrer beleidigten Mutterwürde in einen Strom von Thränen aus, die sie mit der neuen Schürze abwischte.
Dann aber sich plötzlich emporrichtend, gab sie mir den Brief, dessen sie sich bemächtigt hatte. »Lesen Sie nur einmal! Da können Sie sehen, was das heilige Babettchen für ein sauberes Mensch ist! Wenn Gerechtigkeit wäre, müßte solch' eine Verführerin in das Zuchthaus.«
Ich las den Brief, während sie still fort weinte. Es leuchtete aus demselben eine zarte, innige Zuneigung zweier unverdorbener jugendlicher Herzen, die unbewußt mit ihnen aufgewachsen war. Es wäre die größte Grausamkeit gewesen, hier störend einzugreifen, selbst wenn man ein Feind von solchen Liebeleien war. Ich muß eben gestehen, daß ich sogar eine starke Sympathie für dieses Liebesverhältniß fühlte und mir die Nachricht davon eine Art Genugthuung und Freude erregt hatte. Denn sie waren Beide meine Lieblinge und ich hatte schon oft im Stillen gedacht, was das ein herrliches Paar gäbe, wenn das leidige Geld, Stand und Verwandtschaftsverhältnisse nicht wären. Darum sagte ich: »Aber liebe Frau Balzer, der Brief enthält ja durchaus nichts Böses und Schlechtes.« »Ei, Ei, Herr Pfarrer,« rief sie, »überlegen Sie doch einmal! Sie hat ja gar Nichts, auf der ganzen Gottes Welt Nichts« – und immer mehr sich meinem Ohre nähernd und immer lauter schreiend, als könnte sie mir das schreckliche Verbrechen desto klarer machen, rief sie: »Sie hat ja gar kein' Sach' und kein Vermögen!« »Dafür haben Sie desto mehr,« erwiderte ich ganz ruhig. Nun gerieth sie aber in vollen Eifer und Zorn. »Sie sind freilich noch jung und unerfahren und haben den Verstand nicht wie unser eins. Darum kann man's Ihnen nicht so übel nehmen. Ei, das ist es ja gerade, daß wir einen schönen Wohlstand haben. Glauben Sie, man hätte sich den Rücken krumm und die Nägel von den Fingern gearbeitet, um diesem faulen, liederlichen Lumpengesindel das Maul zu schmieren? Glauben Sie, wir hätten alle die Unkosten nicht gescheut und unsern Ernst Schullehrer werden lassen, um ihn hernach an das Bettelmensch wegzuwerfen? Ich darf gar nicht daran denken, was es uns schon gekostet hat, sonst wird es mir schwindelig. Der ganze Beutel mit Kronenthalern, den ich und mein Balzer selig dafür zusammengespart hatten, ist fort. Wenn man die Schinken, die Wurst, die Butter und Eier erst rechnen wollte, die ich oder der Hanjost hinübergeschleppt haben und die feine Montur und das Weißzeug – es macht ja ein Heidengeld zusammen. Aber man thut es ja gern. Jedesmal, wenn mein Balzer selig einen Kronenthaler in den Beutel that, dann lachte er schon ganz stolz und sagte: »das ist für den Herrn Lehrer.« Es ist wahrhaftig gut, daß er diese Geschichte mit dem Ernst nicht mehr erlebt hat. Es hätte ein Unglück gegeben! – Aber ich sage es immer: er ist nicht schuld daran; er war ja sonst immer ein braver, gehorsamer Bub. Das Satansding hat ihn verhext. Sie müssen mir den Gefallen thun, Herr Pfarrer, und es kommen lassen und ihm gehörig die Leviten lesen über seine Schlechtigkeit und ihm in's Gewissen reden, daß es den Ernst aufgibt. Es kriegt ihn doch nicht, so gewiß ich Balzern heiße!«
Ich entgegnete ihr hierauf mit ganzem Ernst, daß ich das durchaus nicht thun würde. Ueberhaupt bäte ich sie, von der Babette Heimerdinger mit mehr Achtung zu reden, denn diese verdiene es. Wenn die zwei jungen Leute ein Vorwurf träfe, so wäre es der, daß sie mit mehr Ueberlegung hätten zu Werk gehen, die Schwierigkeit der Verhältnisse bedenken und bei Zeiten die aufkeimende Neigung unterdrücken sollen. Sie hätten sich jedenfalls viel Kampf und Kummer erspart. Aber wer könnte solche Bedachtsamkeit von solcher Jugend erwarten? Nun sei es wahrscheinlich zu spät. Ich wolle sie zwar nicht hindern, das Ihrige zu thun, würde aber selbst ihr in Nichts die Hand reichen. Sie würde auch wahrscheinlich durch alle ihre Einwirkungen das Liebesfeuer nur noch stärker anblasen. Ich rieth ihr vielmehr, der Sache vor der Hand ihren Lauf zu lassen und nur ein wachsames Auge zu haben. Es könne sich ja noch ohne ihr Zuthun Alles anders gestalten. Sie solle auch ja nicht wähnen, das ihre Ansichten und Worte Gott besonders wohlgefällig wären. Ihr Geldstolz und ihr liebloses Urtheil seien vielmehr durchaus unchristlich.
Die Balzerswäs war mit diesem Bescheid gar nicht einverstanden. Sie sagte zwar nichts mehr, aber sie ging mit so unbefriedigtem Gesicht hinweg, daß durchaus nichts Günstiges für die Liebenden darin zu lesen war.
Der Brief, den ich leider sogleich wieder zurückgeben mußte, war etwa folgenden Inhalts, soweit ich mich auf mein Gedächtniß verlassen kann: