Theurer Ernst!
Vielgeliebter Schatz!

Ich ergreife die Feder, um auf Deinen schönen Brief zu antworten. Ich muß mich recht schämen, wenn Du die Kratzfüße siehst und die vielen Fehler, die ich mache. Ach, Du bist so hochstudirt und kannst gar so gelehrt schreiben und ich bin doch gar zu dumm. Ich weiß gar nicht, wie Du nur an mir Gefallen finden kannst. Aber, Du herzlieber Bub Du, Du kannst einem so herzig sagen, daß Du einen gern hast, daß man gar nicht mehr zweifelt. Und ich glaube Dir auch gar zu gern. – Weißt Du auch, daß ich Dir recht böse war, daß Du fragst, ob ich Dich noch gern hätte und mir die andern Buben nicht besser gefielen. Siehst Du, ich wäre gar nicht mehr Babette und Du nicht Ernst, wenn ich aufhören könnte, Dich zu lieben. Ich meine immer, der liebe Gott hätte uns direkt für einander geschaffen und deswegen wären unsere Herzen so ineinander gewachsen, daß sie gar nicht auseinander gerissen werden könnten, in alle Ewigkeit nicht.

Ach, wie war ich so traurig, als Du nun fortgingest nach J.! Ich glaubte, mein Herz würde mitten durchgeschnitten mit einem scharfen kalten Messer. Ich wäre auch damals gestorben, wenn Du nicht noch einmal gekommen wärst und hättest mir gelobt, Du wollest nicht von mir lassen, es müßte denn Gott uns auseinander reißen. Ich mußte in der letzten Zeit so Vieles denken. Und meine Gedanken waren so anders, als früher. Abends sitze ich oft in dem Hüttchen, weißt drunten unter dem alten Birnbaum an den Weiden am Bach, daß Du heimlich gemacht hattest und mit Moos gepolstert. Und Niemand hat es entdeckt. Aber wenn dann der Abendwind so durch den Wald hinrauscht und über das Gras fährt und die Unken rufen und die Eulen schreien, dann wird mir's so grausig und ich muß an's Sterben denken und daß es uns noch schlimm, recht schlimm gehen kann.

Ach, Deine Mutter und Deine Brüder sind so stolz und mein Vater – mein Vater hat sich noch gar nicht gebessert. Ich fürchte immer, wenn Du einmal Herr Lehrer bist, bin ich Dir auch zu gering und Du schämst Dich meiner. Es war doch viel besser und schöner, als wir noch Kinder waren, wenn wir uns dort im Hüttchen über Alles besprachen und Du immer die schönen Geschichten wußtest aus den Büchern, die Dir die Schullehrer gaben. Ich mußte immer die verwunschene Prinzessin sein und Du warst dann der Prinz, der die Zauberer und Ungeheuer todt machte. Ein andermal wolltest Du Dir ein Schloß kaufen und Ritter werden und dann mußte ich irgendwo gefangen sitzen und dann hast Du mich befreit. Dann dachten wir, es könnte auch Alles so werden und es wäre dann so schön, so schön! Und denkst Du noch an jenen Sonntagabend, an der Guntramseiche, als wir zurückgeblieben waren und alle Burschen und Mädchen waren schon fort, und wie Du mich bei der Hand nahmst und sagtest: »Du bist mein Schulschatz gewesen und bist jetzt mein Schatz, aber ich will's nicht machen, wie die Andern – Du sollst auch meine Frau werden.« Und als ich Dir sagte: »das geht nicht, Deine Eltern leiden's nicht und Du kannst als Lehrer keine Holzdiebin heirathen;« da sagtest Du: »Du bist ja unschuldig, Deine Eltern zwingen Dich dazu, und meine Eltern müssen nachgeben. Ich lasse Dich nicht. Lieber werde ich gar kein Lehrer.« – Damals habe ich Wochen lang geglaubt, ich wäre gar nicht mehr auf Erden, ich lebte im Himmel. – Doch ich bin recht einfältig, daß ich lauter solche Dinge schreibe, die Du schon lange weißt. Ich muß Dir recht kindisch vorkommen. Aber siehst Du, ich muß immer an diese Zeiten denken. Und manchmal denke ich: es geht nicht, es kann gar nicht gehen. Und dann denke ich wieder, was Du für ein guter, treuer Mensch bist. Und dann bin ich so glücklich, so selig. Aber manchmal bin ich auch so traurig, so unglücklich, daß ich Dir's gar nicht sagen mag.

Du wirst lachen über die Strümpfe, die ich Dir mitschicke. So ein Paar dicke Strümpfe mitten im Sommer. Aber ich denke, Du wirst ein Einsehens haben. Ich armes Mädchen habe ja Nichts und wollte doch Etwas mitschicken. Da habe ich die Wolle genommen, die mir meine Goth' vom Hauserhof zu Weihnachten geschenkt hat und habe sie Abends im Hüttchen gestrickt. – Weißt Du auch schon, daß der alte Fink, der Seelenverkäufer, wieder im Dorfe ist. Es wundert mich nur, daß so einen schlechten Menschen das Meer nicht verschlingt. Er war in Californien und hat erstaunlich viel Geld mitgebracht. Und die Mädchen, die mit waren, haben alle seidene Kleider und goldene Ringe, wer weiß wie! Und sie tragen's alle Sonntage und schämen sich nicht.

Ach, Du lieber himmlischer Gott, wenn doch meine Eltern nicht auf den Gedanken kommen, mich auch zu verschachern. – Ich glaube, ich würde es nicht erleben.

Schreibe bald einmal wieder. Es ist mir in letzter Zeit oft so ängstlich und so bang, als müßte bald ein Unglück geschehen. Nun Gott wird helfen! Ich grüße Dich und küsse Dich vieltausendmal, Du herzlieber Schatz.

Deine Dich bis in den Tod liebende

Babette Heimerdinger.