III.
Der alte Fink.

Die Furcht Babettens vor dem alten Fink war durchaus nicht unbegründet. Es war nicht die eitle Besorgniß eines liebenden Herzens, das im Bewußtsein der Wandelbarkeit des Glücks Alles schwarz sieht. Sie kannte die Dorfverhältnisse, kannte ihre Eltern und kannte den alten Fink. Und ehe sie noch diese Unglück ahnenden Zeilen niederschrieb, hatte bereits der kundige Blick des alten Fink mit Wohlgefallen auf ihrer herrlichen Gestalt geruht. Und ehe Ernst erfuhr, daß der alte Fink da sei, war Babette schon für ihn verloren. Denn da hatte der alte Seelenverkäufer bereits den festen Entschluß gefaßt, daß sie um jeden Preis sein werden müsse für Californien und erwog schon die Mittel, die ihm zu Gebote ständen und war im Geheimen außerordentlich thätig.

Um dieses jedoch recht zu verstehen, muß der Leser noch einen Blick in das Dorf thun. Einen Theil der Ortsbewohner hat er zwar schon kennen gelernt, aber nur den unwichtigeren, die Invaliden, die Ruinen. Die Landgänger, die dem Dorf seinen eigenthümlichen Charakter verleihen, kennt er noch nicht. Aber wenn er sie kennt, dann müßte kein deutsches Christenherz in seiner Brust schlagen, wenn es nicht überflösse vor Zorn und Ingrimm über diese Schmach und diese Schändung des deutschen Namens. Das Landgängerdorf liegt sonnig und anmuthig auf den nordwestlichen Abhängen des Taunus, mit einem weiten Ausblick bis in die Gegend von Gießen und Marburg. Rings ist es umgeben von einem grünen Kranz von Buchen- und Eichenwäldern, der sich gar lieblich ausnimmt zu den rothen Ziegeldächern und den schön bemalten Häusern, etwa wie ein grüner Brautkranz zu den erröthenden Wangen einer geschmückten Braut. Freilich ist es eine gewagte Sache, hier von Brautkranz zu reden, wo längst alle Bräutlichkeit und Jungfräulichkeit in wüstem, schändlichem Treiben untergegangen ist. Aber es hat ihn doch einst verdient und kann ihn vielleicht wieder verdienen. – Wer heutzutage kommt, um Land und Leute zu beobachten, der muß im Spätherbst oder Winter kommen. Erst wenn die Blätter fallen und die Schwalben heimwärts ziehn, kehrt auch der Landgänger heim. Im Sommer sind die meisten Häuser unbewohnt und Thüren und Läden geschlossen. Man trifft nur hier und da einen Ackersmann im Feld. Alles ist so still und leer, wie ausgestorben. In der Umgegend heißt es: »Nur die alten Weiber und Schulkinder sind daheim.« Erst wenn es draußen im Feld und Wald stille wird, wird es im Dorfe laut und lebendig. Hier rauscht ein rasselndes Tambourin, dort klagt eine einsame Violine; hier orgelt eine Harmonika die neuesten Lieder, dort übt sich ein ganzes Orchester. Dazwischen tönen dann die gellenden Stimmen keifernder Weiber, schreiender Kinder, das Fluchen der Männer, das Singen und Juchzen der Jugend. Die Männer sind meistens im Wirthshaus bei Karten, Würfeln und starken Getränken. Es ist, da ein wildes Lärmen und Gedränge, und englische und französische und ganz fremdtönende Flüche schallen durcheinander. Goddam und sacré Dieu heißt es herüber und hinüber; denn im Dorfe werden fast alle europäischen Sprachen gesprochen, vorzugsweise aber englisch und französisch. Mancher Junge und manches Mädchen müssen erst in Deutschland deutsch sprechen lernen. Aber auch die Weiber bleiben hier nicht im Hause. Kochen und alle weiblichen Handarbeiten sind ihnen ein Gräuel, dem sie sich nur im Nothfall unterwerfen. Man kann sie zu allen Tageszeiten in größeren und kleineren Gruppen schwatzend zusammenstehen sehen. Am liebsten sammeln sie sich jedoch zu Kaffee- und Theekränzchen, wo Mürbes und feines Gebäck geschmaust und sehr oft süßer Branntwein getrunken wird. Es sind meistens große, üppige Gestalten. Doch haben auch Viele ein gar krankes, armes Aussehen in Folge ihres Lasterlebens. Ihre Kleidung ist, wenn sie die übliche Landestracht abgelegt haben, oft sehr reich, aber geschmacklos und ungeordnet. Man merkt eben, daß sie auf dem Trödelmarkt gekauft oder durch Bettel zusammengebracht ist. Die Jungen wollen nicht hinter den Alten zurückbleiben. Darum versammeln sich auch Burschen und Mädchen, aber besonders in solchen Häusern, wo Niemand eine Autorität geltend machen kann und will und gar keine Aufsicht herrscht. Hier wird denn getanzt und gespielt. Auch fehlt es nicht an berauschenden Getränken. Und ungescheut und ungestraft geben sie sich allen möglichen Zügellosigkeiten hin.

Um die zahlreichen Kinder kümmert sich Niemand. Die wälzen und balgen sich ungebändigt auf den Straßen umher – ein hoffnungsvolles, heranwachsendes Geschlecht! So geht es den ganzen Winter in Saus und Braus. Da wird geschlachtet, gebacken, gesotten und gebraten; da wird getrunken, gesungen und getanzt, bis der Schnee schmilzt und der Boden aufthaut und die erste Lerche trillert. Dann ist keine Ruhe mehr unter dem Wandervölkchen. Dann verstummen die Gesänge und die Harmonika's. Und wenn der Kukuck schreit, und die erste Schwalbe kommt, ist Niemand mehr da von diesen Zugvögeln. Aber was treiben sie draußen? und wo ist der Schauplatz ihrer Thätigkeit? Ihre Thätigkeit lassen sie sich nicht gerne beschränken. Sie besuchen alle bekannten und zugänglichen Theile der Erde. Doch beehren sie am liebsten den Westen: England, Frankreich, Amerika, Californien. Indessen ist Australien auch recht beliebt unter ihnen. Der alte Fink hat sogar bereits China und Japan bereist.

Ueber ihre Beschäftigung sprechen sie sich nicht gern aus. Doch ist man darüber durchaus nicht im Unklaren. Die Männer treiben hauptsächlich Handel und Musik. Die Kinder betteln. Weiber und Mädchen leben vom Tanz oder von noch schlimmeren Dingen. Damit soll nun nicht ausgeschlossen sein, daß nicht auch die Männer betteln und die Weiber nicht auch öfters hausiren gingen und Musik machten.

Da wird bereits aller Sitte und Zucht Hohn gesprochen. Die Familienbande sind gelöst. Eheliche Liebe ist nicht da. Kindliche Pietät muß zu Grunde gehen. Die heiligsten Triebe werden geschändet und gemordet. Aber noch schändlicher – weil hier die Bettelei und die Prostitution gewerbsmäßig betrieben wird – ist die Seelenverkäuferei. Sie wird aber nur von den kühneren Naturen und solchen, die über ein Kapital zu verfügen haben und zwar auf eine doppelte Weise ausgeführt.

Die unbedeutenden Art ist die, daß Kinder zum Betteln zusammengemiethet werden, wofür die Eltern sehr anständige Summen erhalten. Hierbei werden die Reisen nicht besonders weit ausgedehnt. Der Norden Deutschlands, Schweden und Rußland sind gewöhnlich die Zielpunkte der Unternehmung. Die Kinder werden natürlich zur Verstellung, zum Lügen und Stehlen professionsmäßig angelernt – ein schöner Same für die Zukunft! Sie sind dabei vollständig in die Gewalt und Willkür roher gewissenloser Menschen gegeben und müssen Unsägliches erdulden. Jedes kann Gott danken, wenn es wohlbehalten die Heimat wieder erreicht.

Von dem Raffinement und der Frechheit dieser Bettelfahrer nur ein Beispiel: Eine deutsche Prinzessin, in's russische Czarenhaus verheirathet, hatte einst besonderes Wohlgefallen an so einem blondlockigen rothbackigen Mädchen gefunden. Dieses Wohlgefallen aber mußte sie büßen, indem man ihr dafür die Verpflegungskosten einer langwierigen Krankheit und endlich das Geld zum Begräbniß abschwindelte. Und während die Prinzessin ihre Dukaten hergab und Thränen über die Leiden und den Tod ihres Liebling weinte, war derselbe frisch und gesund. Von größerer Bedeutung und Ausdehnung ist die andere Art von Seelenverkäuferei: das Miethen von Tanzmädchen, oder wie die Amerikaner sie nennen: Hurdy-Gurdy's. Es sind dabei reichlichere Auslagen und mehr List, Muth und Geschick nöthig. Es werden aber auch ganz enorme Summen verdient – zwanzig- bis dreißigtausend Thaler haben Etliche schon nach wenigen Jahren mit heimgebracht. An Mädchen fehlt es nur selten. Denn auch vermögendere Bauern und Pächter geben ihre Kinder her und die Armen helfen sich dadurch aus ihren Schulden. Es handelt sich fast nur um den Preis. Die Mädchen wissen es nicht besser. Sie werden in die Seehäfen Nord- und Südamerika's, nach Australien, ganz vorzüglich aber nach Californien gebracht. In den dortigen Tanzhäusern dienen sie den spitzbübischen Wirthen und Dienstherren als Lockvögel, um den leichtsinnigen Matrosen, Goldgräbern und Bergleuten die vollen Taschen auszuleeren. Und aller Humbug der neuen Welt und alle Gaunerei der alten Welt wird dabei angewendet.