Aus den Mädchen haben bald Mißhandlungen und hitzige Getränke die letzten Reste von Scham hinausgetrieben. Und die meisten dieser leichtfertigen Geschöpfe geben sich von ganzem Herzen dem zuchtlosen Leben hin. Es muß übrigens ein schmähliches Gewerbe sein, denn keine Nation der Erde – auch die gesunkenste nicht – liefert Contingent dazu. Die Hurdy-Gurdy sind nur Deutsche, nur Rheinländerinnen.

Die Armuth war die Grundursache dieser auffallenden, aber entsetzlich traurigen Erscheinung und ist es zum Theil noch jetzt. – Man hat sich gewöhnt, die Armuth von einer gewissen idyllischen Seite anzusehen. Wer sie aber so ansieht, den hat die Noth mit ihren hohlen Augen und hohlen Wangen noch nicht ernstlich angeblickt; dem hat der Hunger noch nicht in den Gedärmen gewühlt. Kein Brod und keine Arbeit – ist schrecklich! Und der weise Salomo wußte recht gut, was er that, als er sich keine Armuth erbat. Vor hundert Jahren war noch Arbeit im Dorf: Bergmannsarbeit und Wollspinnen. Aber es kam eine Zeit, da war keine Arbeit mehr da. Und es war eine Zeit unbeschreiblichen Elends. Da machte sich ein Mann, kühner und energischer als die Andern, auf, um mit Fliegenwedeln, jenen bekannten, aus weichem Holz geschnitzten, faserigen kleinen Besen einen Handel zu treiben. Er brachte viel Geld heim. Und er zog weiter und weiter den Rhein hinab bis zu den Mynheers, wo man sein Deutsch nicht mehr verstand. Und wieder brachte er viel Geld heim. Plötzlich stand er als ein zweiter Columbus vor dem atlantischen Ocean, denn er war fest entschlossen, hinüber zu segeln und drüben war ihm lauter unbekanntes Land. Zuerst kam er nach England. Und John Ball bezahlte das unbekannte Fabrikat generös. Da war es, wie er heimkam, als hätte er das Goldland entdeckt. Und nun zogen seine Schwiegersöhne und deren Verwandte und Freunde mit. So ging es weiter und weiter. Erst gingen die Schwiegersöhne, dann das ganze Dorf und zuletzt die ganze Umgegend. Erst lernten sie die Straßen der großen Weltstädte kennen und die großen Häuser, dann die leichten Sitten und die Verderbniß, und zuletzt wurden sie so schlecht, wie der schlechteste Auswurf derselben. Erst handelten sie mit Fliegenwedeln, dann mit andern Waaren, dann kamen sie zur Musik und Bettelei, dann zur Prostitution und zuletzt zur Seelenverkäuferei. Und so kommen wir denn auch wieder auf den alten Fink. Er war durch den kühnen Unternehmungsgeist, mit dem er alle Schwierigkeiten, die diesem elenden Gewerbe entgegenstanden, leicht und schnell beseitigte und durch den Erfolg, der ihn bisher begleitet hatte, unstreitig das Haupt der Seelenverkäufer in der Gegend. Und als solcher genoß er bedeutendes Ansehen und Einfluß, statt Verachtung und Abscheu. Denn das Geld ist in diesen armen Walddörfern allmächtig. Aber was halfen ihm die Tausende von Dollars, die er heimbrachte? Ein reicher Mann ist er doch nie geworden. Es war kein Segen in dem Geld. Er hatte sich zwar einen Landsitz gekauft, ein schönes Haus und schöne Aecker, aber er hatte einen etwas nachlässigen Verwalter an seinem Schwiegersohne. Der ließ die Aecker brach liegen, wenn der Schwiegervater fort war und machte Schulden auf Schulden. Und wenn Niemand mehr borgte, verkaufte er das Vieh aus den Ställen und das Gras von den Wiesen. Wenn aber Alles fort war, was beweglich war, mußten die Oefen dran und die Fenster und die Stallthüren. Bei der Heimkehr des alten Fink sah es in der Regel am häuslichen Herd ziemlich unfreundlich aus und er mußte jedesmal tief in den Geldbeutel steigen, um Alles wieder einigermaßen in Ordnung zu bringen. Es setzte dann auch scharfe Auftritte ab. Einmal flog sogar dem Schwiegersohn eine Kugel hart am Kopfe vorbei und schlug in die Wand. Aber das nächste Mal war es doch wieder so. Ebenso brauchte aber auch der alte Fink für seine eigene Person schon ganz ansehnliche Summen. Er aß und trank gern gut, war sehr gesellig und spielte gern den großen Herrn. In seinem Hause hielt er offene Tafel. Im Wirthshause waren die, die an seinem Tische saßen, stets seine Gäste. Bei Kirchweihen und Märkten gingen Hunderte drauf. Als es ihm einmal eines Morgens an Gesellschaft fehlte und eine Anzahl Holzhauer vorübergingen, rief er diese herein, bezahlte Jedem einen Gulden Taglohn und bewirthete sie bis spät in die Nacht hinein. – Diesmal war er zu seinem besonderen Malheur zur Sommerszeit heimgekehrt und hatte sich von einem heimischen Badeorte fesseln lassen, während Frau und Mädchen bereits nach Hause waren. Bald war er dem allgemeinen Strome zur Spielbank gefolgt. Er hatte anfangs viel Glück und lebte ein paar Tage herrlich und in Freuden. Aber auf einmal wandte sich das Spiel und er verlor Alles – Alles, so daß er nicht einmal den Wirth bezahlen konnte und zu Fuß heim wandern mußte. Zu Hause wurde er nicht sehr aufmunternd von seiner Frau empfangen, die, von Geburt eine Schottin, als Geizdrache allgemein bekannt war. Sie hatte zwar schon bei Zeiten einen schönen Nothpfennig zurückgelegt, aber es war hart für den alten Fink, von ihrer Barmherzigkeit leben zu müssen. Er lebte bereits in zweiter Ehe. Seine erste Frau war auf eine schauerliche Weise in Australien um's Leben gekommen. Er war damals noch kein Seelenverkäufer. Aber er war immer unternehmend. So war er von Adelaide aus mit seiner Frau zu verschiedenen Malen unter die Eingebornen gegangen. Seine Frau hatte sich in einen phantastischen verlockenden Anzug gehüllt und trug ein Branntweinfäßchen auf dem Kopf. Er war dagegen mit Harmonika und Revolver bewaffnet. Wenn sie nun einen Lagerplatz der Eingebornen erreicht hatten, wurde der Branntwein ausgetheilt, und während sich dieselben berauschten, ließ er Lieder und Tänze erschallen und seine Frau sang, tanzte und machte allerhand Gaukeleien. Ihre Einnahmen waren außerordentlich, weil sie Goldkörner für den Branntwein erhielten. Aber als einmal der Golddurst erwacht war, waren sie hiermit nicht mehr zufrieden. Ihnen glänzten die Goldklumpen, die die Eingebornen in Nase und Ohren trugen, zu sehr. Sie thaten betäubende Dinge in den Branntwein, und als nun Alles berauscht und betäubt da lag, schnitten sie die Ohren- und Nasenzierden ab. Es gelang ihnen auch ein-, zweimal. Aber sie hatten dadurch die Eingebornen in Wuth gebracht, und als sie es zum dritten Mal versuchten, wurden sie überfallen und nur mit Mühe entkam er allein. Seine Frau blieb in den Händen der Kannibalen zurück. Den nächsten Tag fand er ihren furchtbar verstümmelten Leichnam. – Die mit dem Blut seiner Frau erkauften Goldkörner wurden das Kapital zu seinem Seelenhandel.

Sein Verhältniß zu dem Bürgermeister des Dorfes war fast zärtlicher Natur. Sie waren Schul- und Jugendfreunde. Eine Leidenschaft und ein Streben vereinigte sie. Wenn sie nicht Freunde waren, mußten sie Nebenbuhler sein, denn sie waren gleich groß im Trunk und Kartenspiel und in ihrer Begeisterung für das schöne Geschlecht. Dieses innige Band der Freundschaft hatte sich im Alter nicht gelöst, so wenig wie ihr Bestreben und ihre Begeisterung aufgehört hatte. Es war sogar noch inniger geworden, je mehr sie sich gegenseitig nöthig hatten. Der Bürgermeister brauchte Geld für seine kostspieligen Liebhabereien und der alte Fink brauchte obrigkeitlichen Schutz.

Sie standen jetzt Beide in den Sechzigen und waren ein ausgesuchtes Paar. Der alte Fink, eine kurze gedrungene Gestalt mit einem Körper von Stahl. Denn alle Klimate der Erde und ein wüstes, ausschweifendes Leben hatten an ihm gerüttelt, aber er schritt noch so fest einher, wie ein Jüngling. Er glich in seinem Auftreten einem behäbigen, gemüthlichen Bürgersmann, und seit sein Haar schneeweiß war, hatte er sogar etwas Ehrwürdiges.

Der Bürgermeister dagegen war ungewöhnlich lang und schwank und trug eine Nase im Gesicht von einer überraschenden Größe, Schwere und Röthe. Es war, als hätten sich alle Nasen seiner ungnädigen Vorgesetzten zu einer Nase vereinigt und diese spielte nun in allen Farben des Regenbogens. Ueber dieser Urgroßmutter aller Nasen thronte eine Brille mit dicken, großen Gläsern, in der eigentlich der Zauber seiner bürgermeisterlichen Würde verborgen lag. Denn wenn er redete, schob er sie auf die Stirne und zog die Nase herunter. Auf diese Weise erhielt sein Gesicht eine Wichtigkeit, daß die hohen schnorrenden Nasentöne, die nun hervorkamen, ihre Wirkung nicht verfehlen konnten. Er war gewöhnlich schweigsam, denn so kostbare Waare, wie seine Worte, durfte nicht wohlfeil werden. Sein Gewissen lag in einem Branntweinsglas und kam nur dann wieder zum Vorschein, wenn man nicht frischen Branntwein darüber goß. Er war von Morgens bis Abends im Wirthshaus – wahrscheinlich um Ordnung zu halten; machte auch dort seine Geschäfte ab. So sagte man in der Umgegend: Wer den Bürgermeister von F. sehen will, muß ihn durch ein Schnapsglas betrachten.

Im Winter war eigentlich seine fette Zeit; im Sommer lag er oft brach und mußte sich mit Holzfuhrknechten, mit Scheerenschleifern und allerhand Gesindel, was gewöhnlich auf der Grenze umherspukte, begnügen.

Wenn wir übrigens das Rathen und Thaten dieser zwei Helden näher betrachten wollen, müssen auch wir sie im Wirthshaus aufsuchen.


IV.
Im Wirthshaus.