Das sind so etliche Stellen aus dieser Predigt. Sie war scharf und schneidend, aber von dem heiligen Zorn des Augenblicks eingegeben. Und mußte sie nicht schneidend und scharf sein, wenn die Eiterbeule, die an dem Leben der Gemeinde fraß, aufbrechen sollte?
Den Nachmittag hatte ich Kirchenvorstandssitzung ansagen lassen, nicht etwa in der Absicht, große Berathungen mit den Kirchenvorstehern zu pflegen, oder ihre Unterstützung zu verlangen; sie sollten blos unterschreiben. Denn auf das Unterschreiben und Jasagen beschränkte sich nach ihrer eigenen Wahl lediglich ihre Amtsthätigkeit. Ich hatte diesmal ihre Unterschriften nöthig, weil ich ein gewichtiges Gesuch an das Amt wollte abgehen lassen, worin ich um gründliche und ernstliche Untersuchung der obwaltenden Zustände und um schleunige Abhülfe bat, da dadurch vielleicht noch manchem schwebenden Unheil vorgebeugt werden könne.
Das war mein letztes Rettungsmittel für die Mädchen. Man sollte denken, es sei mein erstes gewesen; aber frühere Erfahrungen hatten mich nicht besonders ermuthigt und auch der Erfolg des vorliegenden Schriftstücks widerlegte meine Ahnungen nicht. Um die bestimmte Zeit kamen die »Kirchenherrn«, wie man dort den Kirchenvorstand bezeichnet. Voran schritt der Bürgermeister. Schon an seinem Gruße merkte ich, daß er betrunken war. Dieses wurde aber noch deutlicher, als er in das Zimmer trat; denn da fing er so an zu taumeln, daß ich alle Augenblicke glaubte, er würde hinstürzen, und es wäre auch geschehen, wenn er sich nicht krampfhaft an meinem Kanapee festgehalten hätte. Als er kaum diesen sicheren Hafen erreicht hatte, ließ er sich auch hineinsinken. Wie er aber nun festen Grund unter sich spürte, holte er auch sofort seine bürgermeisterliche Würde wieder hervor, indem er die große Brille, die sich etwas verschoben hatte, zurecht setzte, die dünnen Haare an den Schläfen glatt strich und den Hemdkragen hervorzupfte.
»Herr Bürgermeister, Sie sind betrunken und wagen es in diese Sitzung zu kommen?« sagte ich.
»Das will ich erst bewiesen haben, daß ich betrunken bin!«
»Sie können ja nicht gehen und stammeln nur die Worte hervor und das ganze Zimmer ist voll Schnapsgeruch.«
»Ich will's bewiesen haben, daß ich betrunken bin. So was lasse ich mir nicht sagen, dafür bin ich Bürgermeister.«
»Sie verlassen jetzt augenblicklich die Sitzung und ich werde über Ihr Betragen berichten.«
»Ich bleibe hier und will den einmal sehen, der den Bürgermeister von F. hinausthut!«