»Den werden Sie gleich sehen.« Mit diesen Worten faßte ich ihn am Arm und führte ihn trotz seines Sträubens zur Thüre hinaus, die ich hinter ihm zuschloß. Eine Weile murmelte es draußen und man verstand deutlich Worte wie: »Schlechter Pfaff, ich komme Dir auch!«

Dann auf einmal gab es ein furchtbares Gepolter. Der Herr Bürgermeister war die Treppe hinuntergefallen. Wir liefen schnell herbei, um zu sehen, ob er sich keinen Schaden gethan habe; aber er hatte sich schon wieder erhoben und spazierte nun die Straße hinauf, indem er von einer Seite derselben auf die andere taumelte. Als wir wieder in das Zimmer traten, sagte der Kirchenvorsteher Mauser: »Es ist eine Schande, Herr Pfarrer! Ich sage weiter Nichts – es ist eine Schande. – Ich bin vierzehn Tage vor Johanni sechzig Jahre alt geworden, aber ich muß sagen, So etwas habe ich noch nicht erlebt.«

Mauser war der Wortführer in den Kirchenvorstandssitzungen. Er besaß die eigenthümliche Gabe, meine Gedanken, wenn sie kaum ausgesprochen waren, zu seinen eigenen zu machen und sie weiter auszuspinnen. Er war desto erpichter darauf, für einen Ehrenmann und guten Christen zu gelten, je deutlicher er fühlte, daß er eigentlich ein Schurke war. »Ich habe keinen Feind,« pflegte er zu sagen »und wenn der Herr will, werde ich es noch erleben, daß meine Gesinnung Anerkennung findet. Die Lieb' und die Freundschaft, die ich im Herzen trage, ist gar nicht zu sagen. So bin ich auch gegen Sie gesinnt. Ich habe mit allen Pfarrern gar gut gestanden. Wir waren immer wie Brüder.« Und in der That, er war der Allerweltsfreund und Allerweltsgevattersmann. Er war bei allen Viehhändeln, bei allen Krankenbetten, Leichenschmäusen, Taufen und Hochzeiten. Ohne seinen Zuspruch und seine beruhigenden Worte geschah Nichts. Das Volk liebt es, bei seinen Festlichkeiten einen Mann zu haben, der das nöthige Ansehen und genügende Redegewandtheit besitzt, um die Mittelsperson bei vornehmen und fremden Gästen zu machen, den allgemeinen Gefühlen einen würdigen Ausdruck zu verleihen und, wenn das Gespräch stockt, wieder ein neues anzuspinnen oder, wie man sich ausdrückt – »Jemanden für die Ansprache.« Dafür war nun unser Mauser wie geschaffen. Er that hierin den kühnsten Anforderungen Genüge. Aber auch sich vergaß er nicht. Seine Leidenschaft für den Branntwein war eine selbst in dem Landgängerdorfe nicht ganz gewöhnliche. Doch fehlte es ihm an Mitteln, dieselbe nach Lust zu befriedigen; denn seine Frau, die den Schlüssel zum Geldschrank immer mit sich führte, hielt ihn äußerst knapp. So mußte er sich denn bei andern Gelegenheiten entschädigen und es war fast als hätte er dabei noch eine feinere Witterung, als ein Jagdhund, so sicher war er dabei, wo Branntwein umsonst gegeben wurde. Gar zu gern wäre er Bürgermeister geworden und hatte es wahrhaftig nicht an Umtrieben fehlen lassen, aber man wollte den Freund und Gevatter Mauser nicht zum Bürgermeister, denn man fürchtete für das Gemeindevermögen.

Als ich Nichts erwiderte, sondern vielleicht sehr niedergeschlagen aussah, fuhr er fort: »Es muß aber auch in letzter Zeit Alles zusammenkommen, um unsern lieben Herrn Pfarrer zu beleidigen und zu kränken.« Dabei wischte er mit seinem Schnupftuch in den Augenwinkeln, als wenn er ein paar Thränen wegzuwischen hätte. »Wissen Sie, daß ich und mein Kathrein in der letzten Zeit als ein Stückchen geflennt haben, daß sie es unserm Herrn Pfarrer so machen im Ort. O, es sind gar boshafte, neidische Menschen hier im Ort. Wir haben es gleich gesagt, daß an der ganzen Geschichte kein wahres Wort wäre. Es war am Donnerstag Abend, da saß ich und las in der Bibel. Ich lese jeden Abend in der Bibel und da kann ich mich so vergessen, daß mein Kathrein als sagt: Jakob, weißt Du auch, wie viel Uhr es ist? Es hat eben elf geschlagen. So leg' Dich doch in's Bett! Es kostet so genug Oel; man kann es gar nicht mehr aufbringen. Kathrein, sage ich dann: was hier an irdischem Oel verloren geht, das gewinne ich an himmlischem Oel für meine Seele. So saß ich am Donnerstag Abend und las in der Bibel, da kömmt mein Hannesche hereingestürmt und erzählt in aller Hast die Geschichte von Ihnen. Das ganze Dorf spräche davon. Da ging ich hin, ohne ein Wort zu sprechen, und gab ihm eine Ohrfeige, daß es klatschte. So, sagte ich, wenn schlechte Menschen solche Sachen erzählen, dann mußt Du so viel Respekt vor unserm lieben Herrn Pfarrer haben, daß Du so etwas gar nicht nacherzählst. Und nun gehst Du in Dein Bett und legst Dich schlafen. Ich habe aber noch lange mit meiner Kathrein Rath gehalten. Kathrein, habe ich gesagt, Weißt Du, wer schuld ist an dem Allen? Das ist der Bürgermeister, habe ich gesagt. Es muß ein anderes Oberhaupt in's Dorf, der alle Strenge anwendet, um die Landgängerei zu unterdrücken und nicht überall noch mit Rath und That zur Hand geht, und wenn wir keinen andern Bürgermeister bekommen, geht noch Alles zu Grunde.«

»Sie mögen Recht haben, Mauser, daß viel Schuld am Bürgermeister liegt; aber es muß Jeder seine Schuldigkeit thun nach dem Maß seiner Kräfte und Gaben. Ich habe hier eine Schrift an's Amt aufgesetzt, worin ich um strenge Untersuchung des Treibens der Seelenverkäuferei und um baldige Abhülfe bitte. Das mögen Sie unterschreiben.« »Von ganzem Herzen, Herr Pfarrer! Es ist dieses der einzige Weg, der noch helfen kann. Das habe ich schon lange gesagt.«

Nun wandte ich mich an den andern Kirchenvorsteher, Namens Schwalb, der ein redlicher Mann war, aber zum Unglück fast ganz taub. Er saß während der Sitzung gewöhnlich so da, daß er die hohle Hand an das am besten hörende Ohr legte, den Mund weit aufsperrte und die Augenbrauen in die Höhe zog. Sobald ich nach ihm hinsah, nickte er freundlich mit dem Kopf und machte eine Bemerkung über den jedesmaligen Wetterstand, oder sagte: »Sie haben heute gar schön gepredigt,« obwohl er kein Wort recht verstehen konnte. Auch jetzt machte er mir das Compliment. Ich gab ihm stillschweigend die Schrift zum Durchlesen, aber er unterzeichnete, ohne einen Blick hineingeworfen zu haben. Damit entließ ich die würdigen Kirchenherrn.

Am folgenden Mittwoch Morgen erhielt ich zwei Dienstbriefe. Der eine trug das Amtssiegel, der andere das Decanatssiegel.

Ich öffnete zuerst das Schreiben vom Amt. Da wurde ich denn ersucht, erst spezielle Thatsachen aufzuführen und Zeugen zu nennen, dann wolle man sich bewogen finden, die Zeugen abzuhören und, je nachdem der Thatbestand sich ergebe, einzuschreiten. Ich legte den Brief ziemlich unbefriedigt bei Seite und öffnete den andern, in welchem noch ein zweites Schriftstück lag. Das Schreiben des Decans lautete: »Sie empfangen hier eine Anklage Ihres Kirchenvorstandes, worüber ich Sie ersuche, sich alsbald zu verantworten.« Die Anklage war folgende: