Doch ich habe Euch noch gar nicht den Tod der Babett berichtet. Ach, das arme, arme Ding! Ich muß gerad weinen, wenn ich an sie denke. Wir waren immer so gute Kamerädinnen. Ich wollte, ich wäre nur einmal ein paar Stunden bei Euch! Es ist gar zu viel zu erzählen. Die Babett war schon ganz merkwürdig, als wir auf dem Meer waren, gar nicht wie wir Andern. Sie hatte gar keine Furcht, bekam auch nicht die Seekrankheit. Meistens saß sie auf dem Deck und guckte oft stundenlang nach dem Himmel oder hinunter in die See. Ich sagte einmal zu ihr: Nun willst Du ein Sterngucker werden? Da hat sie laut angefangen zu weinen. Hernach habe ich sie nie mehr gestört. Aber ich glaube, sie hat damals viel daran gedacht, sich selbst um's Leben zu bringen. Ich mußte bei ihr sitzen bis spät in die Nacht hinein und wenn ich fort wollte gehen, hat sie mich um Gotteswillen gebeten, ich solle bei ihr bleiben. Dann sang sie all' die Lieder, die wir als Sonntags an der Guntramseiche gesungen haben. Aber auch Ein's hat sie oft gesungen; ich glaube, das hat sie selbst gemacht:

Ich steh' am Schiffsgeländer
Und blicke in die See;
Ich möcht' so gern hinunter,
Begraben alles Weh!

Es ist so tief da drunten,
So tief bis auf den Grund,
Mein Schmerz ist noch viel tiefer;
Ich werd nicht mehr gesund.

Mein Ernst, du lieber Bube,
Dein Schatz sagt dir: Ade!
Du siehst Dein Mädchen nimmer;
Es liegt in tiefer See.

Im Meer ist gar viel Wasser,
Wo man mit säubern mag;
Ich möcht' mich drunten waschen
Von aller meiner Schmach!

Einmal hatte sie es wieder gesungen, da sprang sie wild in die Höhe und schaute ganz verwirrt um sich. Mir war angst und bang, und ich wollte schon um Hülfe rufen, da fiel sie auf die Knie und betete laut:

Mein Gott, ich bitt' durch Christi Blut!
Mach's nur mit meinem Ende gut.

Von der Zeit an habe ich das Lied nicht mehr von ihr gehört.

Wir haben auch einen Sturm mitgemacht. Das brüllte und tobte, als ginge die Welt unter. Aber als wir Alle schrien und weinten, war die Babett ganz ruhig, als wenn Nichts wäre. Und als das Schiff krachte, als wollte Alles kaput gehen, da leuchteten ihre Augen zum ersten Mal wieder wie daheim. – In Californien wollte sie ganz apart sein. Sie hat uns als recht geärgert mit ihren Ermahnungen, wir sollten beten und in der Bibel lesen. Wir sagten ihr, wenn wir uns predigen wollten lassen, gingen wir in die Kirche. All' ihr Heiligthun hat ihr auch Nichts geholfen. Sie mußte mit wie wir Andern. Was ist sie geschlagen und gepeinigt worden! Die Schottin ist noch schlimmer als der alte Fink und der ist wahrhaftig schlimm genug. Sie hat jedoch nie geklagt und auch nie geschrien. In die Lippen hat sie sich gebissen, daß das Blut herunterlief und die Thränen sind ihr aus den Augen gestürzt. Wir mußten als laut weinen, wenn sie so mißhandelt wurde. Im Tanzsaal that sie gar stolz. Sie hat mit Niemandem getanzt und wenn's Einer fertig bringen wollte, mußte er sie mitschleppen. Und doch waren die Herrn gleich in sie vernarrt, als sie zum ersten Mal mit mußte. Es war, als wenn sie allein im Saal wäre. Alle hatten Respekt vor ihr. Sie nannten sie »die Jungfrau von Orleans.« Da war aber Einer – sie nannten ihn den »schwarzen Tom«, – das war der Haupthahn und der Schönste von Allen. Ich konnte ihn ganz gut leiden. Seine kohlschwarzen Augen brannten wie lauter Feuer und seine Zähne waren so weiß wie Elfenbein. Er führte Alles an und sie mußten ihm Alle gehorchen. Der machte eine Wette: er wollte die Babett küssen mitten im Saal vor den Leuten. Und er that's auch; aber die Babett, die immer so riesig stark war, gab ihm eine Ohrfeige, daß er den langen Weg in den Saal fiel. Alle lachten, spotteten und uzten; denn es waren Viele, die ihn nicht leiden mochten. Er wurde dadurch wüthend, nahm seinen Revolver und schoß der Babett durch die Brust. Es war ein furchtbares Durcheinander. Der Tom hätte sich retten können, aber ein alter Herr hielt ihn so fest, daß er nur zappelte. Der ließ auch die Babett in sein Haus schaffen. Man erfuhr hernach, daß er ein Deutscher sei; er hätte auch der Babett ihre Mutter schon gekannt und hätte vorgehabt, die Babett zu sich zu nehmen und hätte nur noch eine Zeitlang warten wollen, um ihre Beständigkeit zu prüfen. Der Tom wurde schon den andern Tag gehenkt. Die Babett war nicht gleich todt, sondern hat noch vierzehn Tage gelegen und nicht besonders viel Schmerzen gehabt. Um den Jammer voll zumachen, kam vor ein paar Tagen plötzlich der Ernst und traf mit einem von unsern Mädchen zusammen.