»Es ist allerdings ein leichtsinniger Streich, der schlimme Folgen für seine Zukunft haben kann. Doch wie ist es denn zugegangen?«

»Nun wie wird's zugegangen sein! Der Bub ist ganz verhext in die Babett, sie hat ihm auch, glaube ich, von Amerika aus geschrieben und ihn dazu verleitet. Es kann ja nicht anders gehen, wenn man sich unter das Bettelpack mischt. Als er die Weihnachten hier war, ist er nicht wieder auf's Seminario. Ich hatte ihm das Kostgeld für ein halbes Jahr mitgegeben, das hat er nicht bezahlt. Seine Bücher, sein Weißzeug, sein Bett und sein Clavier hat er für ein Lumpengeld verkauft und vom Izik aus der Stadt hat er sich auf Handschein zweihundert Gulden geben lassen. Denken Sie, der stille, brave Ernst! Die Gedanken kann ihm doch nur das Satans Ding eingegeben haben. Wir sind erst hinter die ganze Geschichte gekommen, als der Izik mich vorgestern anrief und fragte, wer denn die Zinsen von den zweihundert Gulden bezahlte – ich oder der Ernst. Ich weiß gar nicht, wie ich heimgekommen bin. Der Hanjost mußte gleich hinüber nach J., aber das Nest war leer – der Vogel war fort. Er wird auch nicht mehr aufgenommen in's Seminario, weil er durchgegangen ist. Der Hanjost hat's aus dem Mund vom Direktor.

Denken Sie, jetzt muß ich das Kostgeld noch bezahlen und der Izik will am Ende auch noch sein Geld haben. Ach Gott, das viele, viele Geld! Was hat das Studium nicht Alles gekostet und nun ist Alles umsonst! Es wäre vielleicht doch am besten gewesen, wenn wir Ihnen gefolgt hätten, aber wer hätte denken können, daß Alles so käme! Ja, ich vergesse ganz, was ich eigentlich fragen wollte. Ist denn gar nichts mehr zu machen? Kann man ihn denn nicht mehr erreichen?« – »O ja, Sie müssen nach Hamburg oder Bremen telegraphiren und ihn dort festnehmen lassen.«

»Kostet das aber nicht wieder Geld?«

»Gewiß wird es Geld kosten, doch ich meine, das könnte Sie in diesem Fall nicht kümmern!«

»Nun ich könnte einmal in die Stadt gehen. Hernach kann man immer noch machen, was man will.«

»Aber wenn Ihre Bemühungen Erfolg haben sollen, Frau Balzer, so thut die größte Eile noth.«

Ob sie hat telegraphiren lassen, weiß ich nicht. Zurückgekommen ist er wenigstens nicht. Dagegen kam im Mai des Jahres ein Brief von Försters Anna, der von ihm Nachricht gab. Weil dieser Brief auch die einzige Nachricht vom ferneren Schicksal Babettens enthielt, suchte ich mir denselben zu verschaffen und will den Hauptinhalt desselben hierhersetzen.

Theuerste Eltern!

Ihr empfanget hiermit meine Photographie. Es ist jetzt Mode, seinen Eltern die Photographie zu schicken. Alle Herrn wollen auch meine Photographie haben. Sie sagen: ich wäre sehr gut getroffen und nähme mich reizend aus. Das Kleid, was ich auf dem Bilde anhabe, ist von Seide und die gelben Streifen um die Finger sind goldene Ringe. Ich wollte auch meinen neuen Hut und meine seidene Mantille anthun, aber der Maler sagte, ich würde anders viel schöner aussehen. Alle Herrn sind in mich vergafft. Mir gefällt's sehr gut hier. Anfangs, als ich noch einfältig war, habe ich als viel gegreint und mich heim gewünscht, aber jetzt habe ich mich schon recht gefunden. Es wäre Alles recht gut hier, wenn die Männer nur nicht so wild wären und gleich aufeinander schössen und sich todtstächen. Aber Mord und Todtschlag ist hier überall und Alle haben Pistolen, wo man oft mit schießen kann, die sie »Revolver« nennen und lange Messer. – Artig sind sie – das ist wahr – und können einem ganz anders die Cour schneiden, als unsere Bursche daheim. In unserm Tanzhôtel heiße ich allgemein »die Königin«, besonders seit die Babett todt ist und auch als sie noch lebte, hatte ich schon viel den Vorzug wegen meiner Munterkeit und Anstelligkeit.