Die normännische Zeit.

(Von 1066 bis 1362.)

[ I. Der Verfall der angelsächsischen Sprache.]

Erstes Eindringen der französischen Sprache. Während die angelsächsische sprache noch in ihrer blüthe stand, wurde ihr untergang und die einführung des Französischen bereits vorbereitet. Die herrschaft der Dänen hatte unter Swen, Cnut und Hardicnut ein halbes jahrhundert hindurch den alten sächsischen königsstamm verdrängt, bis dieser im jahre 1042 nach dem schnellen tode des letztgenannten dänischen königs durch allgemeine zustimmung der edelen wieder in der person Eduard’s des bekenners den thron bestieg. In Frankreich, am hofe Wilhelm’s, des herzogs von der Normandie, erzogen, besass Eduard eine vorliebe für französische sprache und sitte und zog sowohl fremde gelehrte und geistliche als fremde ritter[116] nach England, wodurch er der eroberung des landes durch die Normannen selbst vorarbeitete, abgesehen davon, dass er den herzog von der Normandie mit grosser feierlichkeit in England empfing und ihm später den thron förmlich zusicherte. Eroberung England’s durch die Normannen. Durch die auffallende bevorzugung der fremden (sogar der erzbischof von Canterbury war ein Normann) wurde indessen das nationalgefühl der Sachsen verletzt; die edelen, welchen ihre güter entrissen wurden, um sie fremden zu geben, standen auf, und das sächsische parlament (witena-gemot) verbannte im jahre 1052 die zahlreichen Normannen, welche der könig in staats- und kirchenämter eingesetzt hatte. Allein dieser beschluss und die vertreibung der Normannen konnte das schicksal England’s nicht lange aufhalten. Nach Eduard’s tode gelang es im jahre 1066 Wilhelm dem eroberer in der schlacht von Hastings, welche dem letzten sächsischen könige Harold das leben kostete, den thron England’s zu erobern.

Unterdrückung des angelsächsischen Elementes. Jetzt beginnt für England eine zeit der gewaltthat und der unterdrückung, während welcher der grössere theil der englischen bevölkerung in einen zustand der äussersten noth und grössten unwissenheit versetzt wurde.[117] Die angelsächsische sprache litt darunter auf das schlimmste; sogar die form, in welcher die Sachsen die römischen buchstaben zu schreiben gewöhnt gewesen waren, wurde mit derjenigen[118] vertauscht, welche die Normannen mit ihrer sprache und literatur nach England brachten. Der gebrauch der angelsächsischen sprache zur schrift hörte mit der normannischen eroberung fast ganz auf. Sie wurde nur noch einige zeit zur fortsetzung der angelsächsischen chronik und zu einigen kleineren aufsätzen, meist religiösen oder moralischen inhalts, benützt, wofür wir wahrscheinlich den wenigen angelsächsischen mönchen, welche in ihren klöstern bleiben durften, dankbar sein müssen. Erleichtert wurde die einführung des Französischen, welches jetzt mit dem neuen politischen system verwebt war, durch den umstand, dass seit dem anfange des 11. jahrhunderts, während der dänischen herrschaft, die königliche familie, viele angelsächsische grosse und geistliche zuflucht auf dem festlande gesucht und, von der grösseren bildung der Normannen angezogen, deren sprache angenommen hatten, so dass zu der zeit der eroberung das Französische in den höheren kreisen des angelsächsischen volkes durchaus nicht mehr unbekannt war, sondern vielmehr als ein beweis höherer bildung betrachtet wurde.[119]

Französisch, die Sprache des Hofes und Adels. Obwohl Wilhelm besonders im anfange seiner regierung sich mühe gab, das Angelsächsische zu erlernen, um seine neuen unterthanen für sich zu gewinnen, und auch mehrere verordnungen von ihm in ihrer sprache erlassen wurden, so wurde er doch durch sein vorgerücktes alter und vielfache beschäftigungen von dem erlernen derselben abgehalten[120] und sprach mit dem grössten theile des adels nur Französisch.[121] Die wenigen angelsächsischen grossen, welche zuerst noch am hofe des neuen königs zutritt hatten, mussten selbstverständlich das Französische verstehen und sprechen können. Schon um das jahr 1070 gedenkt die geschichte nur noch eines einzigen angelsächsischen Earls mit namen Waltheof, welcher drei jahre später wegen theilnahme an hochverrath hingerichtet wurde. Von dieser zeit ab, sagt Ingulph, verlieh der könig güter und würden nur an Normannen.[122] Der zahlreiche französische adel, welchem die besitzungen der alten sächsischen Earls geschenkt wurden, umgab sich auf seinen gütern, wie der könig am hofe, ebenfalls mit fremden, so dass die französische sprache binnen wenigen jahren über alle theile des landes ausgebreitet war. Hier auf den gütern der normannischen barone war es, wo die Angelsachsen am tiefsten gedemüthigt, am meisten getreten wurden; hier war es, wo die sächsischen leibeigenen das vieh hüten und das wild schonen mussten, welches früher ihr eigenthum gewesen war und bis auf den heutigen tag die deutschen namen ox, cow, calf, sheep, swine, hart, roe, deer bewahrt hat, während ihre normännischen herren das geschlachtete thier, oder erlegte wild in der halle verzehrten und dem todten oder verendeten fleische mit den französischen wörtern beef, veal, mutton, pork, venison den normännischen besitztitel aufdrückten. Eine anzahl fester kastelle in den grossen städten wie auf verschiedenen punkten des landes schützten mit ihrer normännischen besatzung[123] die eroberung des landes und beförderten die an einzelnen orten nicht ohne widerstreben der Sachsen erfolgende unterjochung des volkes.

Französisch, die Sprache der Geistlichkeit. Vielleicht noch wichtiger als das politische übergewicht der Normannen war für die verdrängung der angelsächsischen und die verbreitung der französischen sprache diejenige massregel Wilhelm’s, durch welche er alle höheren geistlichen stellen mit ihm ergebenen und französisch sprechenden fremden besetzte. Schon im jahre 1072 waren die zwei erzbischöfe, sieben von elf bischöfen und sechs von zwölf äbten keine Angelsachsen mehr, und wenige jahre später ist das missverhältniss der Franzosen und Sachsen noch grösser, indem man jedes mittel ergriff, um die volksthümliche geistlichkeit zu entfernen. Der angelsächsische bischof Wulfstan, welcher schon im jahre 1072 auf der kirchlichen synode sich eines dolmetschers[124] bedienen musste, um die rechte seines stuhles zu vertheidigen, sollte später mit wissen des königs wegen seiner einfalt und unwissenheit (simplicitate et illiteratura) abgesetzt werden, und nur ein wunder rettete ihn.[125] Es versteht sich, dass die höhere geistlichkeit keine gelegenheit vorübergehen liess, um auch die unteren stellen der kirche mit ergebenen und normännisch gesinnten und sprechenden priestern anzufüllen. Von dem könige und den neuen baronen wurde eine beträchtliche anzahl neuer klöster gegründet, welche mit normännischen mönchen besetzt wurden. Die zahl der klösterlichen stiftungen, welche von fremden klöstern auf dem festlande abhingen—alien priories—wuchs beträchtlich und belief sich 1414, in welchem jahre sie von der krone secularisirt wurden, auf ein hundert und vierzig. Französisch, die Sprache des Rechtes und der Schule. Auch für die rechtspflege wurde sowohl von den normännischen baronen, welche gesetze für ihr gebiet erlassen konnten, als auch von den königlichen richtern, ausschliesslich die französische sprache gebraucht. Das Französische wurde auch in der schule von der normännischen eroberung bis zu Eduard’s III. zeit als unterrichtssprache angewendet, in welcher allein eine humane und gelehrte bildung zu erreichen war.[126]

So trat an die stelle des Angelsächsischen als sprache des hofes, des adels, der rechtspflege und bildung das Französische in seiner damaligen gestalt. Wie dessen beschaffenheit war, könnte am besten aus den gesetzen Wilhelm’s des eroberers ersehen werden, wenn diese in authentischer gestalt auf uns gekommen wären. Folgendes ist eine probe derselben:

Französische Gesetze Wilhelm’s des Eroberers.