Das Kriegerfest in Wettorp.
Viele, viele Nachtsitzungen hatte das »Geschäftsführende und Hauptkomitee für das zwanzigjährige Stiftungsfest des Kriegervereins von Wettorp und Umgegend sowie die Enthüllung des Denkmals für Kaiser Wilhelm den Großen« im Landhause abgehalten, viele Vornotizen und Hinweise hatten in den »Wettorper Nachrichten« gestanden, und viele eifrige Straßenunterhaltungen über das Fest und das Denkmal waren von den patriotischen Bürgern Wettorps gepflogen worden. Ja, viel, viel war geschehen, bis endlich der ersehnte Augusttag erschien, der Wettorp in einen noch nie dagewesenen Rausch und Jubel versetzte. Schon am Abend vorher, am Freitage, kamen die fremden Gäste, denn die ganze Umgegend war eingeladen. Die Straßen waren schön geschmückt, Girlanden hingen quer von Haus zu Haus, und unter ihrer Mitte schwankten bemalte Tafeln mit sinnigen Kernsprüchen.
Am Sonnabend, morgens um 6 Uhr, zog der Ortsmusikus mit seinen Trommlern, Bläsern und Klarinettisten durch die Straßen des Ortes; das war der »Weckruf«, wie es im Programm hieß. Die braven Kriegervereinsmitglieder ärgerten sich zwar über das frühe Getute, aber ohne Reveille läßt sich ja nun einmal kein Kriegerfest feiern, und deshalb beruhigten sie sich und schliefen wieder ein.
Um 9 Uhr gab es eine große Sehenswürdigkeit: der Neustädter Militärverein hielt nämlich seinen Einzug. Er hatte seine eigene Kapelle mitgebracht, die der Ortsmusikus allerdings als eine Gesellschaft Bremer Stadtmusikanten bezeichnete; aber es war doch etwas besonderes, was sich die Neustädter leisteten, und die Militärvereinsmitglieder blickten stolz um sich herum, während sie im strammen Takte vorwärts marschierten. Sie hatten wahrhaftig auch alles Recht, stolz zu sein, denn außer der Musik trabten vor ihrem Zuge noch drei feurige Rappen, auf denen Herolde saßen. Diese drei Männer hatten sich großartig bunt kostümiert und wilde Bärte ins Gesicht geklebt, die freilich immer herabfielen, weil sich der Gummi vom Schwitzen auflöste. Aber wenn auch die Bärte so oft auf ihren Sattel niedersanken, daß sie sie schließlich beiseite unter das Volk warfen: Herolde waren sie deshalb doch mit ihren Heroldsstäben in der Hand, den grauen Schlapphüten auf dem Kopfe, den Wappenwämsern um die Brust und den hohen Stiefeln an den Beinen. Sie fühlten ihre Würde und stützten ihre Stäbe in die Seiten, wie sie es wohl im illustrierten Sonntagsblatte bei Bildern von Königen gesehen hatten.
Ihre Pferde waren nicht minder frohgemut, daß sie heute, anstatt den Roggen einzufahren, als edle Araber durch Wettorps Straßen hindurch angestaunt wurden. So achtunggebietend zog der Neustädter Militärverein in den Festort ein.
Im Laufe des Sonnabendmorgens versammelten sich also wohl an die vierhundert Krieger in Wettorp, alte und junge, und die alten trugen ihre Zylinder vom Jahre 1848. – Um 11 Uhr begann der »offizielle Frühschoppen mit Musik« im Landhause. Der Ortsmusikus ließ blasen, was die Trompeten halten konnten; er hatte ein außergewöhnlich patriotisches Programm zusammengestellt, das denn auch von den Kriegern vollauf gewürdigt wurde.
Währenddessen war die kleine Mieze Stamm, des Landhauswirts Tochter, die dazu auserkoren war, als Germania bei der Denkmalsenthüllung das Festgedicht zu sprechen, in ihrem Stübchen sehr beschäftigt. Schon um 12 Uhr hüllte sie sich unter dem Beistande der Wirtschafterin in den weißen Germania-Mantel, den sie sich selbst zurechtgeschneidert hatte; sie ließ sich frisieren mit Locken an den Seiten, und die Flut des lichten Haares fiel wellig über ihre Schultern. Dann wurden die bis zum Ellenbogen freien Arme mit goldenen Armbändern aus poliertem Messing geschmückt, und auf das Haupt drückte ihr die Wirtschafterin das Diadem mit dem größten und buntesten Edelsteine, der aus der Maskengarderobe zu entleihen gewesen war. Majestätisch sah die kleine Mieze aus, und sie freute sich auch erst ihres Spiegelbildes; aber dann kam die Angst über sie, und bleich und zitternd ging sie umher und murmelte immer und immer wieder, daß nun der schöne Tag gekommen sei. Essen konnte sie nichts.
Genau um ein Viertel vor drei Uhr fuhr der alte Kutscher Engel mit seiner Kalesche vor, und tief aufseufzend, mit einem Stoßgebet an den lieben, lieben Gott, stieg die Germania in den Karren, der sie zum Richtplatze führen sollte. Sie kam auf dem Markte an, wo es schon ganz voll von Leuten war, und wurde vom Ortsvorsteher sogar dem Herrn Geh. Regierungsrat v. Zabrowski und dem Herrn Regierungsassessor v. Schmidt vorgestellt, die die allergnädigste Miene machten, weil sie doch bei der Denkmalsenthüllung die Vertreter der hohen Regierung und des Kaisers bildeten. Der Regierungsassessor konnte es sich freilich trotz seiner hohen Würde nicht versagen, nach Miezes rundem Arm zu schielen. Der Geh. Regierungsrat indessen war ganz nur Vertreter Seiner Majestät. Die hohen Herren, der Ortsvorsteher, die Gemeinderäte, die Schulbehörde und die Geistlichkeit, die Herren vom Komitee und Mieze Stamm stellten sich unter dem Thronhimmel auf, der dem noch verhüllten Denkmal gegenüber erbaut war. Der Thronhimmel bestand aus vier Stangen, über die oben Leinwand gezogen war, und das ganze hatte Gärtner Meyer mit Laub bewunden.
Der Ortsvorsteher blickte prüfend in die Runde, ob auch alles in Ordnung sei. Rings auf dem Markte, in einiger Entfernung von dem Denkmal, hatten sich die Kriegervereine aufgestellt, die Fahnen wehten über den Zylindern der Kameraden. Links von dem Thronhimmel standen die vereinigten Gesangvereine, und alles war so ruhig und feierlich, daß es dem Ortsvorsteher ordentlich zu Herzen ging. Er hatte seinen Hochzeitsfrack heute nicht umsonst angezogen, das fühlte er deutlich. Er sah also in die Runde, und sein Blick fiel auch auf die zwei Sitzreihen, rechts vom Denkmal, auf denen die Honoratiorenfrauen des Ortes in ihrem besten Staate saßen, und auf den alten Orts- und Polizeidiener Pilgerim, der da stand und die Schnur hielt, mit der die Hülle des Denkmals nach oben zusammengerafft wurde. Alles war in Ordnung. Der Ortsvorsteher nahm seinen Zylinder ab, rieb sich mit dem Taschentuche die Tropfen von der Stirn, trat vor und verbeugte sich nach der Seite, auf der sich die hohen Herren befanden. Der Geh. Regierungsrat nickte, der Ortsvorsteher winkte den Sängern, der Ortsmusikus, der alles einübte, was in Wettorp an Gesang- und Orchesterkunst geleistet wurde, hob den Taktstock, und es ertönte prachtvoll: »Seht den Sieger …«