Alle waren ergriffen. – Als der Gesang sein Ende gefunden hatte, verbeugte sich der Ortsvorsteher wieder, wischte sich nochmals die Stirn und begann seine Festrede: daß er die hohe Ehre habe, die Vertreter Seiner Majestät unseres allergnädigsten Kaisers und einer hohen Regierung untertänigst und ehrfurchtsvollst zu begrüßen, und daß es eine hohe Ehre für den Ort sei, einen solchen Tag feiern zu können. Er wies hin auf die zusammengeströmten Scharen der ehemaligen Krieger, und angesichts dieses Denkmals fordere er sie alle auf, den Treueschwur zu erneuern für Kaiser und Reich. Er schloß damit, daß er die hohen Vertreter einer hohen Regierung bat, Sr. Majestät den Ausdruck der unwandelbarsten Liebe Wettorps zu überbringen.
Der Geh. Regierungsrat trat nach dieser Rede vor, nahm den feinen Hut ab, steckte einen Augenblick den zweiten und den mittleren Finger zwischen den obersten und den zweiten Frackknopf und fing nun an: »Mein lieber Herr Ortsvorsteher! Verehrte Festgenossen und Kameraden! Als Vertreter der Regierung Sr. Majestät unseres allergnädigsten Kaisers, Königs und Herrn bin ich hierher gekommen, um an dem nationalen Ereignisse, das dieser Tag für Wettorp darstellt, teilzunehmen. Es hat die hohe Staatsregierung mit außerordentlicher Befriedigung erfüllt, daß nun auch in Wettorp durch das einmütige Zusammengehen aller gutgesinnten Bürger ein Denkmal für seine hochselige Majestät Kaiser Wilhelm den Großen errichtet werden konnte. Der Opfersinn der Bürger ist der beste Beweis dafür, daß der Geist des Umsturzes (er sprach das Wort mit harter, erhobener Stimme, und der Regierungsassessor runzelte finster die Stirn dabei), daß dieser Geist der Vaterlandslosigkeit und der Verachtung alles Ehrwürdigen und Großen keine Stätte in Ihrer blühenden Ortschaft gefunden hat. Möchte es so bleiben! Möchten Sie sich stets bewußt sein des innigen Zusammenhanges zwischen der Krone und dem Staatsbürger, jenes Zusammenhanges, der Preußen groß gemacht hat und der jetzt auch diese Provinz mit seinem Segen überströmt. Ich sehe hier die tapferen Veteranen, die in den Schlachten gestanden und dem Tode getrotzt haben für die Freiheit Schleswig-Holsteins, ich grüße diese Männer, die für die edelsten Güter ihres Vaterlandes alles hinzugeben bereit waren. Wenn ich daher meiner leider notwendigen frühen Abreise wegen schon jetzt dem festgebenden Vereine, dem Kriegervereine für Wettorp und Umgegend, meine aufrichtigsten Glückwünsche zu seiner zwanzigjährigen Stiftungsfeier ausspreche im Namen einer hohen Staatsregierung, so bin ich mir bewußt, daß solche Glückwünsche an keiner besseren Stätte zum Ausdruck gebracht werden können, als an dieser, wo, jetzt noch verhüllt, bald aber als ein glänzendes Wahrbild des Patriotismus, das Kaiserdenkmal aufragt. Halten Sie fest, das bitte ich Sie in dieser erhebenden Stunde, an dem nationalen Gedanken, seien Sie eingedenk des hohen Berufes, den die Kriegervereine zu erfüllen haben: ein Bollwerk zu bilden wider die Macht eines unterminierenden, destruktiven Geistes (das kam wieder mit erhobener Stimme heraus, und der Regierungsassessor, der so lange auf Miezes Arme geblickt hatte, reckte sich hoch auf und zog die Brauen drohend zusammen). Mögen Sie noch oft Ihr Stiftungsfest im Kreise Ihrer anderen Kameraden von nah und fern so schön und von allen Umständen so begünstigt begehen wie heute. Das sind unsere Glückwünsche. – Jetzt aber (er trat weiter vor, und der Regierungsassessor blieb immer einen Schritt hinter ihm) lassen Sie uns die Hülle von dem Denkmal gleiten sehen (Ortsdiener Pilgerim faßte das Tau fester und sah unverwandt zu seinem Vorgesetzten, dem Ortsvorsteher, hin), mit dem Gelöbnis, daß wir nie vergessen wollen, was Kaiser Wilhelm der Große für uns und besonders für unsere engere Heimat getan hat und gleich ihm sein erhabener Enkel, unser allergnädigster Kaiser, König und Herr. Wir fassen daher alle unsere Hoffnungen, alle unsere Gefühle, unsere ganze vaterländische Gesinnung in dem Rufe zusammen (der Ortsvorsteher erhob den Zeigefinger, Ortsdiener Pilgerim paßte mit allen Seelenkräften auf): Se. Majestät unser allergnädigster Kaiser, König und Herr – Hurra! Hurra! Hurra!«
Ortsdiener Pilgerim riß an der Schnur, so stark er nur konnte, die Leinewand flog davon, und im Sonnenschein grüßte die eherne Büste mit dem mildig ernsten Gesichte des alten guten Kaisers von dem blanken granitenen Sockel herab. Die Musik blies Tusch auf Tusch, die alten und jungen Männer riefen Hurra, die Hüte waren von den Köpfen gerissen. Die Frauen waren aufgestanden und schwenkten ihre Tücher, die Fahnen wehten.
Dann stimmte der Ortsmusikus an: Deutschland, Deutschland über alles, und alle sangen voll wahrer Inbrunst mit; die Frauen weinten vor Rührung. Und alle blickten auf zu dem neu enthüllten Bildwerk. Am lautesten aber sangen hinter der festlichen Schar die Wettorper Jungen, die vorhin schon ein ganz gewaltiges Hurrageschrei angestimmt hatten.
Der Ortsvorsteher atmete auf, daß alles so gut gegangen war. Er hatte immer gefürchtet, Ortsdiener Pilgerim möge nicht schnell oder stark genug ziehen oder das Tau möchte sich verwickeln, oder es möchte sonst irgend etwas geschehen, was die Feier störte.
Als der Gesang verklungen war, trat die kleine Germania-Mieze, die auch so gerührt war von den schönen Reden und von des alten Kaisers freundlichem Gesichte, erst ein wenig zaghaft, dann aber tapfer vor und deklamierte ihr Gedicht. Und es klang so brav, wie die Kleine es hersagte in ihrer natürlichen, herzlichen Weise, und sie legte den Ton auch immer auf die Hauptstellen, und andächtig lauschten alle rings im Kreise auf Kaiser … Reiser … Gut und Blut … Todesmut … Vaterland … Herz und Hand. – Mieze kam so in Begeisterung bei ihrem Sprechen, daß ihre frischen Wangen glühten. – Am Ende ihres Gedichtes legte die Germania einen hübschen Lorbeerkranz mit blau-weiß-roter Schleife am Fuße des Denkmals nieder und knickste zierlich, als der Geh. Regierungsrat zu ihr kam und ihr die Hand gab, um sie zu beglückwünschen zu ihrem schönen Erfolg. Auch der Regierungsassessor bekam ein Patschhändchen ab.
»Gnädiges Fräulein,« sagte er, – »geradezu tadellos, ein–fach ta–del–los.«
Noch aber war nicht alles zu Ende. Der Geh. Regierungsrat winkte dem gallonierten Diener, der sich so lange ganz beiseite gehalten hatte, und der brachte ihm drei kleine Etuis. Der Regierungsrat, auf dessen eigener Brust fünf Orden funkelten, hielt nun eine kurze Ansprache, in der er betonte, wie sehr es ihn freue, auch der Überbringer mehrerer allerhöchster Auszeichnungen zu sein. Und dann überreichte er dem Ortsvorsteher den Kronenorden vierter Klasse und teilte ihm gleichzeitig mit, daß ihm der Titel Bürgermeister verliehen sei; dem Wettorper Kriegervereine hatte der Kaiser einen Fahnennagel gestiftet, und Ortsdiener Pilgerim erhielt das allgemeine Ehrenzeichen in Gold. Der neue Bürgermeister machte bei seiner Auszeichnung ein ernstes Gesicht und antwortete nur ein paar stotternde Worte: wäre sein Kaiser dagewesen, so hätte er ihm stumm die Hand gedrückt, so mächtig wirkte die Ehre auf den einfachen Mann. Der Vorsitzende des Kriegervereins hielt den Fahnennagel in der Hand und zeigte ihn all seinen Nachbarn, und Ortsdiener Pilgerim glänzte. Nun löste sich die strenge Ordnung, und es gab ein großes Gratulieren und Händeschütteln. Der Herr Geh. Regierungsrat und der Regierungsassessor verabschiedeten sich, nachdem sie das Denkmal eingehend gemustert hatten, und fuhren, vom Bürgermeister begleitet, zum Bahnhofe, denn sie mußten heute abend in Kiel sein; Se. Exz. der Herr Kultusminister Dr. Bosse kam abends. Damit war denn die Denkmalsenthüllung vorbei.
Auf dem Markte ordneten sich währenddessen die Vereine wieder und zogen zum Landhause. Da war im Garten großes Konzert, die vereinigten Gesangvereine trugen ihre Weisen vor, und die Kameraden saßen alle beisammen mit Frauen und Kindern und waren so recht von Herzen vergnügt und zufrieden. Damit ging der Nachmittag hin, und am Abend nach neun Uhr, als es schon dunkel war, brannte Apotheker Juliussen das große Extra-Brillantfeuerwerk ab. Wie die Feuerräder zischten und wirbelten, wie die pots à feu knallten, wie die Schwärmer knatterten und die Goldregenspringbrunnen funkelten. Nur mit den Raketen wollte es nicht immer recht gehen, und jedesmal, wenn eine hochging, bliesen die Musikanten mit verstärktem Pust, damit die Raketen mehr Schwung bekämen. Und das Blasen half auch wirklich manchmal.
»Fihtz,« sagte die erste Rakete, und dann ging sie oben aus; »Ffiehtz,« sagte die andere und stieß mit dem Kopfe gegen einen Baumast, daß es knallte; »Ffi-i-htz,« sagte die dritte und richtig: »knatter, knatter, knatter« hörte man in der Luft, und rote, grüne und weiße Leuchtkugeln bubbelten heraus und sanken im Bogen langsam herab, bis sie verglommen. – »Oh,« sagten ringsum die Veteranen und die Veteranen-Frauen und -Kinder, »wie herrlich!« – Die Musik war stolz auf ihren Erfolg, denn sie war es gewesen, die dieser Rakete gerade zur rechten Zeit den nötigen Auftrieb verliehen hatte. Und deshalb paßte sie nun erst recht auf.