Durch die tröstenden Worte Pizarros wurde Ocollo wieder beruhigt und sie bat ihn inständig, er möchte ihr erlauben, mit dem Monarchen zu sprechen. Sie

sagte ihm ausführlich, wer sie war, die Liebe, welche sie zum Inka hatte, daß der Inka sie verehrte und die Zufriedenheit, welche ihm ihr Anblick verursachen würde; aber von seiner Freilassung, noch von dem Zustande Cajamalcas und des Reiches sagte sie ihm nichts. Pizarro sah die Schönheit und Reize Ocollos nicht mit [Gleichgültigkeit]; wenn auch ehrgeizig und stolz, war er am Ende doch ein Mensch und der Liebe empfänglich. »Ja, Ocollo«, sagte er zu ihr, »du kannst den Monarchen, den glücklichen Sterblichen, der sich deiner Reize erfreut, wohl sehen....« Und die Augen des Kriegers funkelten, ohne ihren rohen Stolz zu verlieren, vor lauter Liebe. Er befahl, sie in das nahe Zelt der Inkas zu führen, trug aber der Wache auf, daß sie nicht von deren Seite wiche, bald damit sie keine Liebkosungen austauschten, auf die Pizarro schon neidisch war, bald damit Atahulpa keine wichtigen Mittheilungen machte.

Almagro und Coya seufzten, von der Liebe, die sie im Innersten ihres Herzens verbargen, bedrängt; aber von hundert Zeugen umgeben, war es ihnen nicht möglich, ihre Schmerzen zu beklagen, noch ihre Leidenschaft auszulassen. Almagro jedoch benutzte einen Augenblick und sagte zu Coya, daß, wenn sie diese Nacht mit einigen Regimentern auf das Feld hinausginge, er die Flur durchstreifen und sie sehnlichst suchen würde, um ihr wichtige Geheimnisse zu enthüllen. Die Schöne durchschaute Almagros ganzen Gedanken, sie nahm die Bestellung an, und die Stille schien in diesen beiden beunruhigten Herzen einzukehren.

Ocollo wurde an das Zelt des unglücklichen Inkas geführt, der unter einer zahlreichen Bewachung seufzte, und als sich die beiden Ehegatten sahen, liefen sie, von einem höhern Antrieb, als ihrer Niedergeschlagenheit und ihrer Gefahr, hingerissen, sich an einander zu schmiegen. Trotz der sie umstehenden Spanier und Peruaner schmiegten sich ihre Herzen zärtlich aneinander, und ihre brennenden Lippen schlossen sich in hundert Liebesküssen. Lange Zeit herrschte, ähnlich der Windstille der Wogen nach schweren Gewitterstürmen, in dem Zelte und im Lager der Sieger ein tiefes Schweigen; reichliche Thränen benetzten die unschuldigen Ehegatten, und die Liebe, die Freude und großes Herzeleid glänzte auf den Gesichtern und lähmte die Lippen. Ocollo brach endlich das Stillschweigen, indem sie den Inka mit süßeren Liebkosungen als die Luft an heißen Sommerabenden tröstete, und Atahulpa frug nach seinen Edlen und seinen Kriegern, und jedes Mal, wenn ihm gesagt wurde, daß einer auf dem Schlachtfelde von Cajamalca getödtet worden sei, wandte er die Augen zur Sonne und rief geängstigt aus: »Gott des Lichtes, und du willst noch, daß ich lebe.« Ocollo versüßte seine Leiden, sie berichtete ihm die Aufmerksamkeitsbezeugungen, womit Pizarro sie empfangen hatte, sie wiederholte ihm die Liebe seiner Unterthanen und den Auftrag, den sie vom Rathe mitbrachte, seine Freiheit um jeden Preis zu erwirken.

Der Inka, der gesehen hatte, wie man ihn der Schätze beraubte, womit er geschmückt war, der gesehen hatte, wie man den Leichen die Edelsteine entriß,

welche sie bedeckten, der den Ehrgeiz der von Osten Gekommenen befühlt hatte, faßte begründete Hoffnungen, auf Kosten von Schätzen seine Freiheit zu erkaufen. Als Ocollo und der Inka bereits ein wenig ruhiger geworden waren, kam Pizarro an das Zelt heran und erfüllte mit seinen gewohnten Achtungsbezeugungen die beiden bekümmerten Seelen mit Hoffnung. Atahulpa sagte ihm, daß sie ihn insgeheim sprechen müßten, und der Spanier befahl denen, die sie umgaben, sich zurückzuziehen und flößte ihnen Freiheit ein, damit sie ihm vertrauensvoll ihr Herz eröffneten.

Das Wohl des Reiches, sagte der Inka zu ihm, beruht einzig darauf, daß der Monarch wieder zu seinem umtrauerten Throne zurückkehrt. Ich und mein Volk schlagen einen, deiner und des großen Herrn im Osten, würdigen Loskauf vor. Wenn du dem Herrscher Perus die Freiheit giebst, füllt man dir dieses Zelt bis zu Mannshöhe mit Gold. Trotz den großartigen Begriffen, welche Pizarro von dem Reichthum Perus hatte, mochte ihn nichtsdestoweniger ein so herrliches Angebot verwundern und überraschen; das Zelt war zweiundzwanzig Fuß lang und dreizehn Fuß breit, die Summe war ungeheuer, und Pizarro zögerte, obwohl er immer zum Inka sagte, er müsse die Bestätigung des Königs im Osten abwarten, dessen Gemüth wohl ebenfalls zur Annahme hinneigen würde, keinen Augenblick mit dem Zugeständniß eines Lösegeldes, das seinen Ehrgeiz erfüllte. Er ging zu seinen Gefährten, theilte ihnen das unermeßliche Angebot mit und sie freuten sich schon sehnsüchtig auf

den Augenblick, die Schätze der neuen Welt zu vertheilen, und Ocollo und Atahulpa gaben sich, als sie sahen, daß sie um den Preis eines blassen Metalles von Neuem zu den zärtlichsten Liebkosungen und zu dem stillen Glück zurückkehren würden, den reinsten Fröhlichkeitsergüssen hin. In Begleitung Luques kehrte Pizarro nach dem Zelte zurück und sie kamen überein, die Feindseligkeiten einzustellen und das Gold in den Zelten zusammenzubringen, bis daß Pizarro von seinem Herrn, dem König im Osten, die Bestätigung des Abkommens empfinge, ohne dessen Gutheißen er nicht für sich allein entscheiden konnte. Man versprach sich, da die beiden Heere untereinander verkehren durften, überdies gegenseitig die freundschaftlichsten Beziehungen, indem man den Auszüglern bis zu zehn an der Zahl den Eintritt in Cajamalca gestattete und die Peruaner bis zu hundert an der Zahl an die europäischen Zelte herankommen durften; daß das Lager Pizarros mit [Lebensmitteln] zu versehen war und man in jener Nacht den Sonnenpriestern gestattete, die Leichen, welche die Flur bedeckten, zu begraben.

In der Hoffnung, seine Freiheit wieder zu erlangen, sandte Atahulpa, vor Freude hingerissen, Boten nach Cuzco, [Quito], [Tititaka] und andern goldreichen Ländern, damit man, um den Preis seines Lösegeldes aufzubringen, bald von den Tempeln, bald von den Palästen der Inkas, alle Schätze sammelte und sie nach Cajamalca überführte; und Ocollo, vor Lust und Freude aufathmend, zog nach der Stadt, um den Rath und das Volk von dem glücklichen Erfolge ihrer Botschaft in Kenntniß zu setzen.