Von Neuem umarmte sie Atahulpa, der ein wenig getröstet blieb, und da die Verbindung offen war, trennte sie nicht mehr die stumme Abwesenheit. Almagro, mit seinen durchdringenden Blicken der schönen Coya folgend, hatte mit ihr das Stelldichein wiederholt, und die beiden Geliebten flehten die Nacht an, baldigst ihren schwarzen Schleier auszubreiten. Die Bewohner Cajamalcas, welche auf den Mauern thronten, zeigten die Ruhe, die im Lager der von Osten Gekommenen herrschte, von glücklicher Vorbedeutung an und zweifelten, als sie Coya und Ocollo zurückkommen sahen, nicht, daß die Sonne, welche das Reich den ganzen Tag rein und schön erleuchtet hatte, ihre flehentlichen Bitten anhörend, ihnen das Ende ihrer Leiden zu berühren gewährte. Schließlich stellten sich die beiden Schönen dem Rathe vor; die Aeltesten des Reiches und ein zahlreiches Volk hofften sehnlichst, das Ergebniß der Botschaft zu erfahren, und als sie vernahmen, daß der Inka lebte, als die Schönen die gegenseitigen Schwüre berichteten, welche Pizarro und Atahulpa sich vor ihren Göttern geleistet hatten, herrschten Freude und Jubel in den Umkreisen der Stadt; einfache Laute bewegten harmonisch die nächtliche Luft, das Volk und die Krieger stimmten Freiheitslieder an und die Priester erhoben göttliche Gesänge als Dankgebet zu ihrem Gott, der sein wohlthätiges Licht über sie ergoß.
Kapitel 10.
Leichenbegängniß.
Die Nacht hatte ihren düstern Schleier ausgebreitet, die glänzenden Sterne sandten ihr spärliches Licht auf die Erde und schwarze Schatten bedeckten, obschon in friedlicher Ruhe, den Horizont. Ocollo hatte den Rath von dem mit Pizarro getroffenen Abkommen und demzufolge von der Freiheit, worin die Priester waren, die Leichen der Peruaner zu bestatten, verständigt. Vericochas verlor keinen Augenblick, um die ehrwürdigen Sonnenpriester zu der frommen Feier zu versammeln, und das bereits beruhigte Volk, das sich von Neuem auf die Verheißungen der Söhne der Sonne verließ, fand sich in Trauergepränge im Tempel ein, um ihre traurigen Stimmen mit dem Grabgesang der Priester zu vereinigen; aber die schöne Coya nahm, obschon sie ihr geliebtes Vaterland innig verehrte, in tiefe Betäubung versunken, kaum Theil an der allgemeinen Zufriedenheit, welche in Cajamalca herrschte: Die dunkle, stille Nacht folgte ihrem unveränderlichen Lauf, die Augenblicke verflogen und um zwölf Uhr
sollte sie ihren artigen Almagro sprechen. Die reinste Liebe einer unschuldigen Jungfrau brannte in ihrem gütigen Busen und die köstlichste Unruhe bekämpfte ihr gefühlvolles Herz.
Nachdem sich die Priester in dem Tempel versammelt hatten und das Sinnbild des Mondes auf sehr reiche Bahren untergebracht worden war, ertheilte Huascar die nöthigen Befehle, damit zehn Bataillone auf dem Felde aufgestellt würden, welche das Gepränge des kriegerischen Begräbnisses erhöhten, und wobei Coya die militärischen Bewegungen leitete. Im Augenblick bereitete sich die Kriegsmacht vor; beim Tone von Trauermusiken zogen sie aus der Stadt hinaus und stellten sich, ohne Ueberstürzung, auf dem Felde, das der Schauplatz so großen Schreckens gewesen war, auf. Der junge, herzhafte Almagro streifte, von tausend Aengsten bewegt, im Lager der Spanier umher. Obschon unter Blut und Greuel der neuen Welt auferzogen, hatte er ein edles, gefühlvolles und großmüthiges Herz und Coya flößte ihm die reinste unauslöschlichste Liebe ein. Mit Sehnsucht erwartete er die zwölfte Stunde, um seine Angebetete zu sprechen, er befürchtete aber, seine Liebe verschmäht und sie ihrer politischen Lage entsprechend zu sehen. Im Lager Pizarros schlief indessen Alles ruhig und die peruanischen Bataillone zogen zur Stadt hinaus und stellten sich auf der Flur auf. Die Eindringlinge konnten im Augenblick den Zweck jener militärischen Bewegung nicht begreifen und beim plötzlichen Schall der Trommel machten sie sich über die Waffen her
und zündeten große Scheiterhaufen an, welche die Schatten der Nacht ein wenig erhellten.