Immer größer wurde das Entsetzen der die Zelte Pizarros betretenden Peruaner, wenn sie die Artillerie, die Pferde und die Ausrüstung der Spanier in der Nähe beobachteten. Aber die in Cajamalca einziehenden Expeditionäre bemerkten die Schwäche seiner Mauern und seiner Gebäude, die Einfachheit der Indianer und die Wahrscheinlichkeiten, die ihnen den Sieg sicherten. Noch mehr zogen die unendlichen Schätze, die sie in den Tempeln, in den Palästen und in den Häusern sahen, ihre Aufmerksamkeit auf sich, und von Habgier entflammt, sehnten sie den Augenblick herbei, wo beim Schalle der Kriegstrompete zum Angriff geblasen würde. Ernst und strenge in der Mannszucht, veröffentlichte Pizarro einen Erlaß, worin er jeden Anführer oder Soldaten, der das Verbrechen des Raubes beginge,
zum Tode verurtheilte. Obschon die Gewaltthätigkeiten allgemein waren, machten die Indianer, immer menschlich, dem Oberhaupte niemals Mittheilung von irgend welcher Ausschreitung; aber Pizarro selbst sah einen seiner Soldaten, wie er einer jungen Peruanerin den goldenen Zierrath entriß, womit sie sich brüstete, und der Verbrecher wurde mit dem Tode bestraft. Wohl wußte er, wie wichtig für ihn ein Soldat war, er sah aber auch das Unerläßliche der Strenge und der Disziplin ein, und wie wunderbar es für seine Feinde wäre, seine Unerbittlichkeit, und bei der Bewegung seines gewaltigen Mundes, einen Sohn der Sonne, wie vom Blitze getroffen, fallen zu sehen.
Dem Schuldigen wurde mit dem ganzen geistlichen Troste beigestanden, und da das Ereigniß bis nach Cajamalca um sich gegriffen hatte, ging ein ungeheures Volk auf das Feld hinaus, um der Hinrichtung beizuwohnen. Es lag der Politik Pizarros daran, das Geleite, welches den Schuldigen zu erschießen hatte, selbst zu befehligen, damit man ihn für den Herrn hielt, der über die Blitze verfügte, und wirklich rief er Feuer und das Opfer fiel, von Kugeln durchbohrt. Der Schrecken der Peruaner war unerklärlich, als sie die Unerbittlichkeit Pizarros mit seinen eigenen Waffengefährten sahen, und als sie sahen, daß bei seiner Stimme und bei dem Knalle des fürchterlichen Strahles ein Sohn der Sonne in das Nichts versank.
Dreißig Tage vergingen so in schöner Ruhe und die, um goldene Geräthschaften zu sammeln, nach Quito,
Cuzco, Potosi und andern Ländern gesandten Boten kamen eben, mit dem kostbaren Metall beladen, in Cajamalca an. Gewohnt, den Befehlen der Inkas blindlings zu gehorchen, übergaben die Peruaner, obschon Atahulpa gefangen war, seinem Befehle unterwürfig, das Gold aus den Tempeln und Palästen, mit der Hoffnung beruhigt, ihren Monarchen wiederum, sein Reich regierend, in Freiheit zu sehen; und das kostbare Metall floß in Strömen durch alle Theile nach Cajamalca, und das rothe Metall riß den Untergang des Reiches mit sich fort.
Stets unermüdlich in seinem Bekehrungseifer, predigte Luque allen Indianern, die auf den Lagerplatz kamen, täglich von den Geheimnissen und den Lehren des Christenthums; aber der Sonnencultus war in Peru so alt wie das Reich und die metaphysische und auf dem Glauben begründete Religion Jesus Christus entging dem spärlichen Scharfsinn der Indianer. Der Sonnengottesdienst stellte sich ihnen unter einem so einfachen System von Empfindungen vor, daß Luque vergebens inbrünstig und begeistert das hochheilige Wasser der Taufe anbot. Andrerseits predigten Vericochas und die übrigen Priester den Indianern mit orientalischer Beredsamkeit über die falschen Glaubenslehren der Eindringlinge, sie erinnerten sie an die wohlthätigen Eigenschaften des leuchtenden Gestirns und an dessen göttlichen Einfluß, an das Leben und an die Kraft, welche es in der Welt verbreitete, und was für ein schwarzer Undank es wäre, ihm die Anbetung zu versagen.
Tapfer und artig, vereinigte Almagro alle seltenen Tugenden in sich, welche einen Ritter des sechszehnten Jahrhunderts auszeichneten. Die Liebe, die Tapferkeit und das Christenthum waren seine ersten Eigenschaften, und der bloße Gedanke, daß Coya nicht auf den Pfad der ewigen Seligkeit geführt würde, ließ ihn in Schwermuth versinken. Es war schwierig, sie zum Christenthum zu bekehren, noch schwieriger aber war es Almagro, sie nicht mehr zu verehren, oder sie, ohne daß sie die heilige Taufe empfing, weiter zu lieben. Bei ihren öftern Zusammenkünften erforschte Almagro unmerklich das Herz Coyas, die Liebe flößte seinem Munde Ueberzeugung und Beredsamkeit ein und die Liebe erschloß bei den Worten ihres Angebeteten das Herz der Schönen.
Bereits in einer ruhigen Nacht sollten sie sich am Ufer des sanften Baches, der ihre erste Liebe belauschte, sehen, und Almagro hatte Luque zum Voraus benachrichtigt, in jener Nähe zu sein, da vielleicht ein Kind des Glaubens die heilige Taufe empfinge. Die Stunde des Stelldicheins kam heran, die beiden Liebenden trafen sich und von einer tiefen Schwermuth verzehrt, erweckte Almagro die Neugierde seiner Angebeteten.
»Was wird dein Gesicht so bleich?« frug ihn Coya, »zweifelst du etwa an meiner Liebe?«