Obschon die bestürzten Einwohner Cajamalcas an den verborgensten Punkten einen Zufluchtsort gesucht
hatten, verbreitete sich in der Stadt gar bald die in dem Tempel begangene Entweihung, und die Peruaner schauderten vor Entsetzen, ihre Götter so schändlich entweiht zu sehen, und in ihren Adern glühte der Geist der Rache und ihre Herzen fühlten einen allen Gefahren überlegenen Muth. Wie gewiß ist es, daß sich der Sieger, welcher die Voreingenommenheiten der Völker nicht achtet, eines Tages besiegt sehen wird! Die Peruaner sahen den Untergang ihrer Freiheit und ihrer Gesetze an, sie sahen, wie man ihnen ihre Schätze entriß, ihre Jungfrauen schändete, das Blut ihrer Söhne vergoß, und sie litten in furchtbarem Stillschweigen; aber als sie ihre Tempel entweiht und ihre Götter weggeschleppt sahen, platzte ihre Entrüstung und ihre Rache los. Noch beim Absingen des Te Deums wurden die Sieger von den wenigen kräftigen Bewohnern, welche in der Stadt geblieben waren, im Tempel angefallen, und an eine Ueberraschung glaubend, erschraken sie und viele waren ein Opfer der Wuth der Besiegten. Nachdem sie sich endlich wieder erholt hatten, wurden die Peruaner in dem Tempel geopfert und der religiöse Fanatismus entflammte die Seelen für einen Krieg bis auf den Tod.
Zum Blutbade rufend, gab Luque nachher die Seelen der Besiegten dem Teufel und jedem der Soldaten zehn Tage Ablaß. »Diese Barbaren,« rief er aus, »von dem Teufel, der seine Macht in diesem Reiche zu Ende gehen sieht, hingerissen, haben die Heiligkeit unseres Festes entweihen wollen; im Tode
und in der höllischen Pein haben sie ihre würdige Strafe gefunden. Es gebe kein Erbarmen, ihr Christen, die Götzendiener kennen keine Reue und Barmherzigkeit; wer das Wasser der Taufe nicht empfängt, werde in Gottes Namen verbrannt.« Beim Verhängen dieses Urtheils schien das ganze Reich zu erzittern.
Inzwischen war Pizarro nicht mehr als ein Christ, der demüthig auf die Stimme des Priesters hörte und beim Aussprechen eines Bannfluches bebte. Vor dem Kreuze niederknieend, gab er seinen Soldaten das Beispiel des Gehorsams, und in seinem Innern kämpfte der Ehrgeiz, die Blutgier, seine verzweifelte Liebe und der brennende Wunsch ewigen Wohlergehens. Zu seiner Linken ebenfalls knieend, zeigte Almagro in seiner Miene die Zeichen von Fanatismus; aber gefühlvoll geboren und kräftigeren Verstandes als Pizarro, mißbilligte sein Herz das Betragen seiner Gefährten, und er zweifelte, daß ein Gott des Friedens mit Vergnügen das Blut unschuldiger Opfer fließen sähe. Die Liebe zu Coya und das seinen Gefühlen so entgegengesetzte Betragen seiner Gefährten veruneinigte ihn jeden Tag immer mehr mit den Interessen seiner Waffenbrüder und der Bürgerkrieg war sehr nahe daran, im Lager der Sieger auszubrechen.
Unermüdlich in seinem Bekehrungseifer und unversöhnlich in seinem Blutdurst, wenn es sich um Götzendienerei handelte, stieg Luque auf die Kanzel im Tempel, predigte den Abenteurern ausführlich von den christlichen Geheimnissen, erinnerte sie an
das Leiden Christis, stellte als Hauptglaubensgrundsatz auf, daß es nicht einmal eine erläßliche Sünde sei, einen Götzendiener zu tödten, und daß, wo die Indianer nicht das Wasser der Taufe empfingen und, was ein heilsames Mittel sei die ewige Seligkeit zu erlangen, das Glaubensbekenntniß ablegten, man sie den Flammen übergeben solle, um mit dem Teufelsgeschlecht auf Erden fertig zu werden. Freilich waren die Eroberer der neuen Welt, welche, um ihren Ehrgeiz zu sättigen, die Meere durchfahrend, in den Tod gingen, im Allgemeinen sittenlose Abenteurer, es waren aber am Ende Männer des sechszehnten Jahrhunderts, die sich bei den Worten des Priesters demüthig niederwarfen und die ihre Leidenschaften verschwiegen, wenn die Wuth des mißverstandenen Christenthums sprach: Luque ermahnte im Namen Gottes und der allmächtige Luque beherrschte die Herzen und entflammte den Zorn.
Dort, in dem selben Tempel wurde in der Folge der Beschluß dreier Jahrhunderte verhängnißvollen Krieges, der schimpfliche Beschluß, welcher eines Tages das Blut von einer Welt zur andern fließen lassen würde, gefaßt. »Alle Peruaner,« sagte das auf Tafeln geschriebene Gesetz, »werden das Wasser der Taufe empfangen und Sklaven des Königs im Osten sein; wenn sie aber gottlos auf der Götzendienerei beharren, werden sie in die Flammen geworfen und ihre Seelen dem Teufel überliefert werden.« Ah! unschuldiges Amerika! Oh! sechszehntes Jahrhundert, Schandfleck entlegener Geschlechter!
Das Gesetz wurde auf Straßen und Plätzen veröffentlicht, und die Stadt zitterte und das Reich erbebte. Die unglücklichen, ihrer Reichthümer beraubten Bewohner, wo der Gatte die Gattin, die Geliebte ihren Geliebten, vielleicht ein alter verwundeter Vater die geschändeten Jungfrauen beweinte, hörten alle, von dem unmenschlichen Schmerze, ihren Tempel entweiht und ihre Altäre umgestürzt zu sehen, bedrückt, in starrer Betäubung das ruchlose Gesetz an. Der schwache Greis wollte zum Märtyrer seiner süßen Glaubenslehren werden, der kräftige Jüngling bot seiner wohlthätigen Gottheit seine Stärke und sein Blut an; die Jungfrau und die Gattin weinten um ihre Wittwenschaft und warfen sich den Gatten zu Füßen; es war lauter Trostlosigkeit; die dunkle Knechtschaft war der Preis der Abtrünnigkeit, der Scheiterhaufen der Inquisition das Ende ihrer unschuldigen Glaubenslehren.