Der Feudalismus, welcher in dem barbarischen sechszehnten Jahrhundert Europa noch beherrschte, schien die Grundlage der ominösen Knechtschaft Amerikas zu sein; zwischen einem Lehensmann und einem heidnischen Sklaven war gar kein so großer Unterschied. Ein Christ im sechszehnten Jahrhundert war ein von der Erde bevorzugtes Wesen, der Lehensherr jedoch zeichnete ihn wie einen Lieblingshund mit einem eisernen Halsband aus; ein Götzendiener der Sonne war ein im Himmel und auf Erden verfluchtes, verabscheuungswürdiges Geschöpf, ein ekelhafter Aussatz. Was konnte er im sechszehnten Jahrhundert von seinen Siegern mehr erwarten, als Ketten, Schmach und Knechtschaft? In Peru hatte der Herr das Recht über Leben und Tod seiner Sklaven, das Recht, den Vater aus den zarten Armen seiner Kinder zu reißen, das Recht, die Gattin von dem keuschen Lager des Gatten hinwegzuführen; und das Blut der unschuldigen Sonnenanbeter war der erste Handelsartikel der Europäer. Oh! daß sich das Gedächtniß jener Schreckensauftritte nimmermehr erinnerte!!

Ganze, in Knechtschaft geborene Familien und Kinder hielten sich für glücklich, die Ketten nachzuschleppen, wenn sie sich wenigstens der väterlichen Zärtlichkeit und Liebkosungen erfreuen durften; aber kaum ergoß die Sonne ihr Licht über die Erde, als sich der Horizont für jene Opfer mit dem Schatten der Hölle färbte. Der rüstige Vater verließ träge das Lager der Gattin und der Pfänder seiner Liebe, um an die Arbeit zu gehen, bei der er vielleicht an jenem Tage sein Leben

aushauchte; vielleicht streichelte ihn das zarte Kind mit seinen unschuldigen Händchen, und der Vater benetzte sie mit Thränen der Trostlosigkeit, wenn die unerbittliche Peitsche des Herrn auf seine Schultern niederfiel und ihn seiner Wonne benahm. Hier sah die Gattin den Europäer den Preis des Gatten merken, und ihn aus ihren Armen entreißend, ihn fortschleppen, um in der weiten Welt zu sterben; dort schaute der gefühlvolle Vater in einem blassen Metalle das Blut seines zarten Sohnes, und gab, wenn ihn der Europäer seinen Armen entriß, damit er in entlegenen Himmelsstrichen die Ketten der Schmach schleppte, vor Schmerz den Geist auf. Ah! wie viele Unglückliche stürzten sich hinter den Schiffen her, welche ihre süßen Lieben entführten, in die Wogen! Wie viele gaben sich, in Verwünschungen wider den Herrn ausbrechend, die Augen zum Himmel gewandt, einen gewaltsamen Tod! Wie viele waren in Todesängsten ein Opfer des Schmerzes, den sie in ihrer Brust erstickten! Genug, genug, mehr nicht, werfen wir einen dichten Schleier über so großen Schrecken und so große Schmach.

Aber dem sechszehnten Jahrhundert genügte die körperliche Sklaverei des Menschengeschlechtes nicht, die Gewissen mußten ebenfalls geknechtet werden. Luque konnte in den ersten Augenblicken der Eroberung nicht für sich allein erwarten, weder seines Amtes als Priester zu walten, noch allen Götzendienern der Sonne zu predigen oder sie zu erschrecken und über deren Häupter das Wasser der Taufe auszugießen, oder dann sie als unbußfertig

und verflucht in die Flammen zu werfen; und seine Einladungen einerseits und der Ehrgeiz andrerseits brachten auch in jene Regionen Priester von allen Klassen und Ständen, welche mit dem Fanatismus ihres Jahrhunderts die Henker der unschuldigen Anbeter des Gottes, der die Tage entflammt, wären. Die berühmten Dekrete von Cajamalca wurden in dem ganzen Reiche zur Ausführung gebracht, und die Unglücklichen, welche nach dem Gebirge flohen, mußten ihre neuen Glaubenslehren verleugnen, oder waren Opfer der Wuth und der Flammen der Inquisition; und diejenigen, welche dem Schrecken oder der Ueberzeugung entrissen, zur christlichen Kirche gingen, wurden mit der ganzen Härte eines Katechumenen der ersten Jahrhunderte behandelt.

Von den unglücklichen Sonnenanbetern empfingen die einen, um ihren Tod zu verzögern, das Wasser der Erlösung, und die wenigsten traten aus Ueberzeugung getrieben in den Schooß der Kirche ein. Das Gewissen der Erstern war ihre grausamste Geißel; sie mußten sich bei den Feierlichkeiten des christlichen Gottesdienstes einfinden, und wenn sie die Sonne im Osten erglänzen sahen, wurden sie, ihre Abtrünnigkeit verfluchend, von Schrecken erfaßt, und vielleicht lästerten sie das Christenthum, und litten mit doppeltem Grausen die Schläge ihres Gewissens. Diejenigen, welche von ihrem Herzen begeistert, an Jesus Christus glaubten, waren, ebenfalls unglücklich, Opfer ihrer Unwissenheit! Die fanatischen Priester erfüllten ihre Seele mit schwermüthigen Vorurtheilen; sie verkauften den

Himmel zu so theuern Opfern, daß alles Gold und alle menschliche Tugend nicht genügte, die ewige Seligkeit zu erlangen, und die Gewissensangst ist der größte moralische Jammer des Menschengeschlechtes. Die zarte Religion Jesus war ihrem Gründer nicht bekannt; ihr süßes Wesen, ihre einfache Moral verwandelte sich in die Furcht einer qualvollen Nacht; die Inquisition verbreitete ihre Greuel, und niemals gelangte an Luque, als Generalverweser, die Berufung einer Verleumdung; die untergeordneten Priester genügten, die Opfer bis vor die Flammen zu bringen.

Das war der gesellschaftliche und innere Zustand Perus, und von den angrenzenden Kolonieen strömten dem Reiche beständig neue Ehrgeizige zu, und die Kriegsmacht Pizarros war schon beträchtlich, und eben so üppig waren die Schätze der Abenteurer, als er in den Tagen, da der Waffenstillstand mit Almagro dauerte, zum ersten Mal von der Metropole Befehle empfing. Der Hof von Castilien sah mit Erstaunen die Fortschritte der Expedition von Panama; er bewunderte das Genie und den kriegerischen Charakter Pizarros: Pizarro war der Abgott der Könige, der Großen und des Volkes, und mit Uebermuth sah Philipp II. von seinem umtrauerten Throne herab die Sonne in seinem Reiche niemals untergehen. Bei den Nachrichten Pizarros und Perus setzte sich die Diplomatie des Jahrhunderts in schnelle Bewegung; kaltblütig berechneten die Thronräthe ihrer Gewohnheit gemäß die Interessen ihres Monarchen und verachteten die Menschen und traten die Menschheit mit Füßen. Alsbald

wurden Gesetze und Vorschriften aufgestellt, worin man die Sklaverei billigte, worin man den Verkauf von Sklaven gewährte, worin man die Priester und die Kriegsanführer für die größte Verbreitung des Christenthums verantwortlich machte, worin man die Inquisition unter den ungerechtesten Grundlagen festsetzte und worin man endlich die Zerstörung des neuen Reiches befahl.

Da in jenem dunkeln Jahrhundert die wahrhaftigen Grundlagen des Reichthums und der Macht der Reiche unbekannt waren, dachte man nur daran, die Kolonieen zu plündern und ihre Reichthümer nach der Metropole zu schleppen. Die Throne verachteten im sechszehnten Jahrhundert die Fortschritte der Künste; der Ackerbau war ein eingebildeter Name, dessen Resultate dem spärlichen Scharfsinn der Epoche entgingen, und die gesellschaftlichen Rechte waren mit der wilden Gewaltherrschaft, welche ihre Flügel von der einen Welt bis zur andern erstreckte, durchaus im Widerspruch. Von Pizarro wurden nur Schätze gefordert; die Art und Weise, sie zu entziehen oder zu entreißen, blieben seiner Willkür überlassen. So ungeheuerliche Prinzipien bildeten in den ursprünglichen Zeiten die Grundlagen des Verkehrs der Metropole mit den neuen Festländern.