Die Eroberung von Peru verkleidete sich außerdem mit dem religiösen Deckmantel, der alle widerrechtlichen Besitzergreifungen jenes Jahrhunderts zudeckte. Der erste Abenteurer, welcher in einem Festlande zu Boden sprang, nahm im Namen des höchsten Stellvertreters Christis, der alsdann den zeitweiligen Königen die
Verleihung gewährte, davon Besitz. Der Hof von Rom entfaltete alle seine Rechte und seinen ganzen Einfluß auf die Eroberung von Peru, aber er hatte vom Hofe Philipps zu viel Geschenke empfangen, um ihm undankbar zu sein, und Philipp hatte zu viel Fußvolk und Reiterei, als daß Rom ihn nicht fürchtete und ihm seine pflichtschuldigsten Huldigungen darbrachte. Der Hof von Rom gewährte den Königen von Castilien die Verleihung Perus, aber der Hof von Rom forderte der Gewohnheit in jenen Jahrhunderten der Unwissenheit gemäß, für seine eingebildeten Rechte unerhörte Zurechnungen. Das Recht der Erwählung von Prälaten, die übertriebenen Erpressungen für Bullen und Bewilligungen, der thätigste und gewinnbringendste Einfluß aller Art Handel haftete der römischen Curie stets an.
In Mitten der Unruhen seiner heftigen Liebe zu Ocollo, in den Augenblicken, da er auf das Duell mit Almagro zurückkommen sollte, empfing Pizarro Mittheilungen von der Metropole, die seinem Stolze und seiner wirklichen Macht zu sehr schmeichelten. Der Hof von Castilien ernannte ihn feierlich zum Statthalter und unumschränkten Gebieter des ganzen Reiches; Pizarro war der erste Priester, das erste militärische Oberhaupt und die erste obrigkeitliche Person; er war der Caligula und der Domitian der neuen Welt, und die Metropole forderte nur einen Fünftel von all’ den Reichthümern, welche er erpreßte, als Belohnung. Bei der ungeheuren Eroberung war eine unschätzbare Beute in den Händen der Abenteurer geblieben, und Pizarro,
scharfsichtig genug, um die Art zu kennen, seinen Einfluß bei Hofe zu sichern, hatte für die Krone eine Unmenge von Gold und Silber vereinigt, womit in San Mateo viele Schiffe und Galeeren beladen wurden.
Das Schicksal des Reiches änderte sich bei den Mittheilungen der Metropole in nichts. Die Rathsherrn von Madrid wußten nicht mehr, noch waren sie menschlicher als die Eindringlinge; derselbe Ehrgeiz, derselbe Fanatismus beherrschte sie, und die Vorschriften oder legalen Körperschaften, denen sie die Metropole unterwerfen sollte, mußten den Raub, die Zerstörung und die Schmach bezwecken. Das Ansehen Pizarros erwarb neue Kraft und neuen Muth, vergebens mochte irgend ein gefühlvoller Mensch am Hofe die Stimme gegen seine grausame Tyrannei erheben; am Hofe Philipps wollte man nur Schätze und Anhänger des Christenthums; Pizarro überschüttete sie mit Strömen von Gold, und die Scheiterhaufen der Inquisition brannten fortwährend. Das Schicksal der neuen Welt schien bereits festgesetzt zu sein; der Hof von Rom und der Hof von Madrid sollten jenem unschuldigen Boden den Charakter und das Genie des sechszehnten Jahrhunderts aufdrücken, aber dessen Bewohner mußten, um sich von der Götzendienerei zu reinigen, den Vater des Lichtes angebetet zu haben, von der Erde verschwinden. Das war das Schicksal aller von andern Europäern in Besitz genommenen Festländer gewesen. Die Diplomatie jener Aera schien ihr Behagen einzig an der Zerstörung zu finden.
Die bewaffneten Männer und die Priester in Peru waren die Beauftragten, das Reich seiner Schätze zu berauben, und die unermeßlichen Schätze, welche ihnen noch übrig blieben, der Metropole zu überweisen. Am Hofe Philipps schlief man unter dem Golde ein; bis auf unsere Tage kreuzten schnelle, spanische Galeeren die Meere, um die Reichthümer der neuen Welt nach Spanien zu überführen; der Hof von Madrid schwelgte im Ueberfluß, das Gold floß in Strömen: Mit einem Berge von Gold errichtete man San Lorenzo im Escurial, diesen Prachttempel, das achte Wunder der Welt; mit einem andern Berge von Gold machte man in der herrlichen Granja die reizenden Springbrunnen von Versailles vergessen; ein Berg von jenem Golde sollte dazu bestimmt sein, Alcazar [5] der Könige in Madrid zu werden; mit einem andern beherrschte man den Tajo in Aranjuez, um dessen üppige Gärten zu heben; die Kirchthürme und Münster verschlängen ebenfalls ein Meer von Gold, aber niemals dachten Philipp noch seine Höflinge daran, auch nur den geringsten Ueberfluß so übermäßiger Schätze dafür zu bestimmen, dem öffentlichen Reichthum ihres Vaterlandes aufzuhelfen, die Verkehrswege zu erleichtern, noch dessen Handel zu beschützen. Ueppige Tempel und Thürme, worin sich der Stolz und der Hochmuth des Fanatismus des sechszehnten Jahrhunderts hervorthat; prächtige und prunkhafte Festungspaläste, fantastische und köstliche Gärten und Obelisken zwischen unfruchtbaren
Gebirgen, worin sich die Könige dem Vergnügen hingaben und ihre armen Gehirne in Stolz und Wollust schwelgten; das sind die glänzenden Andenken, welche uns unsere Väter hinterließen, für die Ströme von Gold, von Schweiß und von Blut, die sie den Sonnenanbetern, den Unterthanen der Inkas, den unglücklichen Bewohnern der neuen Welt entrissen.