Das peruanische Lager bot die tiefste Ruhe dar, und der Statthalter, der sah, daß keinerlei Gefahr drohte, fühlte in seiner Brust die Liebe neu erstehen, und voller Verzweiflung zog er sich, von seinen feurigen Begierden hingerissen, von der Mauer zurück. Kaum war er bei seinem Zimmer angelangt, ließ er anmaßenden Geheißes Ocollo rufen. »Peruanerin«, sagte er zu ihr, »bald ist es Zeit, daß meine Liebe Trost in deinen Armen finde: In dieser Nacht, in dieser selben Nacht....« »Die Unruhe des Krieges, Pizarro,« entgegnete sie ihm.... »In dieser Nacht vielleicht wiederholt der Feind den Ansturm.« »Nein, er wird nicht so verwegen sein, ich schwöre es dir, er wird seinen Hochmuth nicht von Neuem gedemüthigt sehen wollen; sollte er es aber anmaßend wagen, so sind die Mauern nahe, beim ersten Schrei schüttle ich die Liebe ab, und fliege zum Kampf: Die Gefahren sind mir köstlicher als die Liebkosungen.« Vergebens mochte Ocollo die Hülfsquellen erschöpfen, welche ihr ihre furchtbare Einbildungskraft anbot, die Verzweiflung hatte sich der Seele Pizarros bemächtigt, seine Liebe war ein schwarzes Ungewitter, vielleicht wußte er um seine Leidenschaft, und wollte den glücklichen Augenblick, nach dem er so viele Male geseufzt hatte, nicht unter seinen Händen entwischen lassen.
Schnell flog der Statthalter nach der Stadt, und an die Mauern, und mit seiner Gegenwart belebte er die Soldaten, und gab allen militärischen Anordnungen
Kraft. In Thränen versunken, sah Ocollo den Augenblick, den sie auf eine wunderbare Art so sehr verzögert hatte, unvermeidlich herankommen. Zu entfliehen wäre unmöglich: Ihr Tod war sicher, und sie wollte das großartige Schauspiel der Befreiung Perus genießen. Ihre starke, in den Stürmen große Seele bewahrte Ruhe genug, um die Gefahr zu erwarten; und durch den Schatten Atahulpas und durch die Liebe beseelt, die noch in ihrem Busen brannte, dachte sie nur an ihre Rache.
Da die Garnison von Cuzco auf fünfhundert Mann beschränkt und Pizarro bis zum Verkennen der Gefahren unerschrocken war, setzte er seine Wache auf eine geringe Anzahl von Soldaten herab, aber seine unendlichen Sklaven, von dessen Wildheit gewitzigt, zitterten bei seiner Stimme. Weltklug genug, spiegelte Ocollo niemals eine Vereinigung mit jenen Unglücklichen vor; manchmal behandelte sie dieselben ebenfalls mit Anmaßung, und der Statthalter nahm sie mit seinen Interessen verschmolzen an, weil er in seinem Liebestaumel der Gegenstand zu sein glaubte, den sie verehrte! Aber Ocollo seufzte um die unglücklichen Sklaven, und in das Geheimniß der Verstellung eingeweiht, entsprachen sie ihrer Zärtlichkeit. Einige flößten ihr, bald wegen ihres Muthes, bald wegen ihren Talenten, größeres Vertrauen ein und sie waren ihre Hauptagenten für die Mittheilungen mit dem Lager Huascars; und auf sie gründete sie ihre Hoffnungen und vertraute ihnen einige ihrer Geheimnisse an. An jenem Tage ermunterte sie ihre Seelen, indem sie ihnen versicherte,
daß in der Nacht die Unabhängigkeit Perus ausgerufen würde, daß aber ihre Anstrengung unerläßlich war. Die wehrlosen Peruaner konnten kaum mehr, als großmüthig dem Tode ihre Brust aussetzen, aber stets vorsehend, wollte Ocollo glückliche Augenblicke benutzen.
Die geringe Wache, welche die Sicherheit des Palastes des Statthalters verbürgte, bestand aus Soldaten, die die Nacht auf den Mauern tödtend zugebracht hatten, die sich zur Feier des Sieges ebenfalls der Schwelgerei und den geistigen Getränken überlassen hatten, und denen die Müdigkeit und die Dünste ihre Glieder lähmen, und ein tiefer Schlaf ihre Augenlider schließen und ihre Köpfe umnebeln würde. Jene Nacht war die von Pizarro bezeichnete, um seine unkeuschen Begierden zu sättigen, und die gleichfalls von dem Schicksal bezeichnete, um die Freiheit Perus auszurufen, und Ocollo kannte ihre Lage, und in ihrer Brust glühte die Liebe zu ihrem Vaterlande und ihre Rache. Obwohl zu den Ketten der Knechtschaft herabgewürdigt, bewahrten die Peruaner die Seelenstärke eines Volkes, das die Wonne der Freiheit gefühlt hat, und bei dem Ruf der Freiheit flögen sie in den Tod, und Ocollo gab ihren Lieblingen die erforderlichen Anweisungen, damit sie die Menge vorbereiteten.
Nach so vielem Bemühen gab Pizarro der Müdigkeit schon nach; wiewohl seine Glieder stahlhart waren, giebt auch der Stahl nach. Nachdem alle militärischen Vorsichtsmaßregeln getroffen waren, zog er sich bereits beim ersten Sturmgeschrei nach seinem Palaste zurück, um einen Augenblick der Ruhe zu haben,
aber die Liebe verzehrte sein Innerstes, und eine trostlose Unruhe beunruhigte seine Brust. Ausdrucksvoller denn je, ging Ocollo, ihm tausend verstellte Liebkosungen erweisend, ihm entgegen, und bei dem Anblick der Schönen erwarb die Seele Pizarros Kraft und Leben, seine Liebe brannte heftig, und sich entsinnend, daß jene Nacht die letzte der Verstellung wäre, hielt er den glücklichen Augenblick für gekommen. Ocollo jedoch, welche Pizarros erregte Leidenschaften bereits kannte, nahm ein strenges Aussehen an und begann seinen Liebkosungen auszuweichen. Da wurde der Statthalter wieder stolz, und erinnerte sie an das Geheiß: »In dieser Nacht, Ocollo, in dieser selben Nacht; es ist Alles umsonst....«
»Hoffe es nicht, Unmensch,« versetzte die Peruanerin, »niemals wird Ocollo der Stimme des Mörders Atahulpas nachgeben.« »Ah! Treulose, und du wagtest.... In dieser Nacht, in dieser selben Nacht ... umsonst wirst du versuchen, deine Hand loszumachen, in meinen nervigen Armen wirst du dein Verbrechen sühnen....« Wie ein schwaches Rohr riß Pizarro das Opfer mit sich fort; bleich, in ihrer Ruhe, schien Ocollo von einer göttlichen Macht beseelt; schon betastete der Statthalter mit seinem schwarzen Munde die purpurnen Wangen, als Ocollo muthig einen Dolch in seine Brust stieß und ihn mitten durchbohrte. Pizarro fiel, sich in einem Strom von Blut wälzend, und Ocollo rannte tapfer mit dem rauchenden, im Blute des Eroberers gerötheten Dolche davon, gab den Ruf der Freiheit, und die Sklaven flogen in Schaaren herbei.
Alle Vorsichtsmaßregeln waren genommen; die Peruaner bemächtigten sich der Waffen der Wache, welche träge einen lethargischen Schlaf abschüttelten, um mordend unter dem Getöse der Sklavenketten zu sterben; die ganze Wache wurde, wiewohl zu theurem Preise, niedergemacht, und die Aufrührerischen flogen nach einem Thore der Stadt, um es ihren Gefährten zu öffnen. Die Spanier, welche die Mauern besetzten, hielten den Tumult für eine Ueberraschung des Feindes, der Statthalter fehlte ihnen an ihrer Spitze, und sie geriethen in Unordnung. Zu spät ja erkannten sie, was die Bewegung und den Tod Pizarros verursachte, man hatte die Thore gesprengt, und das peruanische Heer rückte eilfertig heran; es entspann sich jedoch, bei der Dunkelheit der Nacht, ein lebhafter Kampf in den Straßen, und die Spanier hätten den Sieg angestimmt, aber wie ein starkes Donnerwetter brach Almagro herein und entschied den Triumph. Das peruanische Heer weidete sich mit Entsetzen an den Besiegten; vergebens mochte Almagro in jenen Augenblicken die Macht der Disziplin anrufen: Ein jeder Soldat hatte tausend Opfer seiner Familie zu rächen, er mußte seine Schmach in dem Blute seiner Unterdrücker waschen, und man hörte nur furchtsames Todes-, Freiheits- und Rachegeschrei.