Seeleute sind stets abergläubisch, wenn auch jetzt vielleicht weniger als in der Zeit, von der ich spreche. Aber auch heute ist es trotz allen Fortschritts nicht schwer, Matrosen zu finden, die einem zwischen der Hundewache und acht Glas unter der Wetterreling ein Garn spinnen, daß sich einem die Haare sträuben wie einer zornigen Katze. – An Bord der ›Phöbe‹ befanden sich einige alte Seebären, die eine Menge Geschichten von den Geistern ermordeter Matrosen zu erzählen wußten, die mitten in fürchterlichen Stürmen erschienen, um die Maaten vor dem Mast zu ermuntern und die Seelen schuldbeladener Steuerleute und Kapitäne zu erschrecken. Dies trug natürlich dazu bei, meine abergläubischen und mystischen Neigungen zu verstärken. Oft habe ich die Nähe und die Macht des Todes oder jener, die niemals sterben, gefühlt, und oft bin ich auf geheimnisvolle Weise gerettet worden, wenn ich versucht war, an den gefährlichen Vergnügungen meiner älteren Kameraden teilzunehmen.
Seeleute lieben die Macht und freuen sich, sie über den auszuüben, den ihnen ein glücklicher oder unglücklicher Zufall in die Hände liefert; und auf jedem Schiff gibt es sicherlich einen, der die Zielscheibe kleinlicher Tyrannei und Mißhandlung ist. An Bord der ›Phöbe‹ war ich dieser eine, und da mir ein kräftiger Widerstand nicht möglich war, beschloß ich, mich zu rächen. Ich verwahrte in meiner Kiste ungefähr eine Gallone Rum, in die ich vorher etwa eine halbe Unze Krebsblumenöl aus der Medizinkiste gegossen hatte. Ich versah den Krug mit einem Zettel ›Gift‹. Krebsblumenöl ist das wirksamste gegenwärtig bekannte Abführmittel. Die Matrosen fanden den Krug, lasen den Zettel, glaubten der Aufschrift nicht, tranken die Flüssigkeit und waren folgerichtig danach für mehrere Stunden stark beschäftigt. Eine ganze Reihe von ernsten, gewandten Männern war nicht mehr zu sehen. An jenem Abend konnten sie dem Essen keinen Geschmack abgewinnen. Sie prügelten mich dafür unbarmherzig durch, aber ich war gerächt. Sie mißhandelten mich noch weiter, bis mich eines Tages ein Matrose in der Kambuse in die Nase kniff und für seine Quälerei eine halbe Gallone heißen Schmalzes auf den Unterleib bekam, die ihn sehr belästigte … Zuletzt dachte ich an Selbstmord als die einzige Erlösung, und in einem Anfall von Wut und Verzweiflung, wie sie nur einen Knaben zu überkommen pflegen, rannte ich wirklich aufs Hinterdeck, um den Gedanken auszuführen, durch einen Sprung über den Heckbord in die wogende See. Da wurde ich durch einen leisen Hauch von warmer, beinahe heißer Luft gebannt. Ich war bis in mein Innerstes durchschauert, blieb stehen und in meiner Seele wurde ein beredter und entrüsteter Widerspruch gegen meine Tollheit laut. Ich erlauschte deutlich die Worte: ›Sei geduldig! Versuch's!‹
Es ist unmöglich, all dies einer Selbsttäuschung zuzuschreiben.
Eines Abends, lange Zeit nach dem eben berichteten Ereignis, unterhielt sich eine Gesellschaft von Damen und Herren in Portland im Staate Maine in einem Hause in der Nähe des Observatoriums über das allgemeine Thema ›Geister‹ und über Lohn und Strafe nach dem Tode. Als wir uns in jenem Zimmer niedersetzten, waren wir gerade dreizehn Personen. Wir waren von der Diskussion sehr in Anspruch genommen, so sehr, daß der Gastgeber den Dienern strengen Befehl gab, uns nicht zu stören und niemand einzulassen, wer es auch sei. Und so plauderten wir darauf los; die Diener saßen in der Vorhalle an der Türe und niemand wurde vorgelassen. Mitten im Austausch der Meinungen nahm einer der Anwesenden durch seine Beredsamkeit und seine ehrwürdige Erscheinung unsere ganze Aufmerksamkeit gefangen. Er sprach genau eine Stunde lang, und der Inhalt seiner Ausführungen erschütterte uns tief.
Als er geendet, schwand er uns aus den Augen und wir bemerkten nun erst, daß er der vierzehnte Gast gewesen war. Auf gegenseitiges Befragen stellte sich heraus, daß ihn keiner kannte oder früher je gesehen oder sein Fortgehen wahrgenommen hatte – nicht einmal die Dienerschaft, die erklärte, daß seit zwei Stunden niemand weggegangen sei. Man sagte ›sehr seltsam‹ und wir beschlossen, um unseres eigenen Ansehens willen die Sache zu verschweigen, doch wir kamen überein, in acht Tagen am selben Ort wieder zusammenzukommen, um die Angelegenheit näher zu besprechen und die Meinungen zu vergleichen, zu denen die einzelnen Mitglieder der Gesellschaft inzwischen kommen würden.«
4. Kapitel
EINE HÖCHST SELTSAME GESCHICHTE ETTELAVAR
»An dem verabredeten Abend kam ein ausgewählter Teil unserer Gesellschaft wieder zusammen, aber keiner hatte eine Lösung des Rätsels gefunden. Unsere Unterhaltung wurde womöglich noch interessanter und spannender als beim erstenmal, und zwar wegen der ungewöhnlichen Dinge, die ich dabei erlebte. Ich war an jenem Abend so vollständig der Sache hingegeben, daß ich zwei- oder dreimal in eine Art mesmerischen Halbschlafs verfiel, der in dem Grade tiefer wurde, als die Diskussion sich steigerte, bis meine unteren Gliedmaßen kalt wurden und mich eine eisige Erstarrung befiel, worüber ich derart erschrak, daß ich, selbst auf die Gefahr hin, das Gespräch zu unterbrechen, den anderen die Verfassung, in der ich mich befand, kundtun wollte.
Wollte – denn ich versuchte es und bemerkte zu meiner Bestürzung, daß ich keine Silbe mehr sprechen konnte – daß ich nicht mehr der geringsten Bewegung fähig war. Ich war entsetzt. Die Gesellschaft war von dem Gesprächsgegenstand so sehr in Anspruch genommen, daß niemand von der an mir vorgegangenen Veränderung Notiz nahm, auch argwöhnte niemand, daß ich nicht mit größter Aufmerksamkeit bei der Sache sei.
Mit unbeschreiblichem Schrecken fühlte ich, daß mir das Leben rasch entfloh und daß der Tod langsam, aber sicher mit eisigem Griff meine Seele packte. Ich war am Sterben. Es schien mir, als sei eine lange Zeit zwischen den letzten bewußten Momenten und dem augenblicklichen deutlich bewußten Todeskampf verlaufen. Da plötzlich schoß ein scharfes quälendes Schmerzgefühl wie ein Nadelstich durch mein Gehirn. Daraufhin nahm mein Empfindungsvermögen ab, wie wenn der Körper in untätiger Passivität der Auflösung keinen Widerstand mehr leisten wollte, und es kamen, mit der Schnelligkeit des Blitzes, die fürchterlichsten Agonien, die je ein sterblicher Mensch erduldet haben mag. Als sie zu Ende waren, schwand mein Bewußtsein und ich fiel auf den Boden, wie ein plötzlich vom Tode Überraschter, zum größten Schrecken der Gesellschaft, wie man mir später sagte.