Wie lange diese physische Leere dauerte, kann ich jetzt nicht sagen, aber, während mein Körper in diesem apathischen Zustand war, wurde meine Seele zu zehnfacher Kraft aufgepeitscht; denn sie sah die Dinge in neuem, geheimnisvollem Licht und weit deutlicher, als sie es je durch die körperlichen Augen vermocht hätte. Diese Zunahme des Gesichts war von einer ebenso starken Zunahme des Gehörs begleitet, und ich hörte eine Stimme, die ganz der ähnlich war, die ich beim Tode meiner Mutter und damals, als ich mich in die See stürzen wollte, gehört, und sie sagte: »Erwache! Eine Aufgabe erwartet dich!« Gleichzeitig ließ meine Lethargie nach und ich wurde nach oben geführt und legte mich mechanisch auf ein Sofa, wobei ich meine Augen unwillkürlich auf das fahle weiße Zifferblatt einer seltsamen alten vlämischen Uhr richtete, die die ganze südliche Ecke des Zimmers einnahm. Dann ließen mich meine Freunde allein, um im Gesellschaftszimmer unten ihre Unterhaltung wieder aufzunehmen.

Das alte Zifferblatt wurde vor meinen Augen heller und heller und dehnte sich immer mehr aus, bis ich, von seiner Körperlichkeit nicht mehr behindert, in ein Meer von märchenhaftem Lichte blickte, dergleichen ich noch nie gesehen. Ich glaubte mich nicht mehr an meinen Leib gefesselt, sondern frei von Raum und Zeit, ein freier Bürger der Ewigkeit. Und ich fühlte mich auf einer Dunstwolke in die Luft emporgehoben, von dem mächtigen Arme eines seltsam blickenden alten Mannes – dem genauen Ebenbild desjenigen, der uns einige Tage vorher durch seine Erzählungen und sein geheimnisvolles Verschwinden in so große Bestürzung versetzt hatte. Er sagte, ich solle mich nicht fürchten, sondern auf mich und ihn vertrauen; nicht Böses, sondern Gutes wolle er mir tun: sein Name sei Ettelavar, seine Jahre zählten nach Menschenaltern und er sei der Gefährte derer, die sterben und wieder leben – und jener, die niemals den Tod erleiden. All dies und noch mehr sagte er mir; und er fügte hinzu, er wolle sich und mir helfen. Er kenne geheimnisvolle Mächte, die durch Jahrhunderte hindurch die Weisen und Gelehrten der Erde zu besitzen behaupten – die Narek el Gebel, die Hermetisten, die Pythagoräer, die drei Tempel des Rosenkreuzes, die mittelalterlichen und die modernen Rosenkreuzer und die zu allen Zeiten und an allen Orten lebenden Erforscher von Geheimnissen.

Während ich diesem seltsamen Wesen Ettelavar zuhörte, war mir, als ob ich im Luftraum schwebte; ich verspürte ein so intensives Lebensgefühl wie nie zuvor, und wußte zum erstenmal, was es heißt, ein lebendes, menschliches Wesen zu sein. Durch eine mir unbekannte Kraft tat Ettelavar unserer Bewegung Einhalt und die Wolke, auf der wir dahinzusegeln schienen, stand mitten im Weltraum still und er sagte zu mir: ›Sieh und lerne!‹

Wie geschäftige Insekten in der Sommersonne sah ich in weiter Ferne zahllose menschliche Wesen, die mühsam auf einer steilen Anhöhe arbeiteten, über deren Gipfel schwerfällig dichte, dunkle, düstere Wolken hingen. An ihren Rändern waren sie blutrot, wie wenn sie mit Donner gekrönt und ihr Inneres übervoll von Blitzen wäre; ihre finsteren Schatten legten sich schwer und bleich auf die Ebene unten, wie Sterbekleider auf die Glieder einer schönen Frau. ›Es ist nur eine Masse‹, sagte ich; und das Wesen an meiner Seite wiederholte in erstauntem Tone: »Nichts als eine Masse? Knabe, die Schicksale der Völker beruhen auf der Masse. Sieh weiter!« Ich gehorchte mechanisch und bald bemerkte ich eine seltsame Bewegung unter der Menge, ein Klagegeheul drang empor – ein Schrei höchster Angst – ein Schall, schwerbeladen mit Weh und Seelenleiden. Ich schauderte.

Auf der äußersten Spitze des Berges stand ein gewaltiges Monument, kein Obelisk, aber eine Art Tempel, vollkommen in allen seinen Linien und prächtig anzuschauen. Auf diesem Gebäude stand eine kleine Pyramide aus glänzendem Gold und auf jeder ihrer Seiten war das lateinische Wort ›felicitas‹ eingegraben. Ich fragte meinen Führer nach einer Erklärung, aber anstatt sie zu geben, legte er seine ätherische Hand auf meine Hand und indem er leicht über meine Augen fuhr, sagte er: ›Sieh!‹

Hatte seine Berührung Zauberkraft? Es schien so, denn sie vergrößerte meine Sehkraft wohl um das Fünfzigfache und als ich mich wieder der Erde zuwandte, wurde mein Interesse durch ein wirkliches Drama erregt, das sich da und dort abspielte. Offensichtlich war die große Mehrheit der Leute teilweise, wenn nicht völlig blind, und ich beobachtete, daß eine Gruppe in der Mitte der Ebene am Fuße des Berges sich in größerer Erregung zu befinden schien als die anderen. Ihre Unruhe schien aus dem Wunsch hervorzugehen, der hier jeden beherrschte, nämlich eine Kugel und einen Stab aus Gold zu bekommen, die auf einem roten Samtkissen in dem prächtigen Gebäude auf dem Berge lagen. Inmitten dieser letzteren Gruppe, die sich heftig bemühte, den Weg zu dem Monument hinauf zu erreichen, befand sich ein Mann, der mit weit mehr Willenskraft und Entschlossenheit ausgestattet zu sein schien als alle anderen. Mutig strebte er auf dem Wege zum Gipfel vorwärts und nach unglaublichen Anstrengungen hatte er auch Erfolg. Frohlockend nahte er sich dem Tempel. An seiner Seite waren noch Hunderte. Er überholte sie, trat ein und streckte die Hände nach der Kugel und dem Zepter aus – ich glaubte schon, er würde gewiß sein Ziel erreichen – seine Finger berührten schon den Preis, ein Lächeln des Triumphes erhellte sein Antlitz, aber da nahm es plötzlich die Farbe des Todes an – er fiel zur Erde, von einem tödlichen Schlag getroffen, den eine verräterische Hand von hinten geführt hatte, und schon packten ihn andere und warfen ihn in den gähnenden Abgrund, an den der Tempel hart angrenzte. Wohl war er der erste, aber der erste, der in Stücke gerissen und von den eisernen Fersen der Neuankommenden zu Tode getreten wurde – von Menschen, die kein Mitleid fühlten, sondern sich vielmehr freuten, daß die Zahl ihrer Rivalen sich um einen vermindert hatte.

›Ist es möglich,‹ rief ich innerlich aus, ›daß ein so infernalischer Neid in menschlichen Seelen kocht?‹

›Leider, wie du siehst‹, antwortete Ettelavar an meiner Seite. ›Laß dir zur Lehre dienen, was du gesehen hast. Ruhm ist ein Wahnsinn, nicht wert, ihn zu besitzen, wenn man ihn erlangt hat. ›Felicitas‹ schwebt dem Menschen immer vor und wird nie erreicht, darum sollte man gar nicht danach streben. Freundschaft ist ein leerer Name oder ein bequemes Kleid, das die Menschen anlegen, um einander mit größerer Leichtigkeit berauben zu können. Kein Mensch freut sich, wenn er den anderen emporkommen sieht, außer, wenn dieses Emporkommen seiner eigenen Erhöhung nützt. Und der Hintenstehende wird den Vornstehenden erdolchen, wenn er ihm im Wege steht. Ich beginne mein Amt als dein Schützer, indem ich dich vor der Welt warne – und damit dich gegen sie bewaffne – und vor allen, die zu ihr gehören. Wenn du wirklich emporsteigen willst, dann mußt du erst lernen, die Welt und alles, was sie enthält, auf seinen richtigen Wert einzuschätzen. Denke daran; ich, der ich zu dir spreche, bin Ettelavar. Erwache!‹

Wie die plötzliche schwarze Wolke in östlichen Meeren, so kam eine Finsternis über mich; meine Augen öffneten sich und erblickten das alte Zifferblatt. Seine Zeiger sagten mir, daß genau dreizehn Minuten verflossen waren, seit ich zum erstenmal auf jener Uhr nach der Zeit gesehen hatte. Seit jener Stunde habe ich manches Ähnliche erlebt und das ist auch der Grund für die in gewisser Hinsicht außergewöhnlichen Kräfte, die ich mir nicht anmaße, sondern die mir zugeschrieben werden.«