Dies war der Inhalt der Erzählung des jungen Mannes, die er zur Antwort auf die Fragen gab, die ihm, lange bevor er hier dem Leser vorgeführt wurde, vorgelegt worden waren.


5. Kapitel
LIEBE – EULAMPIA[2] – DAS SCHÖNE

Die goldene Sonne ging unter, der Tag sank unter seine purpurnen Decken im glühenden Westen. Arbeitsmüde Bauern wanderten langsam ihren Weg nach Hause zum Abendessen. Noch saß der Wanderer an der Landstraße; noch fielen seine Tränen und wenn die Heimkehrenden an ihm vorbeikamen, machten sie wohl Bemerkungen über ihn, ohne sich darum zu kümmern, ob er sie hörte oder nicht. Zuletzt kamen drei Personen des Wegs, von denen zwei unzweifelhaft Indianer waren, während es bei der dritten, einem Mädchen von einzigartiger Gestalt, Grazie und Gesichtsfarbe und ungewöhnlicher Schönheit sehr schwer war, ihre Rassenzugehörigkeit zu bestimmen. Sie war etwa vierzehn Jahre alt. Der Knabe, der sie und den alten grauhaarigen Indianer begleitete, mochte gegen zwölf Jahre zählen. Dieser Junge nun bemerkte den Fremden zuerst.

»O, Eulampia,« sagte er, »sieh doch! Da sitzt ein Mann und weint, ich will ihm helfen!« Er redete in seiner Muttersprache. Er war ein Vollblutindianer, furchtlos, lebhaft und edelmütig. Er war vom Stamme der Oneida, die zu den Mohawks gehören. Unglück sehen und zu Hilfe eilen war für ihn ein und dasselbe, wie es auch bei seinem Volke gebräuchlich war, bis es durch schlechte Sitten und durch eine noch schlechtere Schutzherrschaft »kultiviert« und »zivilisiert« wurde. Der Indianer hieß Ki-ah-wah-nah (der Lindernde und Tapfere) und war der Häuptling des Stockbridge-Zweiges der Mohawks. Das Mädchen, Eulampia, war dem Namen nach sein Enkelkind, in Wirklichkeit aber hatte sie außer Kleidung, Sprache und Erziehung nichts Indianisches an sich, obgleich man sie wohl für einen Mischling hätte halten können. Ihr Name war neugriechisch, aber ihre Züge und ihre Gesichtsfarbe erinnerten nicht mehr an die der schönen Bewohner der Gestade des Bosporus als an die der Indianer oder Angelsachsen. Vor vielen Jahren war das Mädchen von einer Frau, die zu einer Bande wandernder Zigeuner gehört, dem Häuptling gebracht und für eine Woche seiner Obhut übergeben worden. Diese Frau hatte, durch den Ruf der Neuen Welt angelockt, ihre europäische Heimat verlassen und die See durchquert, um eine goldene Ernte zu sammeln. Die Zigeunerbande hatte sich fast ein Jahr lang in Cornhill in Utica aufgehalten und dann von dort das Land in weitem Kreise durchzogen. Die Frau war niemals zurückgekommen, um ihr Kind wieder zu holen, denn die übrigen Mitglieder der Gesellschaft brachen plötzlich auf. Der alte Häuptling, der Eulampia als Kind übernommen hatte, gewann sie, als sie heranwuchs und größer wurde, ebenso lieb wie wenn sie eine Frau seines eigenen Stammes gewesen wäre. Dies war keineswegs verwunderlich, denn ihr überlegener Geist erzwang sich bald Achtung und Bewunderung. Keine einzige der ethnologischen, körperlichen oder seelischen Eigenheiten der Zigeunervölker war an ihr wahrzunehmen und kluge Leute vermuteten deshalb, sie sei irgendwo von jenem Weibe gestohlen worden, das sie aus Furcht oder Berechnung ihrem Schicksal und der Fürsorge des guten alten Indianers überlassen hatte. Sie galt weit und breit nicht nur als die Schönste, sondern auch als die Gescheiteste unter all ihren Altersgenossinnen und war die unbestrittene Königin jener Indianerreservation, nicht von Rechts wegen, sondern durch ihre geistige Überlegenheit.

Dies war also die »hellstrahlende« Jungfrau, die sich jetzt, durch die Rufe des Knaben aufmerksam gemacht, dem jungen Beverly näherte. Als sie sein Äußeres gewahrte, das von Not und Kummer Zeugnis ablegte, legte sie ihre zarte Hand sanft auf sein Haupt und sagte mit einer ungemein herzlichen und sympathischen Stimme: »Mann mit dem schweren Herzen, warum weinst du da? Ist deine Mutter vor kurzem gestorben?«

Der junge Mann hob den Kopf, sah das Mädchen in seiner blendenden Schönheit vor sich und entgegnete, nachdem er einen Augenblick gezögert hatte, wobei ihn ein Schaudern wie von einer schmerzlichen Erinnerung überlief, mit leiser Stimme: »Nein; es kann nicht sein! – es kann nicht sein! – Und gar in diesem Teil der Welt! Nein!« Dann fügte er hinzu: »Mädchen, ich bin allein und das ist's, warum ich weine. Ich bin noch jung, aber das Gewicht von Jahren des Kummers lastet schwer auf mir und drückt mich nieder. Heute ist der Jahrestag des Todes meiner Mutter und ich begehe ihn immer in Tränen und Gebet. Seit sie zum Himmel heimging, habe ich keinen wahren Freund gehabt, und mein Los und Leben ist Elend. Die Menschen nennen sich meine Freunde und beweisen es, indem sie mich berauben. Vor kurzem kam einer zu mir – er war sehr reich – und sagte: ›Man sagt mir, daß Ihr sehr geschickt in der Behandlung von Kranken seid. Kommt; ich habe eine Schwester, die die Ärzte bereits aufgegeben haben. Ich liebe sie, Ihr seid arm, ich bin reich. Rettet sie; Gold wird Euer Lohn sein.‹ Ich ging, die Ärzte hatten sie aufgegeben und nur zwei Möglichkeiten gab es noch, ihr Leben zu verlängern – entweder die Übertragung von Blut aus meinen Adern in die ihrigen, oder eine Übertragung des Lebens selbst. Ich war jung und kräftig und wir beschlossen, den letzteren Weg einzuschlagen. Und Monate lang saß ich nun – während der Zeit von drei Jahren – bei der armen Kranken und ließ ihren zerstörten Körper auf magnetischem Wege wieder Leben gewinnen, ohne darauf zu achten, daß ich dabei meine eigene Gesundheit untergrub. Schließlich brach ich vor Erschöpfung und Krankheit zusammen und war, nur um mein Leben zu retten, genötigt, das magnetische Band zwischen uns zu lösen und nach Europa zu gehen. Kaum war die Verbindung unterbrochen, so sank sie ins Grab. Falsche Freunde haben mich betrogen und mich an den Bettelstab gebracht. Du weißt jetzt, warum ich traurig bin, Mädchen mit dem guten Herzen! Ich bin schwach heute abend; der Morgen wird mir wieder Kraft bringen. Sieh, die goldene Sonne geht im Westen unter. Ich fürchte, meine Sonne geht auch unter und die lange, lange Nacht des Elends wird folgen.«

»Du sprichst gut, Mann mit der wunden Seele,« entgegnete sie, »du sprichst gut, wenn du sagst, daß die Sonne untergeht; aber du scheinst zu vergessen, daß sie wieder aufgehen und so hell wie heute scheinen wird! Alte Leute sagen, daß die finsterste Stunde die vor dem Anbruch des Tages ist. Ich bitte dich, fasse Mut. Du kannst trotzdem glücklich sein!«

»Genau der Wahlspruch der geheimnisvollen Brüderschaft! – Genau die Worte meiner toten Mutter! Wie ist dieses Mädchen dazugekommen? Wann? Wo? Durch wen?«

Beverly stutzte und blickte in die dunkle Tiefe ihres Auges. Er wollte schon die Fragen an sie stellen, die sich ihm soeben aufgedrängt hatten, tat es dann aber doch nicht.