Beverly fuhr in seiner Erzählung fort: »Ich habe schon von dem Fluch erzählt, der über mich verhängt ist; – daß ich zu ewigen Verwandlungen verdammt bin, wenn ich nicht durch die Ehe mit einer Frau erlöst werde, in deren Adern kein Tropfen vom Blute Adams kreist – und auch das nur, wenn eine vollkommene gegenseitige Liebe besteht. Dieser Fluch hat mich mit gewissen Wesen, Mächten und Einflüssen in Berührung gebracht, wie schon andere vor mir, und schließlich wurde ich ein freiwilliger Adept der Geheimnisse der Brüderschaft der Rosenkreuzer. Wie, wann und wo ich würdig befunden wurde, aufgenommen zu werden, darf ich natürlich nicht sagen; es mag genügen, daß ich zu dem Orden gehöre, daß ich – nachdem ich auf gewisse Dinge hatte verzichten müssen – zu der Genossenschaft der Lebenden, der Toten und derer, die niemals sterben, sowie zu den berühmten Derishavi-Laneh zugelassen wurde und daß ich mit den letzten Geheimnissen der Fakie-Deeva-Register vertraut bin. Im Leben habe ich immer drei große Möglichkeiten vor mir gehabt: Eine davon ist die, daß ich – da ich eine neutrale Seele bin – nach meinem Tode der Führer eines hohen Ordens, das ›Licht‹ genannt, werden würde. Die zweite wäre die Berufung zur Führerschaft des ›Schattens‹, eines entgegengesetzten Ordens, gewesen. Die dritte, die ich am meisten fürchte, ist die, daß der vor vielen Menschenaltern ausgesprochene Fluch eines Sterbenden, ich müsse in verschiedenen Körpern auf der Erde umherwandern, ewige Dauer erlangen könnte, wie ich schon erzählt habe, wenn ich nicht durch die treue Liebe eines Weibes losgekauft werde, in deren Adern nicht ein Tropfen von Adamsblut fließt. Es ist mein sehnsüchtiger Wunsch, alle diese drei Möglichkeiten zu vermeiden und des Loses anderer Menschen teilhaftig zu werden.
Ich habe noch andere geheimnisvolle Dinge zu erzählen. Ohne Zweifel erinnern Sie sich, daß jener Fluch von dem jungen Dichter ausgestoßen wurde und daß die geheimnisvolle Stimme in dem Gefängnis, wo er erschlagen wurde, erklärte, daß jener Jüngling fortan, bis der Fluch erfüllt sei, durch alle Zeiten als der ›Fremde‹ bekannt sein solle. Nun gut, im Verlauf der Jahrhunderte wurde dieser Fremde Mitglied einer erhabenen Brüderschaft des Jenseits mit dem Namen ›das Licht‹. Sie wissen auch, daß ich, der König, verurteilt wurde, bis zu meiner Erlösung rastlos umherzuwandern, und Sie wissen auch, daß dem Wesir, der den Namen ›Dhoula Bel‹ erhielt, ein seltsames Geschick auferlegt wurde. Auch er wurde ein tätiges Mitglied einer ausgedehnten Vereinigung im Weltraum, des ›Schattens‹. Das ist jedoch nur die eine Hälfte des Geheimnisses, denn Dhoula Bel und der Fremde hatten es sich zur Aufgabe gemacht, aus mir ein in jeder Beziehung neutrales Wesen zu machen, eines, das keine Neigungen zum Guten oder zum Bösen, sondern nur zu rastlosem Streben haben sollte.
Bei einem meiner zahlreichen Aufenthalte in Paris wurde ich mit einigen hervorragenden Rosenkreuzern bekannt und als ich ihre seelische Tiefe maß, fand ich das Wasser sehr seicht und sehr schmutzig – wie dies ja auch bei denen gewesen war, die ich in London getroffen hatte. Schließlich bekam ich eine Einladung von dem Baron D…t, an einer mesmeristischen Sitzung teilzunehmen. Ich ging hin und der Ruf, den ich dabei erlangte, bewirkte, daß ich schon nach einigen Tagen auf Befehl Kaiser Napoleons III.[3], der 34 Jahre lang ein treuer Rosenkreuzer gewesen war, in die Tuilerien entboten wurde. Ich war schon vorher mit ihm am gleichen Orte, aber in einer anderen Angelegenheit zusammengetroffen. Was damals, soweit ich als tätiger Teilnehmer in Betracht kam, geschah, das zu sagen steht mir nicht zu, außer daß gewisse Experimente in ›Hellseherei‹ als sehr gut gelungen bezeichnet wurden.
Bei dieser Gelegenheit spielte ich Schach und Karten mit verbundenen Augen und gewann, ohne daß ein Wort gesprochen wurde. Dabei fanden die Spiele gleichzeitig statt und die Spieler saßen in drei getrennten Zimmern. Es war auch ein italienischer Edelmann mit einem unaussprechlichen Namen da, ferner ein russischer Graf Tsowinski und eine Frau Dablin, eine Mesmeristin und Opernsängerin. Nach einer Weile fragte der Kaiser die Kaiserin und den General Pellissier, den späteren Herzog von Malakoff, ob sie sich einem magnetischen Versuch durch einen der drei genannten Lehrer dieser Kunst unterziehen wollten. Sie stimmten zu, worauf der Kaiser mit lauter Stimme fragte, ob jemand aus der Gesellschaft geneigt sei, in eigener Person die magnetischen Kräfte seiner Exzellenz des italienischen Grafen zu bestätigen, dessen Methode beim Magnetisieren sich völlig von der damals allgemein üblichen unterschied. Er pflegte nämlich, wie der Schauspieler Boucicault in seinem berühmten Spiel ›Das Gespenst‹, nicht herumzugehen, auch blickte er die Versuchsperson überhaupt nicht an.
›Mit dem größten Vergnügen,‹ erwiderte der Graf auf die Aufforderung, seine seltsamen Kräfte vorzuführen, ›mit dem größten Vergnügen, Majestät‹. Und sogleich wandte er sich um und blickte starr in einen großen Spiegel, der den ganzen Raum zwischen den Fenstern des Salons einnahm. Als er sprach, kam es mir plötzlich zum Bewußtsein, daß ich diesen italienischen Rosenkreuzer schon einmal getroffen hatte, aber ich hätte um den Preis meines Lebens nicht sagen können, wo. Doch war ich völlig sicher, seine Stimme schon gehört und noch sicherer, sein seltsames, süßliches Lächeln schon gesehen zu haben.
Der Graf stand so vor dem Spiegel, daß, wenn sein Auge eine leuchtende Flamme gewesen wäre, die von dem Spiegel zurückgeworfenen Strahlen mitten auf die Stirne eines aus unserer Gesellschaft getroffen hätten; dieser jedoch argwöhnte nicht das Geringste. Er merkte es erst, als es zu spät war und als der Experimentator ihn in den Brennpunkt seiner Sehstrahlen brachte, die Fäuste ballte, mit zehnfacher Konzentration in den Spiegel blickte und einige unverständliche Worte vor sich hin murmelte; – und schon fiel der andere zu Boden, wie wenn ihn eine Kugel ins Herz getroffen hätte, oder wie wenn er mit einer Keule niedergeschlagen worden wäre. Alles fuhr auf und jeder glaubte, es handle sich um einen Schlaganfall – ausgenommen der Kaiser, der Experimentator, ich und der Russe.
Einige eilten herbei, um ihn aufzurichten, aber bevor sie dazu kamen, sprang er auf die Füße und begann zu tanzen und zu singen (im gleichen Moment begriff die Gesellschaft, daß es sich um ein mesmeristisches Phänomen handelte), um gleich darauf für sein Leben zu flehen, wie wenn er mit der Aussicht auf Gefängnis oder Hinrichtung vor seinen Richtern stände. Alles war von dem Vorfall im höchsten Grade hingerissen.
Plötzlich verwandelte sich diese Gerichtsszene in eine musikalische, ohne daß der Graf ein Wort gesprochen hätte, und obgleich der Betreffende sonst durchaus nicht singen oder musizieren konnte, spielte er jetzt mehrere schwierige Stücke auf der Harfe und dem Klavier, sang selbst den Text dazu und das in so hervorragender Weise, daß alle Anwesenden unwillkürlich applaudierten.
Plötzlich unterbrach er sein Spiel und trat genau an die gleiche Stelle, an der der Italiener vorher gestanden hatte und starrte wie er in den Spiegel. Zwanzig Sekunden später stürzte ein anderer Herr, der im Brechungswinkel der reflektierten Strahlen stand, zu Boden und als eine Dame ihm zu Hilfe eilen wollte, und dabei zufällig in den Bereich der Sehstrahlen geriet, hob sie ihn so leicht auf, als wäre er eine Puppe gewesen und begann mit ihm einen geradezu unbeschreiblich wilden Tanz. Dies wirkte ansteckend, denn in weniger als einer halben Minute wirbelten, sprangen und flogen wohl siebzehn Personen, würdige Lords und vornehme Damen, wilder als Bacchanten durch den Saal. Sie hatten sich alle der Reihe nach gegenseitig hypnotisiert. Über alle Maßen erstaunt, zog ich mich, um die weitere Entwicklung der Szene besser zu beobachten, nach der entgegengesetzten Seite des Salons zurück und lehnte mich an eines der beiden dort stehenden kolossalen japanischen Götterbilder. Niemand war in meiner Nähe. Und in meiner Überraschung murmelte ich leise: ›Welch erstaunliche Kraft!‹ Ich bin fest überzeugt, daß selbst ein ganz nahe bei mir Stehender nicht hätte verstehen können, was ich sprach, und doch hatte ich diese Worte kaum geäußert, als sich der Graf auf dem Absatz umdrehte, auf mich zukam und mit einem seltsamen süßlichen Lächeln sagte: ›Diese ganze Kraft ist die Ihre, wenn Sie nur ein einziges Wort sprechen.‹