›Was für ein Wort?‹ fragte ich, verblüfft, daß jemand so schnell meine Gedanken hatte lesen können, denn er konnte meinen Ausruf unmöglich gehört haben.
›Daß Sie sich freiwillig der erhabensten Brüderschaft anschließen wollen, die es je auf der Erde gegeben hat. Überlegen Sie sich's. Wir sprechen uns später!‹
›Wann? Wo?‹ fragte ich hastig, denn die erlauchte Gesellschaft und insbesondere der Kaiser, der uns unter seinen buschigen Brauen hervor ebensoviel Aufmerksamkeit schenkte, wie den wunderbaren Vorgängen im Saale, beobachteten uns fortwährend.
Er antwortete nicht ohne weiteres, sagte aber schließlich: ›Durch die Ausübung der Macht, die ich besitze und Ihnen übertragen will – bedingungsweise natürlich. Sie werden fähig sein, jeden Menschen der Sprache zu berauben und Mann, Weib oder Kind vollkommen Ihrem stummen Befehl dienstbar zu machen, wie die Leute dort meinem Willen dienstbar sind. Da lebt hier z. B. in Paris ein gewisser Jean Boyard, der durch einen bloßen Blick jeden beliebigen Gegenstand auf sich zutanzen lassen kann. Sie werden ihn um das fünfzigfache übertreffen! Auf dem Boulevard du Temple läßt ein gewisser Hektor eine Rose aus einer grünen Knospe in sieben Minuten voll erblühen. Sie werden es in einer Minute tun können.
In der Rue du Jour lebt eine weise Frau, die alle Übel heilt, die überhaupt heilbar sind, und zwar durch bloße Berührung und durch Gebet: Sie werden mehr leisten, als sie je zu hoffen wagen darf. Sie brauchen nur zu sagen: ›Ich will diese Kräfte haben.‹ Und sie werden Ihnen zu Gebote stehen, und sie sind wahrhaftig des Besitzes wert. Ich habe meine Geheimnisse unter den Magiern des Ostens erlernt – Männern, die nicht halb so zivilisiert sind, wie wir im Westen, die aber trotzdem ein gut Teil mehr wissen als die Weisen der Christenheit – nicht von Technik, Politik und Finanzwesen, sondern von der menschlichen Seele, ihrer Natur, ihren Kräften und den Methoden ihrer Entwicklung. Anstatt der modernen wissenschaftlichen Entdeckungen auf diesem Gebiet froh zu sein, schämen wir uns des ›Wahren Tempels‹ … ›Was für ein Tempel?‹ unterbrach ich ihn. Der ›Hohe Dom des Rosenkreuzes‹‹, sagte er.
Der Kaiser mußte diese Frage und die Antwort gehört haben, denn er ging gerades Wegs zu uns herüber, um an unserer seltsamen Unterhaltung teilzunehmen. Der Graf verneigte sich und schien durch die Gegenwart des großen Gründers des zweiten Kaiserreiches nicht im geringsten in Verlegenheit gebracht.
›Was ich sagen wollte‹, nahm er den Faden wieder auf, ›anstatt über das, was die Wissenschaft geleistet hat, in Ekstase zu geraten, schämen wir uns vielmehr über den zögernden Gang des ›Fortschritts‹ – ja: ›Fortschritts!‹ Wo sehen Sie denn einen Fortschritt, außer im Elend, in der Armut, im Verbrechen, in der Unterwürfigkeit? Fortschritt ist mehr Phantasie als Wirklichkeit. Zivilisation ist ein Irrtum, Utilitarismus eine Entweihung der Menschenseele, Philosophie ist Betrug und Gelehrsamkeit Lüge.‹
Ich war froh, daß der Kaiser gerade in diesem Augenblick zu uns getreten war, und zwar aus zwei Gründen: einmal, weil ich hören wollte, was er darauf zu sagen hatte, und dann, weil ich sehen wollte, ob die Hypnotisierten unter dem Einfluß des Grafen bleiben würden, wenn seine Aufmerksamkeit von ihnen abgelenkt und auf andere Dinge gerichtet war.
›Kehren Sie sich nicht an das, was er da erzählt‹, sagte der Kaiser zu mir, ›diese Mesmeristen sind alle ein wenig verrückt.‹ Und er lächelte, während der Italiener die Achseln zuckte und ausrief:
›Doch mit Methode!‹