Dann wandte der Italiener seine Aufmerksamkeit wieder der Gesellschaft zu, tat durch irgendeine unerklärliche Macht ihrem Tanze Einhalt und brachte sie wieder in ihren normalen Zustand zurück, nahm dann gleich darauf Mme. Dablin aufs Korn, die stracks mit geschlossenen Augen auf ein großes Piano zuging, mit unvergleichlicher Geschicklichkeit wie zum Vorspiel über die Tasten fuhr und dann eine der seltsamsten, glänzendsten und dabei wildesten und zauberischsten Phantasien, die je ein Genie erträumt, zum Besten gab. Mein ganzes Wesen aber war in diesem Augenblick von weit wichtigeren Dingen erfüllt, als von diesem Experiment, so interessant es auch sein mochte. Denn im besten Falle konnten seine Wirkungen und die Erinnerung daran nur vorübergehend und ephemer sein, sagte ich mir, während die Dinge, die ich von dem Italiener lernen konnte, im Gegenteil so lange dauern würden, als meine Seele ihr Bewußtsein behielt. Der Kern der Antworten, die er auf meine und des Kaisers Fragen gab, war folgender:
›Die Seele und ihre Eigenschaften, ihre Leidenschaften und ihr Ausmaß drückt sich im körperlichen Wesen deutlich aus und ist für alle ohne weiteres klar, die den Schlüssel dazu besitzen. Für alle anderen ist es schwierig, diese Zeichen richtig zu deuten und noch schwieriger, die gegenwärtige, die mögliche und die relative Stärke und den Wert jeder Eigenschaft zu erkennen. Jede Handlung eines Menschen wirkt sowohl auf seinen Körper wie auf seine Seele ein, und die Spuren dieser Einwirkungen sind für immer in seinen Gesichtszügen wahrzunehmen. Daher kann der Adept leicht seine Vergangenheit – sogar seine geheimsten Taten oder Gedanken – erkennen, und zwar so leicht, wie wenn sein Gesicht eine bedruckte Seite mit großen, schönen, klaren Lettern wäre. Jeder Mensch kann auf mesmerischem Wege von einem anderen ausgeforscht werden, weil kein Mensch im ganzen genommen stärker ist als seine schwächste Eigenschaft: eine Kette ist nicht stärker als ihr schwächstes Glied. So hypnotisiere ich jetzt die Menschen, weil ich auf den ersten Blick die verwundbarste Seite ihres Wesens erkenne. Selbstliebe, Eifersucht und Wille ist die einige Dreiheit, um die sich das Seelenleben dreht. Eins von diesen ist immer verwundbar; unterwerfen Sie sich dieses und Sie haben den ganzen Menschen unterworfen. Wenn ich hier solche Experimente vollführe, wie Sie sie soeben gesehen, dann mesmerisiere ich zunächst nicht das ganze Gehirn, sondern eine einzelne Eigenschaft desselben, die bald auch die übrigen nach sich zieht. Der Geist des Menschen ist ein Spiegel! Das werden Sie zugeben. Nun gut, ich schalte dann meinen eigenen Geist vollständig aus: ich denke nämlich an gar nichts anderes, als an ein in Umdrehung begriffenes Rad. Die Versuchsperson spiegelt diese Tätigkeit wider; dann singe, tanze, spiele ich in meiner Phantasie und der Magnetisierte spiegelt meine Gedanken durch die entsprechenden Handlungen wider.‹
›Aber angenommen, Ihre Versuchsperson besitzt die Fähigkeiten dazu nicht, wie dann?‹
›Alle Seelen haben diese Fähigkeiten. Die Körper freilich nicht, aber ich bringe ja die Seele unter meine Gewalt, nicht nur den Körper.‹
›Das ist eine gefährliche Macht‹, meinte der Kaiser, ›und nur ein guter Mensch sollte sie besitzen.‹
›Ein schlechter Mensch kann kein wahrer Rosenkreuzer werden, obgleich die Menschen ihre Waffen gegen die Mitglieder der Brüderschaft gekehrt haben, und ihre Geheimnisse wie ja auch sonst alles, was dazu gehört, zu unlauteren Zwecken mißbraucht worden sind. Es kann ein Kundiger einen Kranken durch diese Kraft heilen, aber er kann auch einen Gesunden damit töten; tatsächlich ist dies schon oft geschehen, besonders bei den Eingeborenen Afrikas.
Ich stelle mir z. B. vor, daß Sie krank und am Sterben sind, und wenn ich diesen Wunsch und Willen aufrecht erhalte, so ist nichts sicherer, als daß er in Erfüllung gehen wird. Manche Leute besitzen von Natur eine ungeheure Willenskraft und sind sogar fähig, sichtbare Bilder hervorzubringen. Bilder von allem, was sie sich gerade vorstellen – etwa von einer Blume, einer Hand, einem Arm, einer menschlichen Gestalt – und diese Erscheinungen werden dann von Scharen verblüffter Zuschauer gesehen, die in ihrer vollständigen Unwissenheit und Unkenntnis des menschlichen Geistes und Körpers und ihrer gegenseitigen Kräfte sie für die Geister toter Menschen halten.‹
Der Kaiser bat nun den Grafen, aus eigener Kraft Geisterphänomene vorzuführen, was dieser sofort versprach. Er eilte mehrmals rasch im Saale hin und her, gab Befehl, das Licht zu verringern; dies geschah; dann trat er wieder wie vorher vor den Spiegel, wo er eine oder zwei Minuten lang stehen blieb. Endlich wiederholte er kurz und scharf dreimal das Wort: ›Seht her!‹ Wir taten es und wirklich: die Flammen tausend leuchtender Blitze zuckten über die Oberfläche des Spiegels, den Boden, die Decke und die Wände; bald in Gestalt von Gabeln, bald wie Ketten eines elektrischen Fluidums, bald verwandelten sie sich in feurige Eicheln, die sich allmählich zu einer flammenden Krone vereinigten; einen Augenblick schwebte sie über der Gesellschaft und schließlich blieb sie etwa fünf Zoll über dem Haupte Napoleons stehen – eine Krone von Feuer.
Nachdem er einen so glänzenden Beweis seiner fast unglaublichen Macht gegeben hatte, wandte er sich an mich, wiederholte seine Einladung, ich möchte ein Akolyt des ›Tempels‹ werden und sagte noch einmal, wir würden uns später noch begegnen. Bald darauf war die Sitzung zu Ende und ich verließ den Palast um ein bedeutendes klüger als bei meinem Eintritt fünf Stunden vorher.