Eines Nachts kam ich nach Monte Carlo, um mir den ›Barbier von Sevilla‹ anzuhören und dem herrlichen Gesang eines Mario, Grisi oder einer Gassier zu lauschen. Ich war über all meinen Kummer hinausgehoben durch die ›Musiklektion‹ dieser berühmten Sängerin und summte auf dem Heimweg die gehörten Melodien vor mich hin, und als ich schon im tiefen Schlafe lag, klangen sie noch lange in meinem Ohr nach. Ich war zu Bett gegangen. Mit all der Vorsicht, die die Amerikaner im allgemeinen und die Kalifornier ganz besonders an sich haben, – deren Gewohnheiten ich angenommen – hatte ich vor dem Schlafengehen das ganze Zimmer untersucht, um zu sehen, daß alles sicher und in richtiger Ordnung war. Nachdem ich dann noch Türen und Fenster gewissenhaft geschlossen, schlief ich bald ein. Unter meinem Kopfkissen lag meine Geldkatze mit etwa 2000 Golddollars und ein scharf geladener Revolver, der einmal einem meiner Bekannten in Kalifornien gehört hatte.
Am Morgen war das Zimmer noch genau so wie am Abend vorher, aber der Revolver war entladen und das Gold lag auf dem Tisch, und zwar in Form eines Dreiecks angeordnet, an dessen Spitze der Buchstabe ›R‹ thronte. An der Brust meines Schlafanzuges aber war mit einigen Nadeln ein Brief in englischer Sprache in einer kühnen, klaren Handschrift, in roter Tinte, angeheftet. Am Abend war dieser Brief noch nicht dagewesen – menschliche Hände konnten ihn nicht hieher gebracht haben. Ich las: ›Vergiß den Zweck nicht, um dessentwillen Du den Ozean überquert hast, denn Dein Unternehmen betrifft die kommenden Jahrhunderte der Welt! Es ist noch nicht vollendet. Vollende es! Ich will Dir dienen und Dich retten. – E.‹
Ich war wie vom Blitz getroffen. Wieder kreuzte ein geheimnisvolles Wesen meinen Weg, ein Wesen, dessen Reich das Hier und Drüben war und dessen Willen mich in einen feurigen Ring einschloß, aus dem es kein Entkommen gab. Ich war in Verzweiflung, denn schon hatten sich graue Haare auf meinem Haupte gezeigt; ich fühlte, daß ich vorzeitig alt wurde und immer weniger durfte ich mit der Möglichkeit rechnen, daß ich, ein Sohn Adams, mich jemals mit einer Tochter Ichs vermählen würde.«
ZWEITES BUCH
1. Kapitel
ÜBER DIE ROSENKREUZER
Es ist nicht meine Absicht, alle Abenteuer Beverlys zu erzählen, noch seine Spuren in Ägypten, Syrien, der Türkei oder in Europa zu verfolgen. Mehr als eine lange Reise unternahm ich mit ihm und gelegentlich verlor ich ihn wohl auf Monate aus den Augen, aber durch die seltsamsten Zufälle trafen wir uns immer wieder, bald auf der Spitze der großen Pyramide von Giseh, bald in den Wüsten von Dongola und Nubien, dann in einem französischen Café oder in den Säulenwäldern von Karnak oder Theben. An der Existenz der Brüderschaft vom Rosenkreuz zweifelte ich ebenso wie an allem, was Beverly über ihre Macht erzählte, obwohl ich über die berühmte Brüderschaft schon viel gehört und noch mehr gelesen hatte.
Auf meinen zahlreichen Reisen begegnete ich immer wieder Pseudoadepten des Rosenkreuzordens, die eine klägliche Unwissenheit hinsichtlich der elementarsten Dinge der wirklichen Brüderschaft an den Tag legten.