Unter dem Buchstaben ›R‹ findet man in der ›American Encyclopedia‹ für das Wort ›Rosicrucians‹ folgende Erläuterung: ›Mitglieder einer Gesellschaft, deren Existenz zu Anfang des 17. Jahrhunderts bekannt wurde. Ihr Zweck war offenbar die Reform der Kirche, des Staates und der Menschen überhaupt. Eine nähere Untersuchung ergab aber, daß ihr wirkliches Ziel die Entdeckung des Steins der Weisen war. Ein gewisser Christian Rosenkreutz, der angeblich lange Zeit unter den Brahminen lebte, soll den Orden im 14. Jahrhundert gegründet haben, doch glaubt man, der wirkliche Gründer sei ein gewisser Andreä, ein deutscher Gelehrter zu Beginn des 16. Jahrhunderts, gewesen. Ihm wird die Absicht zugeschrieben, die durch die scholastische Philosophie entweihte Religion zu reinigen. Andere vermuten, daß er lediglich einer schon vor ihm von Cornelius Agrippa von Nettesheim gegründeten Gesellschaft einen neuen Charakter verlieh. Der Schriftsteller Krause sagt, daß Andreä von frühester Jugend an sich mit dem Plan einer geheimen Gesellschaft zur Hebung des Menschengeschlechts getragen habe. Im Jahre 1614 veröffentlichte er seine berühmte ›Reformation der ganzen Welt‹ und seine ›Fama Fraternitas‹. Christliche Enthusiasten und Alchimisten glaubten die in diesen Büchern geschilderte poetische Vereinigung und so wurde Andreä der Vater der späteren Rosenkreuzer-Brüderschaften, die sich über Europa verbreiteten. Nachdem noch eine Reihe von Büchern über das Rosenkreuzertum erschienen war, geriet die Sache in Vergessenheit, bis das allgemeine Interesse in der letzten Hälfte des 18. Jahrhunderts wieder erwachte, und zwar infolge der Auflösung des Jesuitenordens und des Bekanntwerdens seiner Machinationen sowie der Betrügereien Cagliostros und anderer berühmter Schwindler.‹
Soviel von dem Naseweis, der diesen Artikel der ›American Encyclopedia‹ schrieb. Demgegenüber zitiere ich wörtlich Seite 132 bis 135 aus der Autobiographie Heinrich Jung-Stillings, späteren Hofrats des Großherzogs von Baden (London 1858), folgendes:
›Eines Morgens im Frühjahr 1796 kam ein hübscher junger Mann in einem grünseidenen Plüschrock, der auch sonst gut gekleidet war, in Stillings Haus in Ockershausen. Er stellte sich in einer Weise vor, die eine gebildete und adelige Erziehung verriet. Stilling fragte ihn nach seinem Namen und erfuhr, daß es der bekannte … sei. Stilling war über den Besuch erstaunt und sein Erstaunen wuchs in der Erwartung dessen, was dieser rätselhafte junge Mann ihm mitzuteilen haben möchte. Nachdem sie sich beide gesetzt, begann der Fremde seine Erklärungen, indem er den Wunsch aussprach, Stilling wegen einer Augenkranken namens P. zu konsultieren. Der wirkliche Zweck seines Besuches bedrückte ihn jedoch so sehr, daß er plötzlich zu weinen begann, erst Stillings Hand, dann seinen Arm küßte und sagte: ›Mein Herr, sind Sie nicht der Verfasser der ›Nostalgia‹?‹ ›Gewiß.‹ ›Dann sind Sie also einer meiner geheimen Vorgesetzten?‹ (In der Großen Loge vom Rosenkreuz.) Hier küßte er wieder Stillings Hand und Arm und weinte fast laut. Stilling antwortete: ›Nein, mein lieber Herr, ich bin weder Ihr noch sonst jemands geheimer Vorgesetzter. Ich bin in keiner wie immer gearteten geheimen Verbindung.‹ Der Fremde sah ihn starren Auges und mit innerer Erregung an und entgegnete: ›Teuerster Freund, hören Sie auf, sich zu verstellen! Ich bin lange und streng genug geprüft worden. Ich dachte, Sie kennen mich schon!‹
›Nein, Herr, … ich versichere Ihnen feierlich, daß ich keiner geheimen Gesellschaft angehöre und tatsächlich von all dem, was Sie da sagen, nicht das Geringste verstehe.‹
Diese Worte waren zu ernst und streng gesprochen, als daß sie den Fremden noch länger in Ungewißheit hätten lassen können. Die Reihe, erstaunt und bestürzt zu sein, war jetzt an ihm. Er fuhr fort: ›Aber dann sagen Sie mir doch, wie es kommt, daß Sie die große und verehrungswürdige Verbindung im Osten so genau kennen und sie in der ›Nostalgia‹ so umständlich beschrieben haben, wobei Sie sogar Ihre Versammlungsorte in Ägypten, auf dem Sinai, im Kloster von Canobia und unter dem Tempel in Jerusalem erwähnten?‹ ›Ich weiß nichts von all dem‹, erwiderte Stilling, ›diese Ideen stellten sich meinem Geiste in sehr lebendiger Form dar. Das Ganze ist also nichts als Fabel und Erfindung.‹
›Verzeihen Sie, aber die Dinge, die Sie schildern, entsprechen der Wahrheit und Wirklichkeit. Es ist erstaunlich, daß Sie dies entdeckt haben – das kann doch nicht durch Zufall geschehen sein!‹ Der Fremde erzählte nun Einzelheiten von der Vereinigung im Osten. Stilling war über alle Maßen erstaunt, denn er hörte da merkwürdige und außerordentliche Dinge, die jedoch derart sind, daß sie nicht veröffentlicht werden können. Ich stelle lediglich fest, daß das, was Stilling von dem Fremden erfuhr, durchaus keinen Bezug auf politische Angelegenheiten hatte.‹
Um dieselbe Zeit schrieb ein bekannter mächtiger Fürst an Stilling und fragte ihn, ›wie es komme, daß er so genau über die Gesellschaft im Osten Bescheid wisse, denn diese sei tatsächlich genau so beschaffen, wie er sie in seiner ›Nostalgia‹ beschrieben habe.‹ Die Antwort war natürlich dieselbe wie die, die er dem eben erwähnten Fremden mündlich gegeben hatte. Stilling hat noch mehr Erfahrungen dieser Art gemacht, die ihm bestätigten, daß seine Einbildungskraft genau mit den wirklichen Tatsachen übereinstimmte, ohne daß er vorher die geringste Kenntnis oder auch nur Ahnung davon gehabt hätte. Stilling stellt keine Betrachtungen über die Sache an, sondern läßt sie auf sich beruhen und betrachtet sie als eine Fügung der Vorsehung, deren Absichten ihn in ganz bestimmter Richtung führten. Die Entdeckung des Rosenkreuzer-Geheimnisses im Orient ist jedoch für ihn von großer Wichtigkeit, weil sie Beziehung hat zu dem Reiche Gottes. Vieles bleibt freilich im dunkeln, denn Stilling hörte später von einer angesehenen Persönlichkeit Verschiedenes über eine asiatische Gesellschaft ganz anderer Art. Es bleibt noch zu erklären, ob es sich um zwei verschiedene Vereinigungen handelte oder ob beide identisch sind. So weit Jung-Stilling. Erst kürzlich erfuhr ich von der Existenz von Rosenkreuzer-Logen in unserem Lande und erhielt verschiedene Nachrichten über die Brüderschaft, von denen ich die folgenden sieben Paragraphen betreffend die exoterische oder äußere Tätigkeit des Tempels zu veröffentlichen ermächtigt wurde.
DIE ROSENKREUZER
Wer und was sie sind
EHRE, MANNHEIT, GÜTE
VERSUCH'S!
I. Wir Rosenkreuzer sind eine Körperschaft gutgesinnter Männer, die unter einer großen Logenverfassung wirken. Sie leiten ihre Macht und Autorität von dem ›Königlichen Dom‹ des ›Dritten Hohen Tempels‹ des Ordens ab. Die große Loge und der Große Tempel erteilen die Bewilligung zur Gründung von Hilfslogen, und zwar an jedem beliebigen Ort innerhalb der Grenzen ihrer Rechtsprechung.
II. Alle Rosenkreuzer sind praktisch tätige Menschen, die an Fortschritt, Gesetz, Ordnung und Selbsterziehung glauben. Sie glauben fest, daß Gott denen hilft, die sich selbst helfen; daher ist ihr Wahlspruch das Wort: Versuch's! Sie glauben, daß dieses kleine Wort eine gewaltige Brücke werden wird, über die der Mensch vom Schlechten zum Guten und vom Guten zum Besseren wandelt, von der Unwissenheit zur Erkenntnis, von der Armut zum Wohlstand, von der Schwäche zur Macht.