Nachdem ich das Wort »sehr« ausgesprochen hatte, schwieg ich in dem Bestreben, den Schrecken, der mich befallen, zurückzudrängen, und versuchte, so unwillig wie möglich dareinzublicken, was der andere aber sogleich bemerkte, denn er trat näher, klopfte mir vertraulich auf den Rücken, goß sich eine Tasse Tee ein, trank sie aus und aß ein Brötchen dazu – womit übrigens das Problem, ob er ein Geist sei oder nicht, für mich gelöst war. Dann ließ er sich gemächlich in meinem Sorgenstuhl nieder, rieb seine kleine aufgebogene Nase mit seinen dünnen, bläulich-blassen Fingern und indem er sich plötzlich mit einem Ruck verbeugte, so daß er mir gerade ins Gesicht sah, lachte er herzlich und heulte dann mehr als er sang in den höchsten Fisteltönen, deren seine Stimme fähig war:
»Ach, wie heult der Sturm so traurig!
Komm, wir wollen lustig leben,
Und wir werden Dinge kennen, Dinge, nie gekannt zuvor!
Ich komme weit vom fernen Westen
Den Mann zu sehen, den ich am meisten liebe.
Glaub nicht, ich sei nur Laster und Verderben –
Ich will den Mittelpunkt der Schwere suchen –
Du aber wirst den Stein der Weisen finden.«
Und dann brach er wieder in ein so wildes und exaltiertes Gelächter aus, wie es kaum je ein Mensch gehört hat.
Ich kannte die paar Verse nicht, die er soeben gekrächzt, noch weniger wußte ich von dem Sänger und nicht im entferntesten dachte ich, daß diese Zeilen für mich die wichtigsten waren, die ich je vernommen hatte. Ganz allmählich und unmerklich begannen meine Vorurteile zu schwinden; ich plauderte mit ihm über verschiedene Gegenstände, und zwar fast vier Stunden lang. Wenn mich mein Gedächtnis nicht täuscht, war es beinahe elf Uhr, als er aufstand, mir herzlich die Hand schüttelte und sagte, er werde jetzt gehen, wobei er aber versprach, wieder zu kommen, »wenn er mir zu dienen wünsche«; dann öffnete er die Tür und ging in einen der fürchterlichsten Stürme hinaus, die je die Küste der Bostonbay heimgesucht hatten. Es war seltsam: im tiefsten Winter war dieser Mann in einen ganz dünnen Anzug gekleidet, der nicht einmal für den Juni der nördlichen Gegenden ausgereicht hätte, geschweige denn für das schreckliche Wetter in der Nacht jenes 4. Februar, bei einer Kälte von 20 Grad unter Null.
»Allem Anschein nach ist er ein Mensch und der Mesmerismus gibt uns einen Schlüssel zur Lösung des scheinbaren Rätsels«, dachte ich; und mit dieser tröstlichen Überzeugung ging ich zu Bett und überlegte mir alles noch einmal, was er gesagt und getan hatte. Obwohl über seine eigene Person nur wenig gesprochen worden war, hatte ich doch soviel erfahren, daß er von Geburt ein Armenier namens Miakus war, was im Altchaldäischen »Priester des Feuers« bedeutet. Er sagte mir dies, als er sich niederbeugte, um die süße kleine Cora, mein Töchterchen, zu küssen, und als er dabei erwähnte, daß er Kinder sehr gern habe. Nachdem das Kind zu Bett gegangen war, hatte Miakus ein kleines, flaches, viereckiges Kästchen aus der Brusttasche gezogen, das offenbar aus Rosen- oder Olivenholz bestand und ungefähr sieben Zoll in der Länge und zweieinhalb in der Breite maß. Es war verschlossen und der silberne Schlüssel hing mittels einer goldenen Spange an einer gewöhnlichen stählernen Uhrkette um seinen Hals. Er stellte das Kästchen auf den Schreibtisch, wo es ungestört stehen blieb. Mir wurde später klar, daß der Grund seines Kommens irgendwie mit diesem Kästchen und mit mir in Zusammenhang stehen müsse. Ebenso klar war mir, daß sein Gesichtsausdruck zur Hälfte verstellt war und daß unter seiner oberflächlichen Nonchalance und Derbheit eine große Sorge ihn beherrschte; denn gelegentlich klang aus seiner Rede ein melancholischer Ton, der kundigen Ohren, wenn nicht von einem gebrochenen Herzen, so doch von einem tief gekränkten und beraubten erzählte. Dieser Umstand berührte mich tief, denn mein ganzes Leben lang war ich betrübt mit den Betrübten, und froh mit den Frohen. Nach einer kleinen Weile sagte er dann, eine seiner Absichten gehe dahin, mich in gewisse Geheimnisse der weißen Magie einzuführen, mich zu lehren, wie ein magischer Spiegel zu verfertigen sei, mittels dessen fast jeder Mensch durch unermeßliche Räume zu blicken und die Toten zu sehen und mit ihnen zu sprechen vermöge. »Es gibt nichts Wertvolles außer der Magie! Sie sind ein Narr gewesen, wenn Sie danach gestrebt haben, weise zu sein, und Sie glauben zu wissen, was Sie sich bisher nur eingebildet haben.«
Er stand auf, nahm das Kästchen, stellte es auf den Tisch zwischen uns und fuhr dann fort: »Es ist eine merkwürdige Fügung des Schicksals, daß der Besitzer eines magischen Spiegels in ihm alle Schicksale erblicken kann, nur das seinige nicht; wenn er es wissen will, muß er andere Seher befragen. Nun gibt es gewisse Wesen, deren Zukunft in diesem Spiegel nur von ganz bestimmten, besonders gearteten Menschen geschaut werden kann. Sie scheinen mir einer von diesen letzteren zu sein, und ich bin eine der ersteren; ein solches Zusammentreffen wie das von uns beiden findet nur am Anfang und am Ende großer Zeitepochen statt. Wir leben jetzt in einem solchen Zeitpunkt. Ich will Ihnen den Spiegel schenken, ich will Sie auch die Kunst lehren, solche Spiegel zu verfertigen.«
Zwei Stunden vorher hatte ich, als ich ihn essen und trinken sah, meine Geisterhypothese über den seltsamen Alten schleunigst aufgegeben. Jetzt aber, als er so merkwürdig daherredete und so großsprecherisch ankündigte, er werde das Tor alles Wissens öffnen, veränderte das Geheimnisvolle, das ihn umgab, seinen Charakter und hüllte ihn in zehnfaches Düster. Es lag etwas Unirdisches in seiner Stimme und in seiner ganzen Art und Weise; z. B. einmal, als er seinen Stuhl herumdrehte, kam sein rechter Oberschenkel unmittelbar in Berührung mit dem bis zur Rotglut erhitzten Ofen; ich beobachtete, daß der Stuhl von der Wärme angegriffen wurde und der Rauch seines Firnisses allmählich den Raum erfüllte. Und doch war der Mann nicht verbrannt, sondern stand kühl auf und öffnete die Tür, um den Rauch abziehen zu lassen; dann ließ er sich wieder auf seinen Sitz nieder, wie wenn nichts geschehen wäre. Zwei- oder dreimal des Abends fühlte ich, daß ein kalter Hauch von ihm ausging und ich sah auch deutlich sein Gerippe sich unter seiner dünnen, pergamentartigen Haut abzeichnen, wie wenn eine durchsichtige Decke leicht über ihn geworfen wäre, um die nackte Formlosigkeit eines Grabentstiegenen zu verbergen.