Es war ein schweres Stück Arbeit, des Abends die vier Meilen zu meiner Wohnung zu gehen, denn jeder Schritt mußte erst mühsam erkämpft werden.
Endlich erreichte ich mein Heim und setzte mich fröhlich zu einem üppigen Abendessen, bestehend aus Tee und geröstetem Brot, in meinem engen kleinen Wohnzimmer nieder.
Wie es draußen stürmte! Und wie warm und behaglich es in dem kleinen Hafen war, in dem ich eben Anker geworfen hatte!
Ich genoß gerade die zweite Tasse Tee und die zweite Brotschnitte zusammen mit meiner Zeitung, als plötzlich ein lautes, zweimaliges Klopfen an der Türe ertönte, ähnlich dem der englischen Briefträger, wenn sie Eile haben. Der Diener öffnete und mochte wohl denken, es sei jemand plötzlich krank geworden und ich solle ärztlichen Beistand leisten. Aber wie groß war mein Erstaunen als kein anderer als der kleine alte Mann von vorhin so gemütlich und nonchalant hereinspazierte, wie wenn er hier zu Hause wäre. Ich war wie vom Blitz getroffen. Er ging auf das Feuer zu und rief dabei aus:
»Welch einen Schrecken habe ich Ihnen und Ihrem Gaste heute nachmittag verursacht! Haha! Das war doch großartig, nicht?«
Ich antwortete ziemlich kurz und bündig: »Sehr!« – nichts weiter, denn ich fand keinen Geschmack an seinem Scherz. Überhaupt gefiel mir der ganze Mensch nicht. Nicht daß er mir verabscheuenswert oder verächtlich erschienen wäre, sondern einfach aus dem Grunde, weil ein gewisses Etwas an ihm war, vor dem mir graute.
Es ist allgemein bekannt, daß es eine der Hauptlehren der Rosenkreuzer ist, das leibliche Leben könne auf zwei verschiedene Arten durch Menschenalter hindurch verlängert werden, einmal mit Hilfe des Lebenselixiers und dann durch den bloßen Willen. Im ersten Falle ist das Alter von Schönheit und Jugendkraft begleitet, im zweiten aber ist es ein Jahrhunderte währendes Greisentum.
Jetzt, in dieser stürmischen Nacht, fiel mir ein, als ich das verwitterte Wrack da vor mir ansah, dieser Mann könne einer jener Unglücklichen sein, die durch die zweite Methode eine unendliche Zahl von Jahren erlangt und infolgedessen alles Jugendfeuer, alles Gefühl, alle Liebe und alles Gewissen verloren haben. Ich schauderte bei dem Gedanken, daß dieses Schicksal vielleicht auch mir bevorstehen könne. Er bemerkte die Bewegung und ein Lächeln voll unaussprechlichen Hohns kräuselte dabei seine Lippen. Ich dachte schnell an etwas anderes.
Es ist Tatsache, daß nahendes Unheil seinen Schatten vorauswirft und von feinnervigen Menschen wahrgenommen werden kann. Und ein solches Vorgefühl, ein solcher Schrecken schien mich jetzt zu umschweben, schien in meiner Nähe irgendwo in einem Winkel zu kauern, um auf mich zuzukriechen und meine Seele zu packen, während der seltsame kleine Mann an meiner Seite stand. Es war ein aus Furcht und Schuldbewußtsein gemischtes Gefühl und doch hatte ich keine Schuld auf mich geladen.