»Ich will Ihnen einen Rat geben«, sagte er, »denn Sie brauchen ihn. Zunächst: vertrauen Sie niemals einem Freunde irgendein Geheimnis an, das Unglück oder Sorge bringen kann, wenn es verraten wird. Mischen Sie sich nie in einen Streit ein, ganz gleichgültig, auf wessen Seite Recht oder Unrecht ist, sondern lassen Sie die Welt ihren Kampf allein austragen, während Sie abseits stehen und sorgfältig auf jeden Vorteil achten, den Ihnen der Zufall verschafft. Und zuletzt: behalten Sie für sich, was Sie wissen, bis die Zeit dazu gekommen ist. So, und jetzt wollen wir unsere magnetischen Spiegel befragen.«

Sogleich gingen wir in das Hinterzimmer, das inzwischen wieder instand gesetzt worden war, wenigstens was Fenster und Teppich betraf. Der Alte hielt das Rosenholzkästchen eine Weile in der Hand und stellte es sodann auf den Tisch. Dann schloß er die Fenster und spannte einen seidenen Vorhang rings um das ganze Zimmer auf, um so jedem Lichtstrahl den Zutritt zu wehren.

»Das ist ein magischer Vorhang«, erklärte er. »Sie haben jedenfalls schon eine Laterna magica-Vorführung gesehen. Nun, ich werde Ihnen hier etwas ganz Ähnliches zeigen, aber ohne Laterne. Ich öffne jetzt dieses Kästchen, wie Sie sehen, und nehme den Spiegel heraus. Er besteht aus zwei französischen Glasplatten, die durch eine Holzumrahmung etwa einen halben Zoll voneinander entfernt gehalten werden, so daß ein gewisses Fluidum zwischen ihnen nicht entweichen kann. Das Kästchen, der Vorhang und die beiden Gläser sind durchaus unwichtig; alles hängt lediglich von dem Fluidum ab, das von dunkelbrauner Farbe ist, aus der Entfernung aber tintenschwarz erscheint.

Ich hänge jetzt den Spiegel mit seinem Haken an den in den Vorhang eingenähten Ring. Dann verriegle ich die beiden Türen und stelle zwei Stühle für Sie und mich davor. Dann nehme ich diesen Reflektor hier und stelle ihn so, daß er einen starken Lichtkegel wirft, damit in der Mitte des Spiegels eine kreisrunde, glänzende Lichtfläche erscheint.« Wir setzten uns vor dem Vorhang nieder und ich bemerkte, daß die Flüssigkeit zwischen den Gläsern in einer opalisierenden Farbe schillerte.

»Bevor wir die Richtigkeit von Hamlets Bemerkung gegenüber Horatio beweisen,« fuhr der Experimentator an meiner Seite fort, »will ich Ihnen einige Erklärungen geben. Zwischen dem menschlichen Körper und allen Dingen der Außenwelt desselben besteht nicht nur eine geheimnisvolle mächtige Sympathie, sondern eine noch größere zwischen diesen Dingen der Außenwelt und der Seele, was durch die erstaunliche Macht bewiesen wird, die verschiedene Substanzen auf sie ausüben, von denen die meisten für immer von der Erde verbannt und verflucht werden sollten, – so z. B. Belladonna, Cantharidin, Bang, Opium, Haschisch, Dewammeskh, Hyndee, Tartooroh, Hab-zafereen, Mah-rubah, Gunjah und viele andere Pflanzengifte, von denen jedes nicht nur den Körper, sondern auch die Seele beeinflußt. Steigen wir jetzt von den greifbaren Körpern zu den flüchtigen Erscheinungen herab, z. B. zum Licht. Mit konkaven Spiegeln können wir Bilder in den Raum senden, die von Tausenden gesehen werden können. Wir fesseln sozusagen einen Schatten, und wer immer eine photographische Kamera besitzt, hat einen solchen Gefangenen. Wir machen damit ein paar magnetische Striche über ein Glas Wasser, sättigen es so mit irgend einer bestimmten, von uns gewünschten, angenehmen oder unangenehmen Eigenschaft, und es bringt sofort bei dem Patienten, der es zu sich nimmt, die entsprechende Wirkung hervor. Da haben Sie Geist und Außenwelt in einem einfachen Willensakt vereinigt. Aber wir gehen noch weiter: Wir nehmen gewisse Stoffe und machen damit das Wasser noch viel empfindlicher. Wir übertragen unsere Seele darauf, und zwar in einem solchen Grade, daß es den Körper eines Menschen völlig einschläfert und seine Seele zum höchsten Grade des Hellsehens erhebt. Noch mehr: es ist möglich, eine Flüssigkeit herzustellen, die jedes auf sie geworfene geistige Bild erfaßt und für eine gewisse Zeit festhält. Noch mehr: es gibt unmittelbare Beziehungen zwischen jedem Ding und jeder Person auf dieser Erde und über ihr. Durch gewisse Kenntnisse vermögen manche Personen jene Substanzen zu finden, die zu den Bewohnern der oberen Welten und des Weltraumes eine innere Verwandtschaft haben. Die Glasscheibe vor Ihnen nun enthält eine solche Flüssigkeit, die folgendermaßen zusammengesetzt ist …«

Hier gab er mir eine genaue Erklärung des Verfahrens zur Herstellung solcher Spiegel und der Art der Einbringung der Flüssigkeit, die, wie ich bemerkte, gleichzeitig eine elektrische, magnetische und ätherische sein mußte. Dann erklärte er mir, wie der Spiegel für die verschiedenen Gebrauchsarten zu präparieren sei – als Spielzeug, als ein Mittel für ärztliche Diagnose, zum Zwecke der Traumdeutung, dann um irdische Dinge zu sehen, verlorene Schätze zu entdecken, Vergangenheit und Zukunft zu erfahren und vieles andere –, da kein Spiegel zur gleichen Zeit zu mehr als einem dieser Zwecke dienen kann, wenn er nicht besonders für allgemeinen Gebrauch eingerichtet ist, was aber seine Herstellung zu teuer machen dürfte.

»Richtig behandelt«, fuhr er dann fort, »wird Ihr Spiegel so ungeheuer empfindlich, daß er nicht nur Dinge festhält, die für das Sonnenlicht zu subtil sind, sondern sie sogar reproduziert und sichtbar macht. Das ist aber noch nicht alles. Es gibt Licht im Lichte, Luft in der Luft und intelligente Wesen, die darin wohnen und mit den Menschen nur durch solche Spiegel verkehren können, in dem sie durch darin nachgebildete Vorgänge und darauf projizierte Worte die Nachricht hervorbringen, die sie zu übermitteln wünschen. Jetzt geben Sie gut acht! Gedanken sind Stoff, sind körperhafte Wirklichkeiten. Sie werfen Schatten, haben Gestalt, Umrisse, Masse, manche sind flach, andere scharfkantig, schneidend, spitz und bohren sich ihren Weg durch die Welt von Jahrhundert zu Jahrhundert. Wieder andere sind fest, rund, massig und wanken, wenn sie an Ihnen vorbeistreichen und gegen die Dinge der Welt stoßen. Gedanken leben, sterben und wachsen. Hören Sie zu! Blicken Sie fest und starr! Wünschen Sie sich irgend etwas zu sehen, ganz gleichgültig, was!«

Ich lächelte ungläubig und meinte, man könne sein Gesicht auch in jedem andern Glase sehen.

»Gewiß,« erwiderte er, »aber Sie haben noch niemals Ihre Seele gesehen und diese Kleinigkeit will ich Ihnen heute zeigen.