Früher waren zwischen uns, wenn wir uns begegneten, nur Begrüßungen und jene allgemeinen Höflichkeiten, wie sie zwischen wohlerzogenen Leuten üblich sind, ausgetauscht worden. Diesmal jedoch war unser Gruß wie durch gegenseitige Anziehung wärmer und länger; wir rückten zwei Stühle vor die Tafeln und begannen über die Inschriften zu disputieren. Der alte Edelmann, dessen Name Ravalette war, sagte: »Wie kommt es, daß Sie täglich hier die Inschriften kopieren und die Buchstaben zu entziffern suchen, über die sich die hervorragendsten Gelehrten Europas noch immer verzweifelt und hoffnungslos die Köpfe zerbrechen? Sie sind doch noch so jung und hoffen da auf Erfolg, wo alte Gelehrte scheiterten?« »Verzweifle wer will«, sagte ich. »Ich glaube, daß ich diese Rätsel noch ganz richtig lösen werde.«

»Nun gut«, sagte Ravalette, »Sie wünschen also zu lernen und sind doch schon ein halber Gelehrter; und wenn Sie willens sind, zu lernen, so bin ich willens, zu lehren. Auf jeden Fall kann aus der Erörterung von Ideen kein Leid entstehen, vielleicht sogar viel Gutes.«

Ich war entzückt, Ravalette so sprechen zu hören, denn ich fühlte, daß er, trotz des großen Altersunterschiedes, in vielen Beziehungen ein mir kongenialer Geist war, und ich wartete mit Spannung, bis er die reichen Schätze seiner Gedanken und Erfahrungen vor mir ausbreiten würde.

»Ich bin mit Ihnen der Ansicht«, fuhr Ravalette fort, »daß die Sätze auf den Tafeln da vor uns beweisen würden, daß sich die menschliche Geschichte in Wirklichkeit noch viel weiter in die Nacht der Zeit erstreckt, als bis zu der Periode, deren Beginn durch Moses bezeichnet wird. Es gibt Denkmäler, die unzweifelhaft beweisen, daß die Menschheit viel älter ist, als man gewöhnlich annimmt, und daß die Kulturen schon in längst vergangenen Jahrhunderten der Erde ihre Segnungen mitgeteilt haben und dann hinweggefegt worden sind und nur vereinzelte Spuren zurückgelassen haben, um die Nachwelt wissen zu lassen, daß sie existiert haben.

Noch mehr! Inmitten der Überreste jener verflossenen Zeiten finden wir solche, die sichtlich auf noch viel weiter entfernte Zeiten und Kulturen zurückgehen – die Trümmer einer Welt, an die sich nur noch die Seraphim erinnern! Einen Beweis für diese Behauptung bieten die Pyramiden, über deren Erbauungszeit und Zweck wir nur Vermutungen anstellen können. Die authentische Geschichte Ägyptens kann auf über 6000 Jahre zurückverfolgt werden, aber schon für jene ferne Epoche waren die Pyramiden ebenso wie heute ein Rätsel.«

Nachdem wir noch eine Weile geplaudert hatten, lud er mich ein, ihn in seine Wohnung zu begleiten und mit ihm zu speisen. »Es ist nur ein kleines Stück Weges«, sagte er, »mein Haus liegt in der Rue Michel le Compte, ganz nahe der großen Rue du Temple, einige Minuten von hier.« Ich nahm seine Einladung an, schob meinen Arm in den seinigen und dann gingen wir zusammen fort. Seine Wohnung war eines jener alten, stattlichen Herrenhäuser, wie sie der Adel in der Zeit Ludwigs des Vierzehnten zu bauen pflegte. Wir traten ein und setzten uns alsbald zu einer reichen, üppigen und gemütlichen Mahlzeit nieder. Die seltensten Weine, die kostbarsten Gerichte schmückten seine Tafel, die aufmerksamsten Diener warteten auf und zum Schluß folgte der beste Kaffee, den ich je getrunken, und der feinste Tabak, den ich je geraucht hatte. Nach dem Essen schlug er vor, einen kleinen Spaziergang zu machen, und bald schlenderten wir Arm in Arm nach der Rue du Temple, von wo wir immer in der gleichen Richtung weitergingen, bis wir die Grenzen der Altstadt erreichten und in eine Vorstadt, Belleville, kamen.

Bevor wir die Straße verließen, hatte ich mir die Lage des Hauses eingeprägt und mir die Nummer auf mein Elfenbeintäfelchen notiert, das ich stets bei mir zu tragen pflege.

Schließlich betraten wir ein Café, wo wir etwas Eiskaffee zu uns nahmen. Dann schlug er mir vor, uns eine Guinguette, d. h. ein Teehaus anzusehen, wie es kürzlich für das gewöhnliche Volk errichtet worden war und wo der Besucher für 10 Sous den vornehmen Mann spielen und seinen Kaffee aus silbernen Tassen schlürfen konnte. Wir sprachen mit dem Besitzer über die Neuheit seines Unternehmens und fragten ihn, ob nicht seine Gäste – die alle den unteren Volksschichten angehörten – eine scharfe Überwachung nötig machten und ob nicht ab und zu einmal einer mit ein paar silbernen Löffeln oder Bechern oder einer vergoldeten Fruchtschale durchginge.

»Nein«, erwiderte der Mann darauf, »ich habe genug vom Leben und von der Menschheit gesehen, um mein scheinbar närrisches, auf jeden Fall aber neues Unternehmen wagen zu können. Mein Lokal wird von Tausenden besucht, mein Betriebskapital ist groß und doch habe ich bei dem kostspieligen Versuch, dem Unbemittelten den Komfort des Reichen zugänglich zu machen, noch nicht 10 Franken verloren.«

Wir konnten die Menschenkenntnis Herrn Popinardes nur bewundern, denn wir fühlten, daß seine Philosophie des Vertrauens, wie er sie nannte, einen reichen Schatz an Wahrheit barg. Dann nahmen wir, immer noch Arm in Arm, unseren Weg in die Umgebung von Belleville, und dort, inmitten der freien Natur, begannen wir über ein Thema von besonderem Interesse zu sprechen. Dieses Thema war »die menschliche Seele und ihre Hilfsmittel«. Ich erinnere mich nur noch an den letzten Teil unseres Disputs. Der alte Edelmann sagte nämlich: