Schlag drei Uhr waren wir noch etwa eine Steinwurfsweite von dem Hause unseres Stelldicheins entfernt und die drei oder vier kleinen Schilder mit den Aufschriften »Zimmer zu vermieten«, »Möblierte Zimmer« usw. deuteten an, daß es sich um eines jener Bürgerhäuser handelte, wo man ein Leben lang ungestört leben kann, vorausgesetzt, daß die Miete pünktlich bezahlt wird.

Bald betraten wir den quadratischen, gepflasterten Hof des Gebäudes und bevor wir irgend eine Frage stellen konnten, kam der Hausmeister schon aus seiner Loge, grüßte uns respektvoll und sagte: »Die Herren gehören wohl zu denen, die der Mieter im zweiten Stock für heute erwartet? Bitte, hinaufzugehen. Er wohnt im ersten Zimmer links.« Damit hinkte der Alte in sein Zimmer zurück und begann wiederum auf einen Schuh loszuhämmern, den er in Arbeit gehabt hatte, als wir eintraten.

Wir folgten seiner Anweisung und stiegen eine breite Treppe hinauf bis zum ersten Stiegenabsatz, von dem eine Treppe weiter nach oben führte, während eine zweite in den Hof hinunterging. An dem entfernteren Ende war eine Tür, ebenso an dem näherliegenden. Wir durchschritten die erste Tür und gelangten in ein hübsch ausgestattetes großes, viereckiges Zimmer. Da niemand in dem Zimmer war, gingen wir in das zweite, fanden aber auch hier nicht das geringste Anzeichen, daß der Bewohner in der Nähe sei. So hatten wir Gelegenheit, uns vorher zu erkundigen. Ich rief den Hausmeister und fragte ihn nach Namen und Beschäftigung des Inwohners sowie nach der Dauer seiner Anwesenheit im Hause und erfuhr, daß er ein fremder Gelehrter namens Elatterav sei, daß er offenbar beträchtliches Vermögen besitze und seit fünf Jahren hier wohne, ferner, daß er wenig in Gesellschaft verkehre, niemals zu Hause speise und ein sehr vornehmer Mann sei (er bezahlte dem Portier zwei Louis im Monat). Als der Hausmeister wieder gegangen war, sah ich mir die Räumlichkeiten näher an und bemerkte, daß der Boden und die Decke wie in allen französischen Häusern aus Stein bestanden. Der Kredenztisch war niedrig und schmal und dicht mit Weinflaschen und Gläsern besetzt, so daß man hätte meinen können, man befinde sich in der Wohnung eines Studenten, statt in der eines ernsten Philosophen wie Ravalette, wenn anders er überhaupt mit dem von dem Portier beschriebenen Elatterav identisch war. Der Alkoven war klein und einfach und enthielt nur ein Feldbett mit dem nötigen Zubehör. Von irgendeiner Einrichtung für magische Zwecke war nichts zu sehen. Gerade bei dieser Inaugenscheinnahme schlug die Glocke Vier und wir hörten Schritte in dem andern Zimmer, trotzdem wir von einem Öffnen der Tür nichts bemerkt hatten. Wir gingen hinüber und Beverly rief: »Ravalette, so wahr ich lebe!« Und richtig, da stand, ruhig lächelnd, ein alter Herr, genau der Beschreibung entsprechend, die mir mein Freund von ihm gegeben hatte.

»Sie haben mich gesucht und gefunden! Ich hoffe, es wird Ihnen zum Heile dienen«, sagte er zu Beverly; »und Sie, mein Herr, haben gut daran getan, Ihren Freund zu begleiten«, meinte er dann zu mir gewandt, in einem geradezu beleidigenden Tone. Es war offensichtlich, daß ihn meine Gegenwart höchst unangenehm berührte. Was mich betrifft, so hatte ich kaum den ersten Blick auf ihn geworfen, als ich überzeugt war, daß ich vor einem der gescheitesten Köpfe der Erde stand – vor einem Mann, der alles dessen fähig war, was man ihm zuschrieb, und der sein Ziel erreichen würde und wenn er dazu durch Menschenblut waten müßte. Ich beschloß, seine Pläne auf jeden Fall zu durchkreuzen, selbst wenn ich dabei zu meiner Pistole oder meinem Revolver greifen müßte, die ich vorsichtshalber mitgenommen hatte, bevor wir uns in das Haus wagten, das vielleicht eine Verbrecherhöhle war. Ravalette mochte meine Gedanken erraten haben, denn sein Gesicht bekam einen verärgerten Ausdruck, doch sagte er nichts, denn im gleichen Augenblick öffnete der Portier die Tür, meldete »Monsieur Hokeis und Tochter« und mein Reisegefährte und seine Tochter – das üppigste und herrlichste Weib, das ich je in irgend einem Lande gesehen, die glühenden Schönheiten von Beirut und Stambul nicht ausgenommen – traten ein.

Ravalette hatte sie offenbar erwartet; denn er schien über ihr Kommen nicht im geringsten überrascht zu sein. Die Wirkung aber, die sein Anblick auf Hokeis und seine Tochter ausübte, war eine geradezu elektrische. Hokeis warf sich vor ihm auf die Knie nieder, neigte sein Haupt, faltete die Hände mit einer halb flehenden, halb anbetenden Gebärde und sagte:

»O schrecklicher Geist des Feuers und der Flamme! Sehe ich dich hier? Ach! Ich bin ein Elender, du aber bist mächtig und wirst verzeihen! Mein Abfall geschah nicht aus freier Wahl, sondern war das Werk eines Zufalls und ich habe in der Religion Isauvis mehr Frieden gefunden, als in deinen oder Astartes Tempeln!«

In meinem Gehirn wirbelte es unter einem Sturm von Erregungen, während Beverlys Gesicht aschgrau wurde und seine Glieder wie Espenlaub zitterten.

Im nächsten Augenblick bereits änderte sich die Szene vollständig, denn das junge Weib, das seines Vaters Tun und Sprechen gar nicht bemerkt zu haben schien, trat auf Ravalette zu, legte die juwelengeschmückte Hand auf seine Schulter, blickte ihm gerade ins Auge, wie wenn ihr Blick ihn vernichten wollte, und sagte mit leiser, aber klarer, tiefer Stimme: »So also, Feind, sehen wir uns wieder! Willst du noch mehr von deinen Kniffen und Zaubereien versuchen? Willst du der Tochter Im Hokeis' noch mehr Schlingen legen? Was hast du dabei zu gewinnen? Du antwortest nicht. Gut, ich werde für dich antworten:

Erinnerst du dich des Tages – vor vielen, vielen Jahren, als ich noch ein Kind war – da du an eines alten Mannes Tür klopftest und um ein Nachtlager batest? Wohl, ich erinnere mich. Du wurdest von dem edelmütigen Indianer aufgenommen. Du aßest an seinem Tisch, rauchtest seine Pfeife und trankst seinen Wein, dann, als du am Feuer saßest, bemerktest du mich und wolltest mir mein Schicksal weissagen. Du sagtest, ich würde in einem Monat einen traurigen, müden, weinenden, unglücklichen, einsamen Jüngling treffen, der mein Herz entflammen würde; ich würde ihn lieben und ihn heiraten wollen; wenn ich dies aber täte, würden dunkle Wolken über uns heraufziehen und der Morgen der Liebe würde einen Tag des Widerwillens und einen Abend der Sorge und eine Nacht des Verbrechens, der Schande und des Todes bringen. Du sagtest, eine Verbindung mit einem anderen Mann jedoch werde mir alles das geben, was das Leben lebenswert machen kann. Ich glaubte dir, denn vieles von dem, was du weissagtest, ging in Erfüllung. Drei Wochen des Monats verflossen und eines Tages hatte ich einen Traum, und ich sah dich und den Jüngling, den ich im Leben noch nie gesehen hatte. In diesem Traum wiederholtest du alles, was du vorher gesagt hattest, und dann verschwandest du. Aber deine verhaßte Gegenwart hörte nicht eher auf, als bis eine erhabene Gestalt erschien, in Schönheit und Majestät gehüllt, die mir gebot, nicht auf dich zu achten, sondern jenen armen Menschen zu lieben, dessen Schatten vor mir stand – ihn zu lieben, aber es nicht zu gestehen, bis die Stunde gekommen sei; denn wenn ich einen anderen wählte, so würde ich glücklich sein, wenn ich aber ihn wählte, dann würde ich eine Seele vor einem schrecklichen Schicksal bewahren. Sie gebot mir, dir zu widerstehen, den Jüngling zu ermutigen, sein Herz zu trösten und ihn zu ermahnen, er solle nicht verzweifeln, denn er würde trotzdem glücklich sein. Er –«

Aber sie konnte nicht mehr weiter sprechen, Beverly stürzte auf sie zu, stieß Ravalette zur Seite, ergriff ihre Hand, küßte sie und rief: