Wenn ich sagen würde, daß die Situation »hochdramatisch« war, so gäbe das nur einen sehr annähernden Begriff von diesen seltsamen Ereignissen. Der einzige, der vollkommen ruhig zu sein schien, war Ravalette. Was Hokeis betrifft, so hätten Michelangelo und Raffael zusammen das Bild seines Antlitzes oder nur den hundertsten Teil der ungeheuren grenzenlosen Bestürzung und des Schreckens unmöglich wiedergeben können, der sich auf seinem Gesicht ausdrückte. Nicht zwei Personen sahen die Sache in demselben Licht, oder verstanden einander, aber alle wurden völlig durchschaut von dem großen Meister vor ihnen.

Für eine Weile herrschte beklemmendes Schweigen, das schließlich – sehr zu meinem Erstaunen – von meinem Rosenkreuzerfreunde Beverly gebrochen wurde, der, Ravalette gerade ins Auge blickend, sagte:

»Wer immer du auch sein magst, ich verzeihe dir, daß du versucht hast, mich, einen Sohn Adams, an der Vermählung mit diesem Weibe, Eulampia, der hellstrahlenden Tochter Ichs zu hindern. Ich verzeihe dir, daß du sie zu einer Heirat mit einem andern treiben wolltest, was mich zu einem Schicksal verdammt hätte, vor dem ich seit Jahrhunderten zurückbebte. Ich verzeihe dir alles Weh, das du mir zugefügt hast, aus Dankbarkeit für das, was du für mich getan hast, und weil ich glaube, daß dein Helfershelfer mich damals in Boston vor der platzenden Retorte rettete, als ich La Brières Versuch mit dem weißen Feuer wiederholen wollte. Durch dich oder deinesgleichen habe ich unbezahlbare Geheimnisse erfahren. Ich bin dir dankbar dafür, daß du mich das Geheimnis des magischen Spiegels gelehrt hast. Ich bin dir dankbar für das Geheimnis aller Jahrhunderte – die Kunst, das Lebenselixier zu verfertigen, nach dessen Genuß niemand mehr altern kann; wer aber ein Jahr lang davon trinkt, der erfreut sich ewiger Jugend. Ich werde dieses Elixier niemals zu seinem eigentlichen Zweck verwenden, aber fünf von seinen sieben Bestandteilen bilden ein Mittel, das die Chemie seit langem vergebens gesucht hat. Dadurch, daß ich die Formel dafür meinem Freunde und damit der medizinischen Welt hinterlasse, werde ich meine Sünden büßen, indem ich Tausenden das Leben gebe.

Freiwillig, ohne Zwang, verspreche ich feierlich, den Schlaf Sialam zu schlafen, bevor ich dieses Haus verlasse. Und ich will dir alles beantworten, was ich kann, doch unter der Bedingung, daß du vorher das Geheimnis aufhellst, das dich selbst umgibt. Und da ich dir freiwillig das gewähre, was du durch ein Menschenalter voll Betrug nicht erlangt hättest, so sollst du zuerst feierlich bei dem, durch dessen Willen du existierst, du magst nun Mensch oder Teufel sein, versprechen, mich weder jetzt, noch nachher, wenn ich schlafe, irgendwie zu beeinflussen.«

Ein Schimmer plötzlicher Freude flammte in den Augen des seltsamen Wesens vor uns auf. Er blickte wie ein Bräutigam in der Überfülle seiner Freude und indem er seine Hände – bleiche, magere, blauweiße Hände – auf die Brust legte, sah er auf und sagte:

»So sei es! Ich verspreche dir, mit dem fürchterlichsten Eide, den man sich denken kann, daß ich alle deine Bedingungen annehme.«

Hierauf ging er nach dem Alkoven und brachte einen halbkreisförmigen, etwas weniger als mannshohen Bettschirm, der etwa vier Fuß Durchmesser hatte. Er bat den Kommissär, ihn zu untersuchen, was dieser auch tat und dann erklärte, es sei ein ganz gewöhnlicher Bettschirm.

»Sie haben Recht; es ist nichts anderes als ein Bettschirm, ich bitte Sie aber jetzt, irgendeinen Platz in diesen Zimmern zu bestimmen, wo wir ihn aufstellen können; damit Sie aber nicht glauben, ich hätte die Absicht zu entfliehen, fordere ich Sie auf, Ihre Leute hereinzurufen und ihnen den Befehl zu geben, auf mich zu schießen, wenn ich versuche, das Zimmer zu verlassen!«

»Ganz, wie Sie wünschen, Monsieur! Peter, rufe die Leute!«

Die Polizisten kamen sogleich – 27 Mann hoch – herein und als alle vollzählig waren, sagte der Kommissär, auf Ravalette deutend: »Dieser Herr ist fluchtverdächtig, habt acht, daß er eure Reihen nicht lebend passiert. Seht zu, daß mein Befehl pünktlich befolgt wird. Ist es Ihnen so recht, Mr. Ravalette?«