ERSTES BUCH

1. Kapitel
DER SELTSAME MANN

Er setzte sich müde am Wegrand der Landstraße nieder, denn er war weit gewandert an jenem Tage. Seine Füße waren wundgelaufen und seine Körperkraft war durch die Not und das Elend, das er durchgemacht, beinahe erschöpft. Seine Augen blickten verstört und ein Dunstkreis schwerer Düsterkeit umgab ihn, deutlich fühlbar für alle, die in seine Nähe kamen und ihn anblickten. Er war ein Mensch, den schwere Sorgen drückten.

Und als er so am Wegrand saß, das Haupt auf seinen Stock gestützt, quollen bittere Tränen zwischen seinen Fingern hervor und netzten den Boden zu seinen Füßen. In späteren Zeiten erwuchs hier eine Zypresse, der Baum der Sorge, und grünte in düsterer und trauervoller Schönheit, wie um den Ort zu bezeichnen und zu behüten, wo einst der Mann seine klagende Stimme erhoben und laut geweint hatte.

Doch das lag viele Jahre zurück und war der Anlaß zu meiner Bekanntschaft mit dem Manne, der in diesem Buch eine so hervorragende Rolle spielt. Damals bekannte sich der Verfasser dieses Buches zwar noch zu allen religiösen und psychologischen Glaubenssätzen des Christentums, mißtraute ihnen aber innerlich und hätte jemand auf gewisse geheimnisvolle Möglichkeiten, die seitdem bestätigt und bewiesen wurden, auch nur angespielt, so hätte er ihm ganz gewiß ins Gesicht gelacht und ihn für einen hervorragenden Narren oder Idioten gehalten. Seitdem hat sich manches geändert.

Der Mann am Wegrand war von mittlerer Größe, weder beleibt noch mager, von schönem Mittelmaß. Kopf und Stirn waren breit und durch gewisse Eigentümlichkeiten der Kopfform in Wirklichkeit viel massiger, als es auf den ersten Blick schien. Der geistige Organismus des Mannes erhielt sich auf Kosten des körperlichen, da sein Nervensystem, wie bei allen derartigen Menschen, geradezu krankhaft empfindlich und reizbar war. Nichts Rohes, Brutales, Niedriges oder Pöbelhaftes war an ihm, weder von Natur noch durch Erziehung, und wenn je Im Kampf des Lebens eine dieser schlechten Eigenschaften bei ihm auftrat, so war dies lediglich widrigen Umständen zuzuschreiben, und der Behandlung, die er von der Welt erfuhr. Von Natur war er offen, wohlwollend und großmütig bis zur Schwachheit, und diese Züge nützten die Menschen zu seinem Unglück aus. Mit überreichen Fähigkeiten ausgestattet, die tiefsten und abstraktesten Fragen der Philosophie und Metaphysik zu lösen, war er doch vollkommen unfähig, die kleinsten geschäftlichen Angelegenheiten zu erledigen, selbst wenn sie nur ein geringes Maß von finanzieller Geschicklichkeit erforderten.

Eine natürliche Folge davon war, daß dieser Mann mit allgemein als gut anerkannten Eigenschaften beständig das Opfer des ersten besten hergelaufenen Schurken wurde, von dem »Freunde« angefangen, der ihm sein halbes Vermögen abborgte, angeblich um die Hälfte davon anzulegen – in Wirklichkeit, um das Ganze zu behalten, bis zu seinem Verleger, der ihn um Geld und Zeit betrog.

Sein Gesicht war lohfarben gleich dem der Araberkinder in Beirut und Damaskus. Form und Stellung von Kinn, Backenknochen und Lippen verrieten mehr passive als aktive Stärke. Der Mund mit seiner leicht vorstehenden Oberlippe und zwei kleinen Falten an den Mundwinkeln deutete auf Geschicklichkeit, Leidenschaft, Mut, Festigkeit und Entschlossenheit. Die Wangen waren leicht eingefallen; dies deutete auf Kummer und Verdruß, während die ein wenig vorstehenden und breiten Backenknochen auf seine farbigen Vorfahren hinwiesen. Die Nase war nur durch die Beweglichkeit der Nasenflügel bemerkenswert, die ein leicht entzündliches Temperament verriet. Es bedurfte auch tatsächlich nur eines geringen Anlasses, um ihn aus einem passiven, geduldigen Menschen zur Verkörperung mannhafter Kampfbereitschaft für eine gerechte Sache zu machen oder zu einem Dämon von Haß und wahnwitziger Rachgier.