Seine Augen oder vielmehr sein Auge – denn eines war durch einen Unglücksfall nahezu zerstört – war von einem tiefen, dunklen Nußbraun, das das Volk pechschwarz zu nennen pflegt. Es strahlte einen merkwürdigen magnetischen Glanz aus, wenn er auf der Rednerbühne sprach. Er war seinerzeit ein Volksredner gewesen und hatte auf diesem Gebiet keine geringe Berühmtheit erlangt. Wer ihn einmal so gesehen oder gehört, konnte ihn nie wieder vergessen, so verschieden war er von allen anderen Menschen, und so bezeichnend und eigenartig waren seine Eigenschaften.
Er war ein ganz einzigartiger Mann – dieser Rosenkreuzer –; ich kannte ihn wohl. Manche Stunde sind wir beisammen in dem kühlen Schatten irgendeiner alten, ehrwürdigen Ulme auf den grünen, blumenbesäten Ufern von Connecticuts Silberstrom oder unter einer turmhohen Palme am Ufer des alten Nils, im weißen Lande der Pharaonen, der Magie und der Mythen gesessen, wobei er beständig in mein Ohr seltsame, seltsame Sagen flüsterte – Sagen aus uralter Zeit – die meine dürstende Seele trank, wie die von der Sonne ausgetrocknete Erde den ersehnten Regen, oder der Sand die Tränen weinender Wolken. Und diese Erzählungen, diese Sagen, stellten die wildesten Phantasiegestalten Germaniens weit in den Schatten. Besonders betroffen war ich über eine Andeutung, die einmal seinen Lippen entfloh, daß viele Menschen auf dieser Erde und er selbst unter ihnen schon früher auf dieser Welt gelebt hätten, und daß er sich zu gewissen Zeiten deutlich an Orte, Personen und Ereignisse erinnere, die vor der Zeit lagen, in der er seine gegenwärtige Gestalt angenommen, und daß demnach sein wirkliches Alter sogar das Ahasvers, des ewigen Juden, noch übertreffe.
Dieser Mann, mein Freund, sprach während unserer Bekanntschaft oft von der weißen Magie und gelegentlich versteifte er sich geradezu hartnäckig auf seine seltsame Seelenwanderungsdoktrin. Doch das war nicht alles: er behauptete, die Seelen der Menschen verließen zuweilen ihre Körper für ganze Wochen, während dieser Zeit würden dann die verlassenen Leiber von anderen Seelen bewohnt, manchmal von der eines für immer entkörperten Erdenmenschen, ein andermal von der eines Bewohners des Luftraumes, der, so inkarniert, nach Belieben auf Erden umherstreife. Wurde er um eine klare und bündige Erklärung gebeten, dann sprach er seinen festen Glauben aus, daß er auf diese Weise viele Menschenleben hindurch gelebt habe, und aus Gründen, die nur ihm bekannt seien, verurteilt worden, weiter auf Erden zu wandern wie der große Artefius – jener andere Rosenkreuzer – bis die Vollführung einer bestimmten Tat (bei der er selbst, unfreiwillig, tätig mitwirken sollte) ihn davon erlösen und ihm erlauben würde, das Los anderer Sterblichen zu teilen.
Als eine Begleiterscheinung seiner Verschiedenheit von anderen Menschen ist es wohl auch anzusehen, daß er mit gewissen übersinnlichen Kräften ausgestattet war, darunter mit einer seltsamen Fähigkeit des Hellsehens. Diese Fähigkeit, mochte sie auch nicht immer offenkundig sein, setzte ihn bisweilen instand, Dinge, Personen und Ereignisse zu sehen und zu beschreiben, sogar über das Weltmeer hinüber, und die geheime Geschichte und die Gedanken des verschlossensten Menschen so leicht wie in einem Buch zu lesen. Anfänglich bezweifelte ich seine Behauptungen, führte sie auf einen abnormalen Geisteszustand zurück oder lachte über die tolle Behauptung, daß irgendeiner mitten im neunzehnten Jahrhundert christlicher Zeitrechnung im Ernst so außerordentliche Kräfte für sich in Anspruch nehmen könne. Wie bereits gesagt, wies seine Gesichtsfarbe darauf hin, daß er ein Mischling war – nicht gerade ein Bastard – aber ein Mensch, in dem das Blut von mindestens sieben verschiedenen Rassen floß. Aus seiner Art zu reden hätte man schließen können, daß seine Erziehung nicht ganz vernachlässigt worden, aber sicherlich ganz anders beschaffen gewesen war, als die in christlichen Ländern allgemein gebräuchliche. Es war, wenn überhaupt, sehr wenig feine Sitte an ihm – nicht etwa, daß es ihm an Höflichkeit oder Glätte gefehlt hätte –, aber seine Art war die der Flüsse, Wälder und Seen, nicht die der Salons und der Stätten des guten Tons. In allem, was sein Innenleben betraf, war er rätselhaft, und zwar meist dann, wenn er sich am offensten zu geben schien. Mir erschien er am Ende einer zehnjährigen Bekanntschaft noch sphinxhafter als am ersten Tage. Obwohl arm, hatte er doch ausgedehnte Reisen gemacht. Exotisch in seiner äußeren Erscheinung und seinem Geschmack, war er es noch mehr seiner Geistesverfassung nach und in allem, was Träumerei, Philosophie und Gefühlsleben betraf.
Nach dieser Schilderung der Hauptperson meiner Erzählung gehe ich nun dazu über, eine andere Seite aus dem Lebensbuch dieses Mannes wiederzugeben.
2. Kapitel
SEINE JUGENDZEIT – DIE SELTSAME LEGENDE
Und da saß der seltsame Mann am Wegrand – traurig, still weinend – als wollte sein Herz brechen. Seine Sorge hatte keine geringe Ursache. Es war nicht augenblicklicher Mangel an Nahrung, Unterkunft oder Kleidung, aber sein Herz war voll und seine Quellen flossen über. Die Welt hatte ihn ein Genie genannt und ihn als solches verzärtelt, gepriesen, bewundert und dabei hungern lassen; kein Funken Mitgefühl die ganze lange Zeit über, keine Spur von uneigennütziger Freundschaft. Die große Menge hatte sich um ihn gedrängt, wie die Gaffer der Großstädte sich um die letzte Neuheit im Panoptikum drängen, um dann, zufriedengestellt von der Besichtigung, sich abzuwenden und ihn seiner ganzen grenzenlosen Einsamkeit und seinem Elend zu überlassen.
Im Alter von acht Jahren war er in der römisch-katholischen Kirche auf den Namen Beverly getauft worden. Von seinem Vater erbte er wenig, außer dem hochfliegenden Geist und der ehrgeizigen rastlosen Natur sowie einer Empfänglichkeit für leidenschaftliche Erregungen, so groß, daß sie auf sein ganzes Leben dauernd und stark einwirkte. Nur ein Jahr lang genoß er regelrechten Schulunterricht, alle späteren geistigen Errungenschaften verdankte er nur seiner eigenen Anstrengung. Sein Vater liebte ihn wenig, um so mehr aber seine Mutter. Er war mit allen seinen Zähnen geboren worden und alte Klatschbasen weissagten ihm daraus eine außergewöhnlich erfolgreiche Laufbahn; außerdem bestärkten gewisse merkwürdige Geisterbesuche vor und kurz nach seiner Geburt seine Mutter in der Einbildung, daß er zu keinem gewöhnlichen Schicksal bestimmt sei.