Fig. 176. Dresdener Einbanddecke nebst gemustertem Schnitt. Um 1600. Oktav. Buchgewerbemuseum zu Leipzig.

Fig. 177. Aus der herzogl. Bibliothek zu Wolfenbüttel. Bezeichnet F. D. H. Z. S. Nach Stockbauer.

Bemerkenswert ist noch der Umstand, daß der Plattendruck mitunter ganz nach orientalischer Weise ausgeübt wurde, insofern das Ornament in Lederfarbe, der Grund aber golden erscheint.

Unsere Abbildung ([Fig. 178]) zeigt eine Decke, die mit drei Platten, zwei für die Ecken, eine für die Mitte, bedruckt ist. Die Eckstücke sind aber nicht nach einem Muster geschnitten und der Buchbinder hat aus der Not eine Tugend gemacht, indem er das ihm fehlende linksseitige Eckstück durch ein anderes, formverwandtes aus seinem Vorrat ersetzte. Der zwischen Eckstücken und Mittelstücken frei bleibende Grund ist mit Sternen besät. Diese Art der Musterung des unverzierten Grundes — statt der Sterne kommen auch kleine Blüten, Blätter u. s. w. vor — war allgemein beliebt; die Scheu vor leeren Stellen, der horror vacui, den der Blinddruckband erkennen läßt, übertrug sich auch auf den Golddruckeinband.

Die Kunst der Handvergoldung ist ohne Frage über die Alpen nach Deutschland gekommen, und zwar auf dem Wege des Handels und Meßverkehrs, namentlich der in Frankfurt blühenden Buchhändlermesse, die sowohl von italienischen wie auch von französischen Verlegern oder deren Agenten besucht zu werden pflegte. Auch sonst herrschte zwischen den Handelsstädten Norditaliens und denjenigen Süddeutschlands und Flanderns ein reger Warenaustausch, der zweifellos italienische Bände nach Augsburg, Nürnberg, Frankfurt sowohl wie auch nach Gent und Brügge brachte. Fürstliche und fürstlich gesinnte Bücherfreunde, die es freilich in Deutschland nicht in so großer Anzahl gab wie in Italien und Frankreich, von denen aber doch einige mit Auszeichnung zu nennen sind, so die Augsburger Fugger, die Grafen Mansfeld, vor allen aber der Kurfürst August von Sachsen, veranlaßten dann die Einbürgerung der neuen Art der Buchverzierung, und die deutschen Stempelschneider, deren Kunstfertigkeit auf hoher Stufe stand, sorgten dafür, daß es an den verschiedenartigsten Vergolderstempeln nicht fehlte. Die Formen dieser Stempel wurden in den Grundzügen den fremdländischen nachgebildet, dabei aber in selbständiger Weise gemodelt, so daß sie sich deutlich von jenen unterscheiden. (Vergl. [Fig. 179].) Wie hätte es auch anders sein können bei der fruchtbaren Thätigkeit der zahlreichen Ornamentstecher, die unter dem Namen der Kleinmeister in der Kunstgeschichte des 16. Jahrhunderts eine so wichtige Rolle spielen. Namentlich sind die Flachmuster von Peter Flötner (s. [S. 186]), aber auch die ornamentalen Erfindungen von Aldegrever, Hopfer, Virgil Solis häufig von den Stempelschneidern benutzt worden. Dem letztgenannten Meister wird eine in der Bibliothek des Börsenvereins der deutschen Buchhändler zu Leipzig befindliche große Rolle mit Bildnissen von Königen zugeschrieben, eine der wenigen, die sich aus jener Zeit erhalten haben.

Fig. 178. Deutscher Einband mit Stockdruck. Um 1600. Nürnberg, Germanisches Museum.