Erwähnt sei hier noch, daß gegen das Jahr 1880 eine Neuerung auf dem Gebiete des Zierschnittes viel von sich reden machte. Aber so plötzlich sie auftauchte, so spurlos verschwand sie auch wieder; es war dies eine Art Überdruck auf den fertigen Schnitt. Eine gravierte Platte oder ein Klischee wird mit einem hellen Überdrucksfirnis eingewalzt und mit einer dünnen Leimhaut — Buchdrucker-Walzenmasse — bedeckt, so daß das Muster sich auf diese überträgt. Diese Leimhaut wiederum wird auf den Schnitt übertragen und das Muster durch leichtes Andrücken dort abgedruckt. Indem nun der ganze Schnitt mit Bronze eingestäubt wird, vollendet man die Musterung des Schnittes.
Wir tragen noch die Bemerkung nach, daß bei Photographie-Albums der Vorderschnitt, der des dicken Kartons wegen Absätze zeigt, mit einer sogenannten Rundschneide-Maschine ausgefräst wird. Auch zum Abglätten des Goldschnittes sind Maschinen erfunden, haben sich aber nicht einzubürgern vermocht.
Wir kommen nun zu der Besprechung des Kapitals oder Kapitälchens, der schon oft erwähnten Ziernaht am Kopf- und Schwanzende des Buchrückens. Im allgemeinen wird heute das gewebte Kapital in solchem Umfange angewendet, daß es sich kaum verlohnen würde, die Anfertigung des von der Hand des Arbeiters durch Umstechen hergestellten Kapitals zu beschreiben, wenn nicht neuerdings wieder darauf Gewicht gelegt würde, daß besonders bei feinen Einbänden, namentlich guten Halbfranzbänden, das Kapital durch Handarbeit beschafft wird.
Schon oben [S. 33] erwähnten wir, daß in frühester Zeit, wie auch beim orientalischen Bande, der unbeschnitten bleibt, das Kapitälchen während der Arbeit des Heftens angestochen wurde.
Fig. 44. Mit Seide vierteilig umflochtenes Kapital (italienisch, um 1500).
Fig. 45. Mit zweifarbener Seide umflochtenes Kapital.