Fig. 48. Kapital vom Berge Athos.

Diese ältesten Kapitale sind stets mit durch den Deckel des Buches gezogen ganz in der Weise, wie es mit den Bünden der Fall ist. Sehr eigentümlich erscheint die Behandlung bei den Bänden, die in der uralten, aus 23 Klöstern bestehenden Mönchskolonie am Berge Athos, einem Vorgebirge der chalcidischen Halbinsel, hergestellt wurden, ebenso bei einzelnen frühen Bänden italienischen Ursprungs. Das Kapital ist hier erst nach dem Ansetzen der Deckel umstochen; die Einlage besteht aus einer kräftigen, gedrehten, auf der hohen Kante des Deckels etwa 5 cm langen, in eine kleine Rinne eingelassenen Hanfkordel, die durch ein Loch in den Deckel selbst hineingeklebt, auch wohl noch mit einem Holzpflöckchen darin eingekeilt und dann erst mit dem Faden umnäht worden ist. Beim Überziehen des Deckels mit Leder wurde der Einschlag, soweit notwendig, unter dem auf der Deckelkante aufliegenden Kapitalstück durchgeschoben. Sehr zierlich sah es eben nicht aus; gehalten hat es aber. ([Fig. 48].)

Die ältesten, mit Leder umflochtenen Kapitale sind nicht selten, nachdem der Einband fertig war, durch das Leder des Rückens hindurch angeflochten, was recht gut aussieht und dem Rücken vorzüglichen Halt gewährt.

Eine einfache Art, das Kapital am fertigen Buche anzubringen, findet man an alten Einbänden dadurch erreicht, daß der Einschlag des Rückens über ein in beiden Deckeln befestigtes Stück Hanfkordel eingeschlagen und nachher mit einigen großen Stichen durch Rücken, Einschlag und oberen Teil des Buches hindurch kunstlos durchnäht ist, wie etwa heute der Sattler die Kanten der Lederkoffer durchnäht. Diese Art war ebenfalls nicht schön, aber dauerhaft.

Aus jener Zeit — 14. Jahrhundert — kann man fast an jedem Bande eine andere, wenn auch auf demselben Grundsatz, nämlich dem der größtmöglichen Haltbarkeit beruhende Form des Kapitals finden. Dies änderte sich erst, als die Buchbinderei zu einem bürgerlichen Gewerbe wurde.

Das Kapital wird nun meist mit farbigem Leinengarn, oft mit Seide nach dem Ansetzen der Deckel umstochen, ohne daß schon beim Heften hierzu Vorkehrungen getroffen werden können. Noch heute wird in England und Frankreich in derselben Weise umstochen, und zwar der Hauptsache nach immer in gleicher Weise, wenn auch in der Anordnung Abänderungen vorkommen. Stets werden dabei zwei Seidenfäden von verschiedener Farbe verwendet, die an den Enden oder in der Mitte durch kurze, andersfarbige Zwischensätze unterbrochen werden. Das Kapital, das aus einem eingelegten Leder- oder Pergamentstreifen besteht, wird dabei lediglich mittelst der Seidenfäden am Buche festgehalten. Am schwierigsten ist der Anfang, bis die erste Befestigung zwischen Buch, Einlage und den umstechenden Seidenfäden hergestellt ist. Diese werden in dünne, lange Nadeln gefaßt, bleiben der ganzen Länge nach doppelt und werden an den Enden aneinander geknüpft. Mit dem ersten Bogen links wird begonnen und durch dessen Bruch vom Rücken her der eine Faden eingeführt; derselbe tritt dann auf dem Schnitte dicht am Rande heraus, wird bis an den Knoten durchgezogen und einstweilen beiseite gelegt; am besten hängt man den jeweilig nicht arbeitenden Faden mit Nadel in die Höhlung des Vorderschnittes. Zum Kapitalumstechen kann man den Band auf die hohe Kante stellen; besser ist es, den Band, etwas mit dem Rücken zurückgeneigt, in einen Vergoldeklotz zu spannen. ([Fig. 49].) Das am Rücken heraushängende Ende wird über den aufrecht gestellten Einlagestreifen weg durch den ersten Stich wieder nach außen und nochmals über die Einlage geführt; die Nadel wird an Stelle der ersten weggelegt. Der erste Faden übergreift jetzt den zweiten und zieht ihn als beginnendes Kettennähtchen in das Kapital herein, indem ersterer unter der Einlage nach außen geführt, angezogen, über die Einlage zurück und in der Nähe des zweiten Bogens durch den Rücken nach außen gestochen wird; nochmals umschlingt man die Einlage und wechselt die Nadeln. Der vorhergehende Faden übergreift den letzteren, zieht denselben ins Kettennähtchen herein, geht über die Einlage nach vorn durch den Bogen nach außen, umschlingt zum zweitenmale und wird von der anderen Nadel abgelöst. So geht es fort, bis am Schlusse die Fäden verknüpft, die Enden verklebt werden ([Fig. 50]).

Fig. 49. Ein zum Umstechen des Kapitals in den Vergoldeklotz eingesetzter Band.

Fig. 50. Zweifarbig umstochenes Kapital.