In neuester Zeit hat man die Ritzarbeit mit Glück wieder zu beleben gewußt, auch durch kräftige Modellierung der Formen, die sich unter Anfeuchtung des Leders von der Rückseite her durch eine Art Treibarbeit bewirken läßt, die alten Vorbilder noch zu überbieten versucht. Für Buchdecken wird diese Art der Lederverzierung aber immer nur eine beschränkte sein, schon weil sie ein künstlerisches Geschick erfordert, das sich nicht jedermann zu geben vermag.
In [Figur 60] geben wir als Beispiel der Punzung ohne Ritzung einen Band, der aus einem der Klöster am Berge Athos stammt und vermutlich dem 16. Jahrhundert angehört. Er zeigt eine an Eisentechnik (Thürbeschläge) erinnernde, symmetrisch angeordnete Verzierung mit Knöpfen (Nagelköpfen), die mit größeren Punzen teils in den Grund, teils in das Ornament eingeschlagen sind. Eine gepunzte Ritzarbeit zeigt uns [Fig. 61] in freier künstlerischer Anwendung der Technik. Dieser Einband ist deutschen Ursprungs und stammt aus dem Anfange des 15. Jahrhunderts. Als drittes Beispiel ([Fig. 62]), auf dem zwei phantastische Bestien, wie sie das germanische Mittelalter gern bildlich darstellte, erscheinen, geben wir die Rückseite eines Pergamentbreviers vom Ende des 15. Jahrhunderts, das der Nürnberger Familie Löffelholz gehörte und wie der vorher erwähnte Band im Germanischen Nationalmuseum zu Nürnberg bewahrt wird.
Für Lederschnitt eignet sich am besten Rindsleder, weniger gut Kalbleder. Maroquin und Schafleder sind dazu ganz ungeeignet.
Eine verwandte Technik ist die ebenfalls schon im 15. Jahrhundert geübte Lederschälarbeit, zu der sich jedoch nur Saffian oder Bockleder eignet. Die Konturen des Ornaments werden dabei ebenfalls mit dem Messer eingeritzt und dann die Oberhaut des Leders an einem Ende gehoben und abgeschält. Statt das Ornament auf diese Weise zu behandeln und hell erscheinen zu lassen, kann man auch die Oberhaut des Grundes abschälen, um die umgekehrte Wirkung zu erzielen. Ist diese Arbeit für die Außenseite der Decken auch wenig empfehlenswert, so ist sie doch gut anwendbar zur Verzierung der Spiegel auf den inneren Deckelflächen, wenn es sich um einen in nicht gewöhnlicher Weise auszustattenden Einband handelt.
Die umständliche und zeitraubende Ritzarbeit konnte ebenso wenig wie die Schälarbeit bei Büchern Anwendung finden, die in kurzer Frist und ohne erhebliche Kosten hergestellt sein wollten. Für diese diente das einfache Verfahren des Blinddrucks, zu dem auch die Verzierung mittelst glatter Linien zu rechnen ist, die vielleicht mit einem Falzbein am Lineal entlang gezogen wurden, um eine Einrahmung der inneren Fläche des Deckels herbeizuführen, dann auch um die innere Fläche rautenförmig zu mustern. Derartige gestrichene Linien finden sich auf unserer Abbildung [Fig. 61]. (Vergl. auch [Fig. 67].)
Fig. 62. Rückseite von einem Brevier. Ende des 15. Jahrhunderts. Nürnberg, Germanisches Museum.
Die Werkzeuge, welche zur Herstellung der Blindpressung des Leders dienen und, abgesehen von dem Streicheisen, auch bei der Handvergoldung gebraucht werden, sind folgende: