Mit großartigen Prophetengaben wurde auch Helena Wallraff[98] ausgeschmückt, die 1755 in dem etwa 1/2 Stunde von Kirdorf entfernten Dorfe Brüggen geboren und seit 1783 mit Wilhelm Horst († 1809) verheiratet war. Ihr Seelsorger, der 1781 von Marienstatt nach Kirdorf gesandte Pfarrer Heinen, wies die Ermahnungen, mit denen sie auch ihn nicht verschonte, anfangs als unberufene Anmaßung zurück, wandte aber, nachdem er sich von der Richtigkeit und Heiligkeit ihres Wandels überzeugt und Helena ihm wiederholt seine innersten Gedanken und verborgene Dinge offenbart, ihren Aeußerungen immer größere Aufmerksamkeit zu und ließ sich endlich sogar bewegen, ihre Offenbarungen schriftlich aufzunehmen. Fast täglich hat sie ihm mehrere Stunden ununterbrochen, ohne Anstoß, ohne je ein Wort zurückzunehmen oder zu verändern, ihre Schauungen in die Feder diktiert, die der Pfarrer allmählich sorgfältig abschrieb. Zu dieser Zeit hielt Helena große religiöse Umzüge, an denen sich alle Nachbarschaften beteiligten, bis 1799 die französischen Polizeibehörden einschritten und die Seherin nebst vielen Brudermeistern nach Köln ins Gefängnis schleppten. Dorthin wurde am 14. Juni auch der Pfarrer Heinen zum Verhör gebracht, vom Präsidenten Kley aber, dem Helena in einem Strahlenkranze erschienen war, bald wieder entlassen, während die Seherin, wie sie ihren Mitgefangenen vorhergesagt, der Müller Körfgen durch Erlegung der auf 900 Franken bemessenen Geldstrafe befreite. Die ihm zurückgegebenen Offenbarungen legte der Pfarrer nach der Vorschrift des Trienter Konzils dem damals in Ellingen weilenden Kurfürsten Maximilian Franz zur Prüfung vor, der ihn das Ergebnis der über 8 Monate dauernden Beratungen auf der Abtei Marienstatt abwarten und dann in seine Pfarrei zurückkehren ließ. Infolge fremder Ratschläge, oder vielleicht auch aus Menschenfurcht, weigerte sich nunmehr aber Heinen, die Niederschrift der Offenbarungen fortzusetzen, und auch nicht er, sondern Helenas Ehemann hat ihr „Büchlein des Trostes“[99] von April bis Weihnachten 1800 aufgezeichnet, das erst später dem Pfarrer übergeben und von dessen Neffen veröffentlicht wurde. Die Prophetin war groß und hager, gewöhnlich mit einem faltenreichen braunen Wollkleid bekleidet, keineswegs eine „frömmelnde Quiesel“, sondern heiter und umgänglich, stets sauber und fleißig, besorgt um ihren Mann und ihre vier Töchter und trotz nur geringen Vermögens auf fremde Hülfe nie angewiesen. Sie durchschaute angeblich der Menschen Herzen, ihre Vergangenheit und Zukunft, und hat den Untergang vieler ansehnlichen Familien in der Gemeinde vorhergesagt; sie wollte belehren und mahnen, wie die alten Propheten das dem Abgrund zutaumelnde Geschlecht mit Gottes Macht zurückrufen. Der Grundgedanke des umfangreichen Diktats, das jetzt im Wiener Archiv ruhen soll, ist die Herstellung des verschwundenen christlichen Glaubens, die Wiedererweckung aufopfernder christlicher Liebe und dadurch eine nachhaltige Aushülfe der Armen und Gedrückten. Helena fordert auf zur Demut, Einfachheit der Sitten und Genügsamkeit, da sonst blutige Verwicklungen drohten; vor hundert Jahren sagte sie die Flucht des Papstes und den Verlust seiner weltlichen Herrschaft voraus, und ließ ihn seinen Sitz noch in Köln nehmen. Sie prophezeite Verwirrung, blutige Zerrüttung und drohenden Umsturz des Bestehenden: Oestreich würde schwer heimgesucht, Polen wieder hergestellt, Frankreich in viele Teile zerrissen, der Türke in das Völkerdrama gerufen und in den Bund der christlichen Völker aufgenommen, bei oder in Köln der Weltfriede geschlossen werden; es sollen die stehenden Heere, Titel und Vorrechte abgeschafft, die Klöster nach weise beschränkenden Regeln wieder errichtet, die Schulen von Geistlichen gehalten und die Fabrikanlagen auf das richtige Maß zurückgeführt werden. So sprach die des Lesens und Schreibens unkundige Bauernfrau über Länder und Reiche, Herrscher und Völker, Staat und Kirche. Nachdem sie am 14. September 1801 gottergeben verschieden war, wurde, wie sie befohlen, noch eine Schrift, in Pergament gehüllt, ihr aufs Herz gelegt und mit ihr auf dem stillen Friedhofe der geweihten Erde anvertraut. Ihre Verehrer, überzeugt von ihrem heilig vollbrachten Leben, haben nie unterlassen, an ihrem Grabe ihre Fürbitte anzurufen, und viele dort gesammelte Steinchen noch ein halbes Jahrhundert später zur frommen Erinnerung bei sich getragen.
Sehr bald in Vergessenheit hingegen geriet die Hellseherin Anna Maria Rübel.[100] Diese, 1799 als Tochter eines Webers in Altenhaus-Kothen bei Velbert geboren, wurde am 24. Januar 1818 in Elberfeld, wohin sie in einem Anfall gelaufen war, auf der Straße gefunden, anscheinend mit Epilepsie befallen; von der Polizeibehörde einem Wundarzt übergeben, wurde sie soweit kuriert, daß sie nach Langenberg gebracht werden konnte, wo sie im Hause des Polizeidieners Ricker untergebracht und von Zutrauen verdienenden Männern genau beobachtet wurde. Von ihren meist recht belanglosen Offenbarungen – sie verrät z. B., in welcher Ecke ein alter Mann sein Pfeifchen raucht und ein Arzt Rezepte schreibt – sind einige als verfehlt, andere freilich als zutreffend befunden worden; da die Rübel aber einigemal bei dem Versuch, ihre Beobachter zu täuschen, betroffen ist, wird man selbst in den Fällen, wo ein Betrug nicht zu entdecken war, ihre Wunderkraft mit Recht in Zweifel ziehen.
Leute, die, statt durch harte Arbeit ein vielleicht nur kümmerliches Dasein zu fristen, lieber die Dummheit und Leichtgläubigkeit ihrer Mitmenschen zu mühelosem und reichlichem Gelderwerb benutzten, hat es stets und überall in großer Menge gegeben, und leicht ließen sich solcher verschmitzten Betrüger auch in den Rheinlanden von der Klever Geisterseherin Helena Verführt (1682)[101] bis hinauf zu dem Kölner Schatzheber und Wahrsager Jakob Küpper (1816 bis 1850)[102] aus Zeitungen und Untersuchungsakten recht viele nachweisen. Außerdem sind von politischen und religiösen Parteien schon wiederholt Prophezeiungen zu ihren Gunsten erfunden oder verfälscht worden, und endlich auch unbeabsichtigte Abänderungen (Zusätze, Weglassungen und Anpassungen) bei lebhaftem Umlauf nicht einmal in friedlichen Zeiten zu vermeiden. Schon deshalb fordert die Vernunft, alle Offenbarungen zu verwerfen, solange man nicht die echten von den unechten, die wahren von den falschen zu scheiden vermag; das Volk aber wird sich bei des Menschengeistes unvertilgbarem Drange, den Schleier der Zukunft zu lüften, den Glauben an seine Seher und Propheten niemals nehmen lassen und ihre Enthüllungen zumal dann immer von neuem wieder hervorholen, wenn irgend ein Ereignis deren Richtigkeit zu bestätigen scheint.
Orts- und Personen-Register.
- Aachen [34].
- Ahr [47].
- Alfter [49].
- Altenkirchen [48].
- Andernach [7].
- Anna v. England [32].
- Asbach [48].
- Bachem [44].
- Barmen [18].
- Baschkiren [21].
- Bender [24]-[30].
- Benrodt [41].
- Berg [6]. [35]. [39]. [40]. [41]. [42]. [43] f.
- Bergerbusch [20].
- Bey, M. [37].
- Bingen [24].
- Birlinghoven [37].
- Böckum [7].
- Böhmen [29].
- Bonn [15] f. [24]. [41].
- Braunschweig-Wolfenbüttel, L. E. v. [32].
- Breuning, v. [16].
- Bruchhausen [46].
- Brüggen [50].
- Büchel [7].
- Büderich [20].
- Bungard, H. [45] f.
- Cäsarius v. Heisterbach [4].
- Clemens August I. v. Köln [13]-[14].
- Clemens August II. v. Köln s. [Droste].
- Clemens Wenceslaus v. Trier [13].
- Cler, de [16].
- Damaskus [33].
- Deutschland [21]. [22]. [39] f.
- Deutz [41].
- Dönberg [6].
- [Droste]-Vischering, C. A. [37].
- Düsseldorf [20] f. [42].
- Ehrenberg [44].
- Ehrenbreitstein [13].
- Eishardt [47].
- Elberfeld [53].
- Elbertz, E. [22] f.
- Ellingen [51].
- England [32]. [33]. [34].
- Erl [44].
- Erpel [48].
- Eschen [7].
- Eschmar [34]. [35]. [42].
- Frankreich [22]. [29]. [34]. [39]. [46]. [49]. [50]. [52].
- Friedrich d. Gr. [28]-[32].
- Frömbgen [45].
- Führt [14].
- Fürth [38].
- Geistingen [36].
- Gerhard [10] f.
- German, K. [9].
- Grevenbroich [20].
- Großenbaum [7].
- Gummersbach [18].
- Gustorf [20].
- Hahnerhof [20].
- Hammerstein [48].
- Hangelar [38].
- Haupts [36].
- Heidelberg [34].
- Heinen [50].
- Heisterbach [4]. [35]. [38]. [39]. [40]. [47].
- Helena, St. [34].
- Herbeck [7].
- Herkenrath [7].
- Hochkirch [12].
- Hoff [17].
- Hoffin [24]-[32].
- Hoheneichen [20].
- Holzhauser, B. [24].
- Honnef [37]. [42]. [49].
- Horrweiler [24] f.
- Horst, W. [50] f.
- Huart, J. [9].
- Hundel [47].
- Jannes-Pitter s. [Knopp].
- Jasper [22].
- Immigrath [17].
- Judden, H. v. [22].
- Kälber-Gerhard [10] f.
- Kaisersberg [47].
- Kaufbeuren [13].
- Kirdorf [50].
- Kleve [54].
- Kley [50].
- [Knopp], J. P. 22. [34]. [44] bis [49].
- Koblenz [13]. [16]. [21]. [38]. [48].
- Köln [8] f. [12]. [13]. [19]. [22] f. [33]. [38]. [39]. [40]. [41]. [42]. [43]. [47]. [48]. [50]. [52].
- Königsberg [34].
- Körfgen [51].
- Körper s. [Knopp].
- Kollin [31].
- Konstantinopel [33].
- Kreuznach [24] f.
- Kripp [47].
- Küpper, J. [54].
- Kürten [7].
- Kurp [44].
- Landau [32].
- Langenberg [53].
- Laubheim [24].
- Leutesdorf [48].
- Linz [44]. [46]. [47]. [48].
- Linzhausen [45] f.
- Lobositz [28].
- London [38].
- Ludwig XVI. [32].
- Ludwig Ernst v. Braunschweig-W. [32].
- Lügen-Bähn s. [Rembold].
- Luneville [47].
- Mainz [29] f. [32]. [38].
- Mannheim [29].
- Maria Crescentia [13].
- Maria Theresia v. Oestreich [28]-[32].
- Marienstatt [50]. [51].
- Maximilian Franz v. Köln [47]. [51].
- Maximilian Friedrich v. Köln [16].
- Maximilian Heinrich v. Köln [9].
- Meiderich [12].
- Melaten [43].
- Meschede [12].
- Mettmann [7]. [17].
- Mieg [31].
- Miel [41].
- Mondorf [38].
- Mosel [21].
- Mülheim [19].
- Müllekoven [40] f.
- Müller, J. A. [34].
- Napoleon I. [34]. [37].
- Nassau [7].
- Neuß [14].
- Niederlande [32].
- Niederrhein [5]. [11].
- Noll [45].
- Nordrath [7].
- Nümbrecht [12].
- Nürnberg [38].
- Oberpleis [35].
- Ockenfels [49].
- Oelberg [39].
- Oestreich [28]-[32]. [46]. [47]. [49]. [52].
- Ohlenberg [44]. [47]. [49].
- Opladen [11].
- Oranien, Prinz v. [32].
- Pfalz [29].
- Pirre, J. [24].
- Pius VII. [37].
- Pohl, H. [23].
- Prag [30], [31].
- Preußen [28]-[32]. [47].
- Pütz [46].
- Raderthal [23].
- Radevormwald [15].
- Reisdorf [20].
- [Rembold], J. B. [22]. [34]-[44].
- Remlingrade [18].
- Rettig [25].
- Reul, B. [9].
- Rhein [6]. [21]. [22]. [38]. [39]. [46]. [48].
- Richrath [17].
- Ricker [53].
- Rodenkirchen [41].
- Rom [24]. [33]. [35]. [48].
- Rottbitz [48].
- Rübel, A. M. [53].
- Rußland [38].
- Salzburg [22].
- Schlinkert, P. [12]-[14].
- Schmitz [45].
- Schnegell, C. [7]-[9].
- Schnell [40] f.
- Schnitzler [43].
- Schwaben [13]. [24].
- Sibyllen [45].
- Siebengebirge [39]. [49].
- Sieg [37]. [39]. [46].
- Siegburg [12]. [34]. [35]. [37]. [38]. [39]. [40]. [42].
- Sieglar [36]. [38]. [43].
- Siegthal [11].
- Sinzig [47].
- Spich [43].
- Spielbahn s. [Rembold].
- Straßburg [32].
- Sülz [7].
- Sulzbach, Prinz v. [30].
- Thomas v. Aquin [9].
- Trient [51].
- Trier [13].
- Troisdorf [37].
- Türkei [21]. [34]. [38]. [41]. [52].
- Unkel [48] f.
- Velbert [53].
- Verführt, H. [54].
- Vetweis, B. [9].
- Vollmerhausen [18].
- Wallraff, H. [50]-[53].
- Ward [25].
- Werl [20].
- Westfalen [5]. [12]. [29].
- Wien [52].
- Wiesbaden [28]. [31].
- Wilhelm V. v. Oranien [32].
- Windhagen [45].
- Wönkhausen [17].
- Wülfrath [7].
- Wupperthal [18].
Westfälische Vereinsdruckerei
vormals Coppenrath'sche Buchdruckerei, Münster i. W.