Johann Bernhard Rembold[67] war im Dezember 1689 als Sohn eines alten Leinwebers in dem unweit Siegburg gelegenen Dorfe Eschmar geboren. Schon früh begleitete er seinen Vater auf dessen Geschäftsreisen, die er ihm später ganz abnahm, und da dieser einen großen Teil seiner Fabrikate auf der Abtei Siegburg absetzte, verwandte ihn der Abt häufig als Boten in die ihm untergeordneten Klöster Oberpleis, Heisterbach etc., so daß er viel mit den Ordensgeistlichen in Berührung kam. Durch diesen Verkehr eignete sich der fromme, aber gänzlich ungebildete Mann mancherlei Anschauungen an, die den meisten seiner Standes- und Zeitgenossen fremd bleiben mußten. Nur mit einem Stab, einem Rosenkranz und einer Geige ausgerüstet, durchzog er – auch noch nach seiner Verheiratung – die Dörfer und Städte der bergischen Sieg- und Rheingegend und besuchte vorzugsweise die Kirchweihfeste, wo er durch den Vortrag einfacher Kirchenlieder und moralischer Erzählungen die Leute zu fesseln suchte. Auf jedem Bauerngute, in jedem Kloster war „Spiel-Bähn“,[68] wie man ihn seines Geigenspiels halber bald ausschließlich zu nennen pflegte, ein gern gesehener Gast, der jeden erlaubten Dienst willig verrichtete und sich noch im hohen Mannesalter selbst einer Reise nach Rom, mit der ihn die Kölner Franziskaner betrauten, gern unterzog.

Aus der heiligen Stadt mit großer Weltkenntnis zurückgekehrt, gab Spielbähn die erste Probe seiner Sehergabe, indem er auf dem Eschmarer Bauergeding[69] erklärte: „Künftiges Jahr werden wir nicht bauerdingen, weil dann die ganze hiesige Gegend mit fremden Kriegern überschwemmt sein wird.“ Trotzdem sich diese Prophezeiung gleich vielen späteren wirklich erfüllte, schenkte man doch seinen Visionen meist nur wenig Glauben, was die Bezeichnung „Lügen-Bähn“, die schnell im ganzen Lande gäng und gäbe wurde, genugsam bekundet. Bat ihn ein Spötter um eine Prophezeiung, so erwiderte er mit großer Gelassenheit, daß es nicht in seiner Macht liege, willkürlich künftige Geschicke zu verkünden, sondern Gott ihm nur zu Zeiten einen Blick in die Zukunft eröffne; am abendlichen Herdfeuer, im Kreise biederer Nachbarn aber, nahm er häufig die graue Mütze von seinem ehrwürdigen Haupte, schaute, fromm die Hände faltend, mit verklärtem Antlitz gen Himmel und berichtete kurz und bestimmt, was die göttliche Huld ihn erschauen lasse, sehr oft schließend: „Wenn auch die Menschen mich verhöhnen, indem sie sagen, ich sei nur ein simpler Spielmann, so wird dennoch die Zeit kommen, wo sie wahr finden werden meine Worte.“ Einst bat er einen Nachbar, mit ihm für den noch völlig gesunden N. zu beten, da er binnen kurzem verscheiden werde – und der Genannte starb am zweiten Tage; mehrere Personen, die nach seiner Aussage ihre Wohnung nicht wiedersehen würden, raffte der Tod auf dem Heimwege hin: der gräfliche Rentmeister X. erlag einem Schlagflusse, ein Knecht aus der Nähe von Sieglar wurde überfahren, ein Bauernmädchen aus derselben Gegend ertrank; auch der Küster Haupts in Geistingen,[70] ein Kind in Sieglar, sowie der Amtmann D. und der Schöffe T. in Honnef starben genau zu der von Spielbähn angegebenen Zeit, der Gerichtsschöffe Kr., nach Verlust seines Vermögens, wie dieser es ihm angekündet, „von Ungeziefer halb verzehrt, in Troisdorf auf dem Stroh“. Matthias Bey, weiland Schöffe zu Birlinghoven, hat oft erzählt, daß Spielbähn, der in seinem Elternhause häufig eingekehrt und von seinem Vater wegen seiner Weissagungen mitunter gehänselt sei, diesem eines Tages eröffnet habe: „Obgleich du meine Worte verlachst, so wünschte ich doch, dir etwas Gutes prophezeien zu können; leider ist es aber nur Schlimmes, was ich dir zu sagen habe: du bist zwar ein braver Mann, dem Kirchengang und Gebete, sowie dem Wohlthun ergeben, aber du wirst dennoch nicht in deinem Bette sterben!“ Sein Vater habe indes auch diese Prophezeiung ungläubig und lächelnd hingenommen, sei aber am 5. Januar 1792, als er von einem Taufschmause berauscht zurückkehrte, unterwegs – etwa 3/4 Stunden von seiner Wohnung entfernt – erfroren.

Diejenigen Prophezeiungen Bähns, welche ein allgemeines Interesse beanspruchen konnten, sind 1759 von einem alten katholischen Landgeistlichen aufgezeichnet worden, dessen Niederschrift Schrattenholz 1840 wieder aufgefunden und 1846 zuerst veröffentlicht hat. Ein großer Teil derselben soll durch den Brand der Abtei Siegburg (1772), das Anschwellen der Sieg (1784), die Enthauptung Ludwigs XVI. (1793), die Gewaltherrschaft Napoleons (1799-1814), die Aufhebung der rheinischen Klöster (1803), die Gefangennahme des Papstes Pius VII. (1809) und des Kölner Erzbischofs Clemens August (1837), die Errichtung einer Irrenanstalt zu Siegburg (1824), die Anlage mehrerer Landstraßen,[71] die Einführung von Eisenbahnen und Dampfboten[72] u. s. w. bereits in Erfüllung gegangen sein, so daß sich nur noch die Schilderung der letzten entscheidenden Schlacht,[73] die u. a. auch die Wiederaufrichtung der Abteien Siegburg und Heisterbach im Gefolge haben würde, zu bewahrheiten hätte. Die hierauf bezügliche Weissagung hat folgenden Wortlaut:[74] „Ihr bergischen Länder, merket auf! Euer Regentenhaus, welches abstammt von einem Markgrafentum, wird von seiner Höhe plötzlich herabsinken und wird kleiner als ein Markgraftümchen werden. Es bluten die Gläubigen im fremden Lande. Darum untergehen wird ein großes Barbarenreich,[75] weil es solche Frevel zugelassen und nicht beschützet hat die Kirche Christi und nicht geehrt hat ihre Diener. Mit ihm sinken die falschen Propheten, als deren sich viele mit Weib und Kind selbst verbrennen werden, und man 400 mit den Eingeweiden erwürgen und die übrigen von einem Felsen am Rheine stürzen wird. Das ist der Blutzeit Anfang. Die heilige Stadt Köln wird sodann eine fürchterliche Schlacht sehen. Viel fremdes Volk wird hier gemordet, und Männer und Weiber kämpfen für ihren Glauben. Und es wird von Köln, das bis dahin noch eine Jungfrau, grausamlich Kriegswesen, Belagerung und Verheerung nicht abzuwenden sein, und man wird allda bis ans Knöchel im Blute waten. Zuletzt aber wird ein fremder König aufstehen und den Sieg für die gerechte Sache erstreiten. Die Ueberbleibsel (sc. des Feindes) entfliehen bis zum Birkenbäumchen. Hier wird die letzte Schlacht gekämpfet für die gute Sache. Die Fremden haben den schwarzen Tod mit ins Land gebracht. Was das Schwert verschont, wird die Pest fressen. Das bergische Land wird menschenleer sein und die Aecker herrenlos, also daß man ungestört von der Sieg bis zum Oelberg[76] wird eine Fuhr machen (pflügen) können. Die in den Bergen verborgen sind, werden die Aecker wieder anbauen. Um diese Zeit wird Frankreich zerspaltet sein. Das deutsche Reich wird sich einen Bauer zum Kaiser wählen. Der wird ein Jahr und einen Tag Deutschland regieren. Der nun die Kaiserkrone nach ihm trägt, der wird der Mann sein, auf den die Welt lange gehofft hat. Er wird römischer Kaiser heißen und der Menschheit den Frieden geben. Siegburg und Heisterbach wird er wieder aufrichten, wie es weiland gewesen und von Anfang bestimmt war. Um diese Zeit werden in Deutschland keine Juden mehr sein und die Ketzer schlagen an die Brust. Und darnach wird eine gute und glückliche Zeit sein; das Lob Gottes wird auf der Erde wohnen, und ist kein Krieg mehr, denn über dem Gewässer. Darum werden die entflohenen Brüder von dannen zurückkehren mit ihren Kindeskindern, und sie werden in ihrer Heimat in Frieden wohnen fort und fort. Des sollen die Menschen wohl achthaben, was ich gesagt habe; denn vieles Ungemach kann verbessert werden durch Gebet zu Gott, dem erbarmungsreichen Vater der Menschen, und Jesus Christus, hochgelobt in Ewigkeit.“ Ueber die Zeit, zu der die blutige Schlacht geschlagen werden soll, äußerte Spielbähn:[77] „Die Schnell[78] wird eine Insel werden. Alsdann wird ein großes Werk,[79] welches man in Köln begonnen hat, durch den großen Krieg gestört werden. Die Bewohner hiesiger Gegend werden ihre Habseligkeiten auf jener Insel verbergen, woselbst sie vor der Habgier der Krieger gesichert sein werden.“ Damals schien es fast unmöglich, daß der Wald sich in eine Insel umbilden könne; im Laufe der Zeit aber hat der bei seinen Fluten so wütende Siegfluß solche Strecken Landes mit sich fortgerissen, daß man bereits 1848 die Abtrennung in nahe Aussicht stellte, der Weissagung eingedenk, die die guten Müllekovener schon während der Freiheitskriege, trotzdem die Schnell noch nicht zur Insel geworden, bewogen hatte, ihre Schätze dorthin zu bringen, wo sie ihnen dann sämtlich gestohlen wurden. Eine andere Prophezeiung[80] Spielbähns verbreitete später sein Vetter Benrodt, ein früherer Pferdehändler, der ihm in den letzten Lebensjahren als Stütze seiner altersschwachen Glieder diente: „Wenn man sich in Deutschland aller Orten gegen die Obrigkeit erheben wird, alsdann wird der Religionskrieg ausbrechen. Die Türken als die Erbfeinde der Christenheit, werden bis Köln vordringen, hier aber in einer mörderischen Schlacht zwischen Köln und Rodenkirchen geschlagen werden. Auf der Miel[81] wird man mehrere große Leute an Bäumen erhängt sehen, und es wird so mörderisch hergehen, daß nach Beendigung des Krieges ein Nachbar dem ihm Begegnenden mit dem Ausrufe um den Hals fallen wird: Bruder, wo hast du dich erhalten? Dann wird das bergische Land so arm sein, daß kein Potentat es geschenkt zu haben verlangte.“ Als Spielbähn einst bei Deutz gerastet hatte, erklärte er,[82] er habe durch die dichten Haufen der Soldaten nicht dringen können, die lange weite Kleider, krumme Säbel und ein Tuch um den Kopf gehabt. Auch sagte er: Durch eine Beschießung mit glühenden Kugeln werde Köln bis an die Bach abbrennen; an das Gnadenbild in der Schnurgasse werde es jedoch nicht kommen. Die Kugeln würden auch über den Dom fliegen, dort aber nicht zünden. Die einrückenden Soldaten werden auf ihrer Kopfbedeckung Kreuze haben und vom Augustiner-Platze her, Marspforten herunter, so eilig auf die Brücke zulaufen, daß der Kamerad seinen Kameraden in den Rhein stürzt, um wegzukommen. Ueberhaupt wird auch hier die Flucht von allen so eilig dargestellt, wie in Westfalen, und wenn man hier getrost die Schinken auf die Zäune hängen könne, weil den Fliehenden die Zeit, sie abzunehmen nicht vergönnt sei, so sollen sie dort das Fleisch der bergischen Kühe, weil sie keine Zeit es zu kochen hätten, unter die Sättel legen.

Am Abend des 1. Januar 1772 hatte Spielbähn die Gäste eines Eschmarer Wirtshauses aufgefordert, die Karten wegzulegen und nach dem Siegburger Berg zu eilen, wo eine Feuersbrunst bald die ganze Abtei mit Ausnahme der Kirche zerstören würde. Da dieselbe etwa eine Stunde darauf thatsächlich in hellen Flammen stand, wurde der 82jährige Greis als Brandstifter verdächtigt und auf Befehl der Düsseldorfer Regierung als Untersuchungsgefangener nach Honnef abgeführt. Nachdem er über ein Jahr im Gefängnis ausgehalten und schließlich wegen Mangel an Beweisen in Freiheit gesetzt war, nahm er seine Wanderungen zwischen Honnef und Köln wieder auf, an letzterem Orte besonders oft und lange bei den Kartäusern verweilend. Zu Köln auch hauchte er am 20. Februar 1783 in den Armen des Apothekers Schnitzler seinen prophetischen Geist aus; seine irdischen Reste wurden auf dem Kirchhofe zu St. Marien-Ablaß beigesetzt, später aber – wie er noch kurz vor seinem Verscheiden vorhergesagt – wieder ausgegraben und nach dem am 29. Juni 1810 eingeweihten neuen Friedhofe von Melaten gebracht.

Es ist leicht zu begreifen, daß die wundersüchtige Menge dem alten Manne tausend erlogene Prophezeiungen in den Mund gelegt und die albernsten Sachen auf seine Kosten erfunden. Wie wenig Glauben selbst die im Brustton der Ueberzeugung vorgetragenen und häufig sogar noch ausdrücklich als „verbürgt“ bezeichneten Nachrichten verdienen, mag folgende Probe, die ich der Schrift von Burg[83] entnehme, bekunden. Zu Spich, einem Dorfe in der Gemeinde Sieglar, befindet sich ein tiefer Weiher, genannt Pohstadt; allda ist ehedem eines altadligen deutschen Geschlechtes prachtvolle Burg versunken, in der damals zwei Brüder hausten, von denen der eine bereits des wirklichen Todes Schrecknisse gekostet, der andere hingegen, einem Scheintoten ähnlich, in Entzückung liegt. „Diesem,“ sagt der alte Bernard, „gehört rechtmäßig das bergische Land; nach der mörderischen Schlacht, die zu Köln ihre Walstatt haben wird, wird der entzückt liegende Bruder erwachen, selber nach Köln kommen, und alle werden, sich vor ihm verbeugend, ihm huldigen, und er wird, ihnen aufrichtig dankend, das bergische Land in Besitz nehmen: niemand aber wird ihn kennen.“ Infolge dieser – wie Burg selbst zugiebt – „wirklich romanhaft klingenden“ Vorhersagung sei, während Bähn im Gefängnis saß, ein mutiger Mann beauftragt, aus jenem Schlosse, das damals eine Oeffnung gehabt, einen zinnernen Teller als Wahrzeichen zu holen, von den anderen Schätzen aber nichts zu berühren. Dieser habe sich, wahrscheinlich von ihrem herrlichen Glanze geblendet, an einer silbernen Mütze vergriffen und deshalb zur Strafe seiner Untreue allda den Tod gefunden, ein anderer jedoch den fraglichen Teller glücklich hervorgeholt, worauf der hochbetagte Prophet sofort seiner Haft entlassen und wieder in volle Freiheit gesetzt wäre.

Ziemlich gleichzeitig mit Spielbähn lebte Johann Peter Knopp,[84] vom Volke gewöhnlich Jannes-Pitter Körper genannt. Im Jahre 1714 zu Ehrenberg in der Pfarrei Neustadt von armen Eltern geboren, diente er auf dem Hofe Kurp[85] zu Erl, bis er sich soviel erspart hatte, daß er nach Beendigung des siebenjährigen Krieges (1763) ein Bachem'sches Landgütchen zu Ohlenberg in Pacht nehmen und sich verheiraten konnte, obschon er trotz seines Fleißes noch oft mit der bittersten Not zu kämpfen hatte. Später wohnte er abwechselnd in Erl und Ohlenberg, und hier wie in Linz, wohin er mindestens allsonntäglich zur Kirche kam, unterhielt er sich gern über den Lauf der Gestirne, über Witterungskunde, Kapitel der Bibel und der 12 Sibyllen Weissagungen, zugleich seine eigenen Visionen, die meist auf Beobachtungen von Lufterscheinungen beruhten, zum besten gebend. Häufig sah man ihn stundenlang wie tot auf dem Rücken liegen und gen Himmel starren.

Bald gingen seine Prophezeiungen von Mund zu Mund, und als ihm der Pastor Frömbgen einst verbot, den Leuten mit seinen „Lügen“ noch weiter die Köpfe zu verdrehen, citierte er aus der Bibel so viele Beweisstellen für seine Voraussagungen, daß der Geistliche schließlich von seiner Forderung Abstand nahm. Riefen ihm aber die Dorfkinder spottend nach: „Jannes Pitter, lug[86] mer doch och wat vör!“ dann wurde er zornig und prophezeite ihnen häufig etwas, das sie sicher nicht gerne hörten, z. B. einem gewissen Schmitz aus Noll, den mehr als 50 Jahre später der Schlag auf der Landstraße rührte, daß er nicht in seinem Bette sterben, einem Jungen aus dem Kirchspiel Windhagen, daß er noch vor den Franzosen fliehen würde. Auch dem Arbeitsmann Hubert Bungard aus Linzhausen entgegnete er auf die Aeußerung: „No, wat säht[87] dä Lug-Jannes-Pitter hück ald[88] widder?“ „Wat, do wellß mich Lug-Pitter schänge? Schammß do dich nit, do älendet Lästermuul? Aevver waht,[89] jetz wähden ich ens e paar Wöhdcher met deer spreche: Do weehsch noch emol esu ne Bangebozz[90] wähde, dat do deer vör lunter Angs ene Aehzekessel op dinge Pädskopp[91] sezze weehsch!“ Und wirklich, als im Jahre 1794 sich österreichische und französische Truppen bei Linzhausen schlugen und das Dorf mit einem Kugelregen überschüttet wurde, verfolgte Bungard den Verlauf des Gefechts aus einem Speicherfenster, sein Haupt durch einen umgestülpten Kochtopf sichernd. Dem Linzer Fuhrmann Pütz, der ihn stets gastlich aufnahm, kündigte Jannes-Pitter einen großen Weintransport an, der ihn monatelang bis zu einem Tage, den er später gleichfalls vorher bestimmte, von Hause fern halten würde; ein andermal riet er ihm bei herrlichem Wetter vergebens von einer Ausfahrt ab, da er die Sieg doch nicht überschreiten und selbst leicht verunglücken könne, aber heftige Wolkenbrüche überzeugten Pütz bald von der Berechtigung der Warnung.

Derartiger Fälle ließen sich noch viele verzeichnen; um jedoch die Geduld des Lesers auf keine allzu harte Probe zu stellen, will ich zu denjenigen Vorhersagungen übergehen, die sich nicht auf die Geschicke ihm ganz gleichgültiger Personen beschränken. „Ihr werdet es erleben,“ prophezeite er den Jungen in Bruchhausen bei einer der alljährlich von Linz dorthin ziehenden Ostermontags-Prozessionen – „daß ihr keinen Kurfürsten mehr habt und bekommt ein protestantisches Oberhaupt. Das Zeichen, an dem ihr die Wahrheit dieses erkennet, ist das: der letzte Kurfürst ist mit dem österreichischen Kaiser nahe verwandt; er kömmt den Rhein herab und mit einer Pracht, so ihr noch nicht gesehen habt. Auch hat er statt der Domherren nur Damen bei sich.“ Und bekanntlich ist Maximilian Franz, ein Erzherzog von Oesterreich, 1801 als letzter Kurfürst von Köln gestorben, und das durch den Luneviller Frieden (1801) geteilte Erzstift 1815 wieder vereinigt und dem Königreich Preußen zugeteilt, dem es verbleiben und einem langen Frieden verdanken soll. Auch Jannes-Pitters Ankündigung aus den 1770er Jahren „Es kommt die Zeit, wo die Klöster aufgehoben, die Herren vertrieben und alle ihre Güter verkauft werden,“ wegen deren Wiederholung ihm der letzte Abt von Heisterbach und die letzte Aebtissin des adligen Damenstiftes zu St. Katharina ihre Gunst entzogen, ist im Jahre 1803, und seine Prophezeiung über den Verkauf des Linzer Kirchspiel-Waldes, die er 1783 seinen Arbeitsgenossen auf der Eishardt auftischte, in den Jahren 1835 bis 1837 zur Wahrheit geworden.[92]

Gleich Spielbähn, mit dessen Prophezeiungen man noch weitere Uebereinstimmung bemerken wird, sprach auch Jannes-Pitter schon von Schiffen und Wagen „ohne Pferde“. Wenn diese mit grillenden Tönen laufen werden, ein Gotteshaus zwischen Ohlenberg und Linz[93] errichtet sein, und die Ahr ihre Mündung über der Kripp auf die Pfarrkirche zu Linz (oder den Kaisersberg) zu[94] erhalten haben wird, dann werden traurige Ereignisse eintreten. Wohl werden die Leute glauben, im goldenen Zeitalter zu leben, aber hüten mögen sie sich, daß sie nicht im Strudel zu Grunde gehen. Es wird Krieg geben, wenn keiner es ahnt; man wird fürchten und bangen, und es wird wieder ruhig und jeder sorglos sein. Wenn die Brücke zu Köln[95] fertig sein wird, wird Kriegsvolk gleich darüber gehen. Man wird eine Straße von Linz nach Asbach bauen durch den Erpeler Büsch (oder über die Rottbitz),[96] aber sie wird nicht fertig werden: die Arbeiter gehen noch vom Wege laufen. Kriegsvolk wird den Rhein besetzen, und alles Mannsvolk muß mit, was nur eine Mistgabel tragen kann. Es wird ein Krieg sein, wie vordem nicht erlebt worden, aber er wird recht lange dauern: die zuletzt noch aufgefordert werden, kommen, wenn alles vorüber ist. Es wird hart hergehen, besonders bei Koblenz. Von Leutesdorf (oder Hammerstein) bis Unkel wird es noch leidlich sein, wiewohl es auch hier hart hergeht.[97] Die Linzer werden viel, doch längst nicht am meisten leiden, und viele alles verlassen und im Gebüsch wohnen; bei Unkel (oder vom Honnefer Graben) und vom Siebengebirge an wird das Blut in Strömen fließen. Es werden (1 oder) 3 gute Jahre vorhergehen, denen 3 Mißjahre voller Elend und Drangsale folgen.... Die Fremdlinge werden nach hartem Widerstande geschlagen, Frankreich wird zerrissen und ein Fürst so zurückgedrängt, daß er von einem dreibeinigen Stuhle seine ganze Herrlichkeit überschauen kann.“ Nach einer genauen Schilderung der sich gegenüberstehenden Heere läßt der Seher schließlich die östreichischen Waffen siegen und schließt: „Nach diesen Tagen wird man eine Kuh an eine goldene Kette binden können, und wenn sich Leute treffen, werden sie einander fragen: Freund, wo hast du dich erhalten?“ Dann soll auch alles ehemalige Klostergut den Klöstern zurückgegeben werden.

Jannes-Pitter verstand es, durch Miene und Ausdruck seine Zuhörer zu fesseln, die seine große Einsicht in fast alle Lebensverhältnisse bewunderten und ihm ihren Dank oft durch kleine Gaben bezeigten. Seine Armut nämlich war so groß, daß er 1794 zu Ohlenberg in einem Stalle starb und seine kinderlose Witwe von der dortigen Gemeinde bis zu ihrem Tode unterhalten werden mußte. Der Ruf seiner Sehergabe aber war – vielleicht durch den k. k. General Alfter von Ockenfels – bis an den östreichischen Hof gedrungen, wohin ihn, wie er früher häufig vorhergesagt, zwei Tage nach seinem Tode, als er auf dem Schauf (Schaubett) lag, ein mit Schimmeln bespannter Galawagen bringen sollte.