So steht es um die Aussichten der deutschen Industrie im internationalen Preiskampf! Eine andere Frage ist die, ob wir Güter haben, die das Ausland unbekümmert um den Preis haben muß oder haben will. Das gilt gewiß bei einer Anzahl von hochwertigen Erzeugnissen, zumal der chemischen, optischen und elektrotechnischen Industrie; es gilt auch in einigem Umfang für Kali. Aber auf eine Anzahl solcher Erzeugnisse hat der Friedensvertrag die Hand gelegt und sie uns in großen Mengen auf "Reparation" abgefordert. Andererseits sind manche Erzeugnisse, für die Deutschland vor dem Kriege einen unbestrittenen Markt besaß, in der Zwischenzeit von fremden Industrien aufgegriffen und hergestellt worden. Immerhin hat auch heute noch ein gewisses Marktgebiet starken Druck und starke Neigung zum Verbrauch deutscher Produkte. Und nun die weitere Frage, haben wir Überschüsse frei für die Ausfuhr? Wir rechnen nicht in diese Überschüsse dasjenige hinein, was auf Reparationsrechnung zwangsweise geliefert werden muß. Diese Posten tragen zur Aktivierung der Handelsbilanz nichts bei, so beträchtlich sie an Wert sein mögen. Im Gegenteil, sie verschlechtern unsere Bilanz, denn soweit ausländische Rohstoffe und ausländische Arbeit direkt oder indirekt in ihnen kristallisiert sind, müssen sie erst mit teuren Kosten angeworben werden. Sehen wir also von dieser Art Ausfuhr ab, so fällt zunächst auf, daß bestimmte Industrien ihre Ausfuhrüberschüsse verloren oder stark gemindert haben. Das gilt für bedeutsame Industrien landwirtschaftlicher Rohstoffverarbeitung, beispielsweise für die Zuckerindustrie, deren Ausfuhr früher mehrere hundert Millionen Goldmark einbrachte; es gilt ebenso für die Branntweinindustrie. Es gilt aber auch für die Kohlenausfuhr. In die gleiche Richtung wirkt das zollpolitische "Loch im Westen", das uns den Warenüberdruck der fremden Märkte vielfach auf Schleichwegen in unser Land pumpt, deutsche Industrien, besonders im besetzten Gebiete, lahmlegt und uns mit einer Sorte Einfuhrwaren beglückt, die nach dem Stande unserer Verarmung besser draußen blieben. Der Verlust von Industrien im abgetretenen Gebiet, die Materiallieferungen an die Entente auf Grund des Waffenstillstandes und des Friedens, die starke Beschäftigung für den Aufbau der Eigenwirtschaft und der Rückgang der Leistungen an Menge und Güte, die Stillegung mancher Betriebe bringen erhebliche Minderungen der Überschüsse mit sich. Die Ausfuhrabgaben, die Kontrolle der Ausfuhr und die Unübersichtlichkeit der fremden Absatzgebiete infolge des Abbruches alter eingefahrener Wirtschaftsbeziehungen wirken in die gleiche Richtung.

So weit die Ausfuhrfähigkeit der deutschen Industrie. Und nun die andere Seite: die A u f n a h m e f ä h i g k e i t und A u f n a h m e w i l l i g k e i t des Auslandes! Hier sind Anreizmomente für den Bezug deutscher Produkte vorhanden: ihre Billigkeit, ihre Güte, ihre teilweise Monopolstellung. Aber lassen wir die Gegentendenzen nicht aus dem Auge. Der Krieg wäre für England verloren, wenn er nicht mit einer Zurückwerfung der deutschen Industrieausfuhr endigte. England hat im Kriege Zeit gehabt, unsere Auslandsmärkte zu verwüsten, viele Neutrale haben sich auf den englischen und amerikanischen Lieferanten umgestellt, haben sich auf einzelnen Marktgebieten unabhängig gemacht. Die meisten Länder haben ihre Zölle erhöht, manche Länder haben zum Schutz ihrer eigenen Produktion zu sehr drastischen Abwehrmitteln gegen die fremde Einfuhr gegriffen. In den ehemals feindlichen Ländern sorgt der mit Leidenschaft geschürte Nationalismus dafür, daß der deutschen Ware die Wege weithin versperrt werden. Manche Rohstoffländer sind während des Krieges zur Verarbeitung übergegangen und spüren geringe Neigung, ihre mit Opfern großgezogene Verarbeitungsindustrie durch Ausfuhr von Rohstoffen der fremden Konkurrenz auszusetzen. Die ganze Welt ist beträchtlich ärmer geworden und hat ihren Verbrauch auf einen tieferen Durchschnittsstand setzen müssen. Die Erwerbslosenheere sind heute eine internationale Erscheinung und erschweren die Rückhehr in die Bahnen des offenen, freien Welthandels, selbst wenn die maßgebenden Kreise den Willen dazu hätten. Die Neigung, nur solche Erzeugnisse auszuführen, in denen hochwertige Arbeit verkörpert ist, hat starke Antriebe erhalten mit der Wirkung, daß unsere Waren, deren Güte und Art geradezu auf der stark konzentrierten Arbeit aufgebaut war, verschärftem Wettbewerb begegnen. So ist es erklärlich, daß in der Ausfuhr verhältnismäßig starke Rohstoff- und Halbfabrikatposten anzutreffen sind. Die Gefahr lauert im Hintergrunde: ein Sinken unseres gewerblichen Könnens, unserer Wirtschaftskraft dem Auslande gegenüber, sinkende Lebenshaltung, sinkende Kultur, sinkende politische Bedeutung. Das scheint weit ausgeholt, ist aber drohender Ernst. Der Rückfall auf vorwiegende Rohstoff- und Halbfabrikatausfuhr könnte uns auf ein enges kontinentales Dasein zurückwerfen.

Man muß die großen Linien ins Auge fassen, um diesem Pessimismus nicht zu erliegen. Gewiß, wir vertrauen auf die unversiegliche Lebenskraft unseres Volkes, auf seinen Unternehmungsmut, auf seine hohe Geistigkeit. Aber ein Faktor von ebenso großer Bedeutung ist die Herzlage Deutschlands inmitten des Kontinents. Wir sind die Durchfahrtsstraße von Ost nach West, von der Atlantis zum Baltischen Meer; wir sind das Zwischenglied zwischen Westeuropa und dem Osten, das wirtschaftliche Glacis Englands und Amerikas, dessen industrielles Leben immer noch im Osten, zur Atlantis staut, und nicht im Westen! — nach Mittel- und Osteuropa. Man hat im Haß des Krieges und im Rausch des Sieges geglaubt, uns durch neue Handelswege, deren Linien um uns herum zu legen seien, aus dem großcn Zuge des internationalen Verkehrs auskapseln zu können, ein Versuch, der keine geringere Bedeutung hat, als uns wirtschaftspolitisch aus der Herzlage Europas an seinen Rand zu drängen. Aber beim Versuch ist es geblieben. Wenn der Osten wieder für ruhige wirtschaftliche Entwicklung Sinn und Zeit hat — und das wird auch einmal wieder der Fall sein —, dann ist Deutschland das Mittelstück Europas; und die vollen Vorteile dieser Lage werden ihm zugute kommen u n t e r d e r V o r a u s s e t z u n g, daß es sich nicht selbst ausschaltet und daß es politisch selbständig bleibt. Der industrielle Bedarf von Ost und Südost stößt irgendwie immer zunächst auf uns, und den Valuten jener Länder gegenüber sind wir trotz aller Hemmungen anderer Art leistungsfähiger als die valutastarken Industrieländer. Hier im Osten und Südosten erschließen sich unserer wirtschaftlichen Pioniertätigkeit neue Kontinente, reiche Rohstoffgebiete. Wenn sie mit Vernunft und in weitherziger Berücksichtigung der Interessen jener Länder und Völker selbst ausgebaut werden, so eröffnet sich eine neue Zukunft für die deutsche Wirtschaft. Für die Richtigkeit dieser Erwägungen spricht die Tatsache, daß fremde Kapitalien in großem Umfange die deutsche Industrie befruchten, zeigt das handelspolitische Interesse, das allenthalben in der Welt für unsere Wirtschaft besteht. Sorgen wir dafür, daß dieses Interesse kein Interesse der "Pleitegeier" an der Ausschlachtung eines alten soliden, ehemals blühenden Handelshauses wird! Das ist nur dann möglich, wenn wir alle Kräfte anspannen, die politische Freiheit und die Einheit des Reiches zu bewahren. Wenn das Mittel dazu die angestrengte Arbeit des ganzen Volkes ist, gut! so müssen wir sie auf uns nehmen. Vor dem Kriege war es die freie, gesunde Kraft eines stark wachsenden Volkes, wagender Kaufleute und Unternehmer, die uns den Weg in die Weltwirtschaft gehen hieß; heute ist es der Kampf um Freiheit und Einheit!

Dieser Weg hat gewiß seine Gefahren. Die Hoffnung der Entente auf bare Zahlungen und Naturalleistungen hat uns wider alle wirtschaftliche Vernunft in die Kette der Diktate geschlagen. Heute zeigen sich die Folgen: Wenn wir zahlen wollen, müssen wir erst verdienen; wenn wir aber verdienen wollen, müssen wir erst die fremden Märkte aufsuchen. Unsere Ausfuhr aber und die Devisenaufkäufe zum Zwecke der Zahlung beginnen heute schon, unseren Gegnern empfindliche Wirtschaftsstörungen zu bereiten. Da taucht die Sphinx der Zukunft auf: Die Entente hat in Hinsicht auf das Friedensdiktat ein zweiseitiges Interesse: ein Gläubigerinteresse und ein Produzenteninteresse. Diese beiden Interessen stehen in Widerspruch. Beispielsweise: Wenn wir die im Friedensvertrag auferlegten 200 000 Tonnen Schiffsraum für England bauen, dann liegen die englischen Werften still, und die Arbeitskräfte müssen entlassen werden. Wenn wir die zwangsweise Kohlenlieferung durchführen, dann feiert der englische Bergarbeiter, oder er streikt, weil der Rückgang der Kohlenpreise die englischen Bergherren zwingt, die Löhne zu senken. Diese Gegensätze sind heute klar herausgearbeitet. Man faßt sie nur nicht grundsätzlich an, sondern versucht mit einer Politik der kleinen Mittel sich an ihnen vorbeizudrücken. Eines Tages aber wird die Härte der Gegensätze ihre Lösung verlangen. Entweder man saugt uns aus durch bare Zahlungen, dann müssen wir die Märkte mit allen Mitteln erobern und das feindliche Produzenteninteresse schädigen; oder man verwehrt uns die Märkte, dann können wir nicht zahlen, und das feindliche Gläubigerinteresse ist getroffen. Auf diesem Punkte laufen sich die Diktate tot an den wirtschaftlich unausweichbaren Zusammenhängen. Was soll dann geschehen? Das stärkere Gläubigerinteresse liegt bei Frankreich, das den geringeren Industrialismus und den stärksten Anteil an unseren Zwangszahlungen (52%) hat; das stärkere Produzenteninteresse liegt bei England, das den gesteigerten Industrialismus und den geringeren Anteil (22%) an unseren baren Leistungen hat. Welches Interesse wird durchdringen, das französische Gläubiger- (Rentner-) Interesse oder das englische Produzenten- (Arbeiter-) Interesse? Hier eröffnen sich Entscheidungen, die für unser Schicksal unerhört wichtig sind. Zu einem Teil haben wir es in der Hand, sie zu beeinflussen. Unser Interesse kann nicht mit Frankreich gehen, solange Frankreich in uns ein Beutestück sieht, eine politische Masse, deren Liquidation nicht brutal genug betrieben werden kann. Wir stehen wieder an dem Kreuzungspunkt — nur mit viel schlechterem Einsatz —, an dem wir schon einmal standen, den wir damals aber in seiner Tragweite nicht genügend begriffen: vor der Steuerung des Kurses ins englisch-deutsche Einvernehmen, oder — auf noch weiteren Aspekt gestellt — vor der Steuerung des Kurses in das anglosächsisch-deutsche Einvernehmen. Oder welcher andere Weg sollte noch offen sein? Auf die russische Karte jetzt schon zu setzen, erscheint verfrüht; außerdem kann bei unserer Kapitalschwäche und der starken Interessierung der anglosächsischen Wirtschaftsmacht an Rußland diese russische Karte nur im Rahmen einer deutsch-anglosächsischen Verständigung geschlagen werden.

Verschiedentlich mußten wir darauf hinweisen, daß unsere politische Freiheit in den schmalen Resten, in denen sie überhaupt noch besteht, auf der Schneide der Erfüllung von Diktaten steht. Diese Erfüllung aber ist ein fiskalisches Problem, eine Frage des Steueraufkommens des ganzen Volkes. Die Steuerleistung aber ist letzten Endes eine Frage der Wirtschaftskraft. Das Elend der deutschen Wirtschaft aber spiegelt sich im Elend der deutschen Finanzen. Das Elend der Finanzen ist nun nicht erst eine Erscheinung von heute; seit 1876 hat das Reich so ziemlich fortwährend in Finanzverlegenheiten gelebt. Ein Hauptgrund dafür war der Aufbau des Reichsfinanzwesens und hier besonders die Verteilung der Steuerkompetenzen zwischen Reich und Bundesstaaten. Das Reich hat eine Steuerdomäne, die fast ausschließlich aus indirekten Abgaben und aus Zöllen bestand. Die direkten Steuern, das Rückgrat jeder gesunden Finanzwirtschaft, lagen unter Verschluß der Einzelstaaten und wurden von ihnen eifersüchtig gehütet. Die Einkünfte des Reiches aus Betriebsverwaltungen waren recht geringfügig im Verhältnis zu dem, was die großen Bundesstaaten aus ihrem Staatsbesitz zogen. Das war eine verhängnisvolle Fehlkonstruktion der Reichsfinanzen. Im Frieden war sie deswegen noch erträglich, weil das Reich doch bekam, was es brauchte, nur sehr umständlich, unter großer Erregung der öffentlichen Meinung und nicht immer sehr zweckmäßig.

Die v e r h e e r e n d e Wirkung dieser Fehlkonstruktion zeigte erst der Krieg. Die Folge der Verteilung der Steuerkompetenzen nach der alten Reichsverfassung war die, daß das R e i c h, der Träger der H a u p t l a s t des Krieges, die d ü r f t i g s t e n und r ü c k l ä u f i g s t e n E i n n a h m e q u e l l e n besaß, während die Bundesstaaten, die die Last des Krieges ja gar nicht zu tragen hatten, die ertragreichsten und stabilsten Steuerquellen unter Verschluß hatten. Die Abneigung, eine entschlossene starke Kriegssteuerpolitik nach englischem Muster einzurichten, ließ nur den einen Ausweg: den Krieg mit S c h u l d e n zu führen. Was an Kriegssteuern dann seit 1916 kam, kam zu spät und zu zaghaft. Man rechnete im Grunde immer nur mit dem siegreichen Ausgang des Krieges, wollte auch die Durchhaltestimmung im Volke nicht gefährden, fürchtete sich vor dem Wachwerden alter Parteigegensätze; kurz und gut, man finanzierte den Krieg mit Schulden. Das Resultat war: steigende Schulden des Reiches, steigende Inflation, sinkende Wechselkurse, steigende Löhne und Warenpreise, steigende Kosten der Kriegsführung, steigende Reichsverschuldung, neues Sinken der Wechselkurse, neues Steigen der Löhne und Warenpreise und so fort. Eine Schraube ohne Ende, oder vielmehr eine Schraube mit einem sehr dicken Ende: Reichsüberschuldung, Wohlstandsvernichtung breitester Kreise, goldene Zeit für alle Schieber, schwerste Not in breitesten Kreisen, Verschärfung der sozialen Gegensätze, schleichende Enteignung gerade der Kreise, die vor und im Kriege dem Staate Kredit gegeben hatten. Eine beispiellose Umschichtung der Vermögen ist vor sich gegangen, und die staatliche Finanzpolitik hat ihr ebensowenig wie die Wuchergesetzgebung zu steuern vermocht.

Zur Verdeutlichung des Bildes seien einige Zahlen angegeben. Die Reichsschuld betrug vor dem Kriege 5,4 Milliarden Mark; sie bezifferte sich September 1918 auf 133,4 Milliarden, September 1919 170,9 Milliarden, September 1920 283,7 Milliarden. Die schwebende Schuld des Reiches betrug am 31. Juli 1914 300 Millionen Mark Schatzanweisungen; sie stieg bis Dezember 1918 auf 55,1 Milliarden und endete am 30. Juni 1921 mit 214,2 Milliarden. Der Umlauf an Banknoten gravitierte vor dem Kriege um 1,5 Milliarden, dazu kamen vergleichsweise geringe Beträge an umlaufenden Reichskassenscheinen. Der Umlauf an Noten betrug nach dem Ausweis vom 11. August 1921 77,6547 Milliarden; zu dieser ungeheueren Papierzettelschuld kommt noch ein Umlauf an Darlehenskassenscheinen von rund 8,22 Milliarden. Daß zur selben Zeit der Wert des deutschen Geldes gegenüber dem ausländischen vollvaluten Geld ins Abgrundtiefe gestürzt ist, ist nicht verwunderlich. Während vor dem Kriege 100 holländische Gulden rund 169 Mark kosteten, kosteten sie am 12. August 1921 rund 2560 Mark[1]. Diese Zahlen genügen zur Illustration. Sie erhalten erst ihr volles Relief, wenn man die Zwangsleistungen an die Entente noch hinzurechnet.

[1] Seit Abschluß des Aufsatzes haben sich die Verhältnisse

wesentlich ungünstiger entwickelt. Der Guldenkurs steht

im Dezember 1921 nahe an 7000, der Umlauf an Geldzeichen