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Das ist der furchtbare äußere Rahmen unseres Daseins. Aus ihm heben sich deutlich die Probleme heraus: Wie heilen wir im Lande selbst die furchtbaren Wunden des Krieges? Wie bringen wir die Mittel auf zur Erfüllung der ungeheueren Verpflichtungen nach außen? Welche wirtschaftlichen und sozialen Weiterwirkungen schließen sich an die Erfüllung dieser Aufgaben bzw. an den Versuch ihrer Erfüllung an?

Die Not im Lande selbst ist sehr vielgestaltig. Sie äußert sich als Gefährdung der physischen Volkskraft und Volksgesundheit und tritt im einzelnen in Erscheinung als mangelnde Ernährung weiter Kreise, Mangel an Kleidung und Wäsche, fehlende Wohnungen, ungenügende Wohnungseinrichtungen. Ein Ausdruck dieser Not sind die Sterblichkeitsstatistiken und die Ausweise der Krankenkassen. Die Ursachen dieser Not sind die Erschöpfung unseres Wohlstandes durch den Krieg, die starke Herunterwirtschaftung unseres Sachkapitals, die Aushungerung unserer Böden, die Aufzehrung der privaten Vorräte und Ausstattungen, die Leistungen an die Entente auf Grund von Waffenstillstand und Friedensvertrag, der Aufkaufshunger für alle möglichen, teilweise sehr gut entbehrlichen Auslandsgüter nach dem Kriege. Diese Aufzählung wäre ungenau, wenn sie an jenen Schädigungen des Volksvermögens vorbeiginge, die mit der Gebietsbesetzung, mit Streiks und Aussperrungen, mit böswilliger Wertvernichtung und Revolten zusammenhängen. Unleugbar haben auch einige Bestimmungen des neuen Arbeitsrechtes Schädigungen mit sich gebracht. Im großen Ganzen hat die Volkswirtschaft noch nicht jene Umschichtung der Berufe und Rückschichtung der Bevölkerung weg von den Städten erreicht, die der neuen Wirtschaftslage entsprechen: das sind weitere Quellen vielgestaltiger Not. Im weiteren darf nicht übersehen werden, daß die Auflösung des alten Heeres, von Teilen der alten Bürokratie, die Rückwanderung Deutscher aus verlorenen Gebieten und die Vernichtung vieler Rentner-, Mittelstands- und Kleinexistenzen des bürgerlichen Lebens durch Krieg und Kriegsfolgen die Schleusen der Not in weiteren Schichten geöffnet haben. Eine Denkschrift der Regierung, die für die Londoner Verhandlungen fertiggestellt wurde, beziffert das deutsche Volkseinkommen gegenwärtig auf 234 Milliarden Papiermark == ungefähr 22-23 Milliarden Goldmark. Vor dem Krieg berechnete man das Volkseinkommen auf 43 Milliarden Goldmark! Daraus ergibt sich die gewaltige Senkung des Realeinkommens des Volkes — und von diesem so geminderten Realeinkommen sollen die Leistungen an die Entente und die Steuern für Reich, Länder und Gemeinden aufgebracht werden! Hier steht die elementare Bedingung unseres Daseins als Volk und Staat vor uns: wir müssen a l l e Produktivkräfte aufs ä u ß e r s t e anspannen, um das physische Leben und die politische Freiheit zu erhalten. Unsere Existenz steht auf der Schneide der äußersten Wirtschaftsergiebigkeit. Daraus die Forderung, alle sachlichen und geistigen Voraussetzungen gesteigerter Produktivität anzuspannen, allen überflüssigen Verbrauch zu meiden.

Was brauchen wir zur Steigerung der Produktion? Zunächst natürlich Rohstoffe. Als deren Quelle kommen in Betracht die natürlichen Rohstofflagerstätten und die Landwirtschaft. Erstere sind die Kohlen- und Erzadern, die Gesteine und sonstige industriell verwertbaren Güter, die das Bodeninnere birgt. Ihnen gegenüber — als den durch Abbau erschöpfbaren Gütern — stehen die landwirtschaftlich in regelmäßiger Wiederkehr erzeugten Güter. Nach beiden Richtungen hin haben wir beträchtliche Einbußen erlitten durch Gebietsverluste, Raubbau und Belastung mit Abgaben.

Mit dem Rest muß umso schonender umgegangen werden; denn die Bodenschätze sind entweder überhaupt nicht künstlich vermehrbar, oder nur durch Mehraufwand von Arbeit und Kapital. Abbau und Anbau stehen außerdem auf der Spitze der Rentabilität. Wenn wir schon vor dem Kriege eine starke Einfuhr von Erzen, Kohle und Ölen hatten, von Nahrungsmitteln, Futtermitteln, Textilien und Rohstoffen aller Art, so können wir sie heute noch viel weniger entbehren. Wir brauchen die Einfuhr, weil das Ausland vielfach ergiebigere Fundstätten und Böden hat und daher billiger liefert. Wir brauchen sie, weil sie Bestandteil neuer Ausfuhr werden, nachdem sie durch deutsche Arbeit zu fertigen Produkten veredelt sind. Im Grade der Einfuhr verschulden wir uns; aber diese Verschuldung ist so lange unbedenklich, als ihr deutsche Gegenleistungen in Gestalt rentabler Ausfuhr gegenüberstehen. Unvermeidlich ist, daß große Einfuhrposten für de Deckung des notwendigen, seit dem Kriege so stark vernachlässigten Eigenbedarfs des deutschen Volkes hereinkommen. Das bedeutet zunächst eine Belastung der Zahlungsbilanz oder eine Verschuldung durch Kredite; in jedem Falle müssen auch diese Beträge durch Ausfuhr oder durch andere geldwerte Gegenleistungen gedeckt werden, entweder aus laufenden Wirtschaftserträgen oder aus der Substanz des Volksvermögens. Wenn einsichtige Wirtschaftspolitiker schon vor dem Kriege den starken Materialverbrauch beklagten, die Zerstörung lebendiger menschlicher Arbeit durch ein unwirtschaftliches Vergeuden von Rohstoffen, so gilt das heute natürlich zehnfach. Rohstoffe sind kristallisierte Arbeitsstunden, Arbeit ist unser wertvollstes Kapital. Fahrlässigkeit, Böswilligkeit und Unverstand zerstören nach einem Worte Friedrich Naumanns mehr als Feuersbrunst und Überschwemmung. Dieses Gebot wirtschaftlichster Rohstoffverwertung hat zwei Seiten: das Haushalten mit dem Material der M e n g e und der G ü t e nach. Wer verwaltet unsere Rohstoffe? Drei große Stoffverbraucher kennen wir: die Betriebe in Industrie, Gewerbe und Landwirtschaft, die Haushaltungen und die öffentlichen Verbände. Bezüglich der Haushaltungen ist ohne weiteres klar: vom Geschick vorwiegend der deutschen Hausfrau hängt es ab, wie mit den Verbrauchsgütern gewirtschaftet wird. Das ist teilweise eine Erziehungsfrage. Wie viele Hausfrauen haben sich je über zweckmäßige Stoffverwendung Gedanken gemacht? Tausende von Frauen, nicht nur aus Arbeiterkreisen, verwirtschaften ohne Ahnung von den Folgen ihres Ungeschickes Milliardenwerte. Das ist teilweise auch eine Folge der Frauenberufsarbeit. Wer die Verhältnisse in den Arbeiterfamilien der Industriereviere kennt, weiß, daß die erwerbstätige Frau die kürzesten Methoden der Haushaltsführung vorzieht und vielfach gerade wegen ihrer Berufstätigkeit vorziehen muß. Neben den Schäden, die die Frauenberufsarbeit für das Familienleben und die Erziehung mit sich bringt, liegen in der unwirtschaftlichen Stoffverwendung bedenkliche volkswirtschaftliche Seiten der Frauenberufsarbeit. Was die Materialverwertung der öffentlichen Verbände anlangt, so hat die Kriegszeit dort in erschreckendem Maße gezeigt, wie wenig hier den Anforderungen einer vernünftigen Bewirtschaftung Rechnung getragen wurde. Die bureaumäßige Verwaltung von öffentlichen Betrieben und Verbrauchseinrichtungen hat eben nicht jene Motive zum sparsamen Haushalten und jene scharfen Kontrollmöglichkeiten, die die Privatunternehmung hat. Dem rein verwaltungsmäßig gerichteten Sinn fehlt vielfach die Einsicht in die wirtschaftliche Bedeutung sparsamster Materialverwertung. Aber selbst in der privaten Unternehmung sind nicht ohne weiteres die Garantien für sparsame und zweckmäßige Rohstoffverwendung gegeben. Zwar drängt das Interesse der Unternehmung am möglichst hohen Geldertrag auf äußerste Zweckmäßigkeit und Ergiebigkeit in der Verwendung aller Produktionselemente; aber hier ist es wiederum eine Frage der Erziehung und der Einsicht der Arbeitskräfte, ob sie mit den ihnen anvertrauten Wirtschaftsgütern möglichst schonend umgehen. Keine Aufsicht kann das eigene Mitbesorgtsein der Arbeiter ersetzen. Dieses Mitbesorgtsein zu wecken und zu erhalten, ist großenteils eine Sache der Erziehung, des Verantwortungs- und Gemeingefühls und der Einsicht. Hier mündet die Aufgabe des Rohstoffschutzes unmittelbar in ethische und soziale Voraussetzungen. Die zweckmäßige Rohstoffverwendung in der privaten Unternehmung ist gleichzeitig eine Frage der Betriebsgröße, der Betriebsorganisation und der Produktionsweise. Die objektiv stärkste Möglichkeit wirtschaftlicher Produktion hat der kombinierte Großbetrieb, der sich in der Produktion einstellt auf normalisierte und typisierte Erzeugnisse. Wieviel nach dieser Richtung in Deutschland noch fehlt, beweisen die Klagen führender Industrieller und zünftiger Volkswirte.

Rohstoffökonomie ist also Haushalten mit den Unterlagen unseres Daseins. Neben der Verfügung unserer Sachgüter ist die wichtigste dieser Unterlagen die l e b e n d i g e A r b e i t s k r a f t. Das volkswirtschaftliche Ziel hat Rathenau in Anbetracht unserer Lage einmal dahin zusammengefaßt: "Es ist nötig, ...den Wirkungsgrad menschlicher Arbeit so zu steigern, daß eine verdoppelte Produktion die Belastung zu tragen vermag und dennoch ihre Hilfskräfte besser entlohnt und versorgt werden." Das ist durchaus richtig. Wenn das Kapital, mit dem wir neu anfangen, im wesentlichen unsere Arbeit ist, dann muß mit dieser Arbeit sparsam umgegangen werden. Sie darf nicht vergeudet werden durch Produktion von entbehrlichen Gütern, sie darf nicht durch Raubbau abgewirtschaftet werden. Es müssen alle technischen, organisatorischen und sozialen Voraussetzungen geschaffen werden, um die möglichst große Produktionssteigerung durch möglichst sparsamen Arbeitsaufwand zu erreichen. Auch hier wieder die Voraussetzung: Bildung und Erziehung der heranwachsenden Geschlechter, Erfüllung mit Einsicht in den Ernst der Verantwortung für das Ganze, Abwehr aller Neigung zu einem resignierten Versinken in die stumpfe Fron für den laufenden Tag.

Diese Aufrechterhaltung unserer Arbeitskultur und Wirtschaftshöhe ist wiederum gebunden an stoffliche Unterlagen, nämlich an den ausreichenden S u b s i s t e n z f o n d s der Nation. Man spricht gewöhnlich davon, es müsse genügend "Kapital" vorhanden sein, um die Arbeits- und Wirtschaftskultur wie übrigens die Gesamtkultur des ganzen Volkes, die ja immer irgendwie an sachliche Unterlagen gebunden ist, zu erhalten. Die Quelle dieses Kapitals aber ist die Differenz zwischen Volkseinkommen und Verbrauch, mit anderen Worten: das nichtverbrauchte "ersparte" Volkseinkommen. Von zwei Seiten her kann diese Kapitalbildung gefördert werden: von der Erhöhung des Volkseinkommens durch erhöhte Produktion und von der Minderung des Verbrauches her. Unsere Lage zwingt uns, beide Wege zu beschreiten: die Produktion aufs äußerste zu steigern, den Verbrauch an allem Entbehrlichen möglichst zurückzudrängen. Das wird für Jahrzehnte unser Schicksal sein, ein Schicksal, dessen Härte nur dadurch erträglich ist, daß es uns die Aussicht gibt, die Einheit des Reiches und des Volkes durch alle Fährlichkeiten des verlorenen Krieges und des Friedens hindurch zu retten. Die besondere Schwierigkeit unserer Kapitalneubildung liegt darin, daß sie mit ungewöhnlichen Belastungen zu rechnen hat. Die Belastungen bestehen in den geschilderten Zahlungsverpflichtungen gegenüber der Entente, in der gewaltigen Steuerlast, in der ungünstigen Entwicklung des Außenhandels (der im vergangenen Jahre mit zweieinhalb Goldmilliarden p a s s i v war!), ferner in der Ungunst der Einkommensverteilung.

Bei sotanen Dingen ist alles, was unsere Wirtschaftserträge erhöht, eine Daseinserleichterung, eine neue Gewähr unseres physischen und kulturellen Lebens. Das gilt für alle Seiten unserer Wirtschaft, für Landwirtschaft, Gewerbe, Industrie und Verkehr. In der Landwirtschaft zumal spielt es eine besondere Rolle. Hier sind die Erträge gegenüber der Vorkriegszeit sehr stark gesunken, hier ist außerdem die Quelle unseres dringendsten Bedarfes, der Ernährung. Das landwirtschaftliche Betriebskapital ist während des Krieges scharf heruntergewirtschaftet worden, es bedarf jetzt der Erneuerung. Kredite müssen der Landwirtschaft zufließen, die sie im Kriege glaubte abstoßen zu können oder nicht mehr zu benötigen. Durch Düngemittel aller Art, durch Meliorationen, durch Maschinen müssen die Böden wieder in den alten hochgepflegten Zustand gebracht werden. Der Viehstapel muß ergänzt werden. Das landwirtschaftliche Bildungswesen darf um keinen Preis vernachlässigt werden. Was uns diese Forderungen erheben läßt, ist die einfache Tatsache, daß der stark abgewirtschaftete Zustand der Landwirtschaft im Interesse der Allgemeinheit, des Staates, des Volkes in Stadt und Land und nicht zuletzt auch des Fiskus saniert werden muß, ehe er wiederum ein tragender Pfeiler unserer Wirtschaftsblüte werden kann. Erst bei solcher Intensivierung der landwirtschaftlichen Erzeugung besteht die Aussicht, daß der Strom von Menschen, welcher im Gefolge des Krieges den Städten zugeflutet ist und dort die Not vermehrt, wiederum vom Lande aufgenommen werden kann. Wie bedeutsam eine solche Rückwanderung ist, ergibt sich ohne weiteres; sie entlastet den Arbeitsmarkt, entlastet den Fiskus von der Erwerbslosenfürsorge, sie entlastet die städtische Fürsorge, sie mildert die Schärfe unserer sozialen Not und sie beseitigt jenes Übel, das schon vor dem Kriege auf dem Lande vielfach anzutreffen war, nämlich die Leutenot.

Wenn die wesentliche Aufgabe der deutschen Landwirtschaft darin besteht, in möglichst weitem Umgange den Nahrungsbedarf unseres Volkes zu erstellen, so hat die Industrie demgegenüber eine verwickeltere Aufgabe. Sie soll einesteils den starken Verbrauch an Industrieerzeugnissen decken, den das Inland hat; sie soll aber andererseits die Grundbedingung unseres Daseins gewährleisten, nämlich die aktive Zahlungsbilanz. Deren Hauptbestandteil war von jeher die Handelsbilanz, das heißt das Wertverhältnis der Wareneinfuhr zur Warenausfuhr. Heute sind die anderen Bestandteile der deutschen Zahlungsbilanz ungefähr auf den Nullpunkt reduziert; wir haben keine Gewinne mehr aus Frachten für das Ausland, unsere Erträgnisse aus der Kapitalanlage im Auslande sind mitsamt den Kapitalien fast ganz verloren, unsere Gewinne aus Vermittlung und Versicherung für fremde Völker sind dahin. Nach all diesen Richtungen haben wir nur noch Passiva. Und trotzdem besteht unabweisbar das Ziel: Herstellung einer aktiven Zahlungsbilanz! Die Handelsbilanz muß die dazu erforderlichen Wertüberschüsse der Ausfuhr über die Einfuhr erbringen. Wir müssen, ob wir wollen oder nicht, Exportwirtschaft treiben. Unsere landwirtschaftlichen Erzeugnisse brauchen wir selbst, also kann der Überschuß der Ausfuhr über die Einfuhr im großen ganzen nur industriell erwirkt werden. Zwei Gesichtspunkte sind entscheidend: die Ausfuhrfähigkeit unserer Industrie einerseits, die Aufnahmefähigkeit und Aufnahmewilligkeit der fremden Märkte andererseits. Was zunächst die Ausfuhrfähigkeit unserer Industrie anlangt, so ist sie teils eine Frage des Preiskurants, das heißt: des billigeren deutschen Angebots, teils ein Produktionsproblem: Haben wir Güter, die das Ausland unbedingt erwerben will? Haben wir Überschüsse, die für die ausländische Nachfrage zu Gebote stehen? Bezüglich der ersten Frage ist festzustellen, daß manche Tatsachen uns günstige Aussichten im Wettbewerb bieten. Der Wert des deutschen Geldes, gemessen am Gelde der ausländischen maßgebenden Gläubigerstaaten, steht sehr tief. Niedrige Wechselkurse aber bedeuten eine Prämie und einen Anreiz für die Ausfuhr. Unsere Lebenshaltung ist relativ weniger reich und kostspielig wie die der fremden Konkurrenzwirtschaften. Die Arbeitsfähigkeit und Arbeitswilligkeit unserer Bevölkerung hat sich vergleichsweise schneller erholt als die der meisten anderen Völker. Außerdem waren deutsche Waren im allgemeinen so wohl beleumundet in der ganzen Welt, daß Nachfrage nach ihnen ohne weiteres wahrscheinlich ist. Aber übersehen wir nicht die Hemmungen unserer Überlegenheit im Preisgebot! Wir mußten unsere Industrie viel eingreifender als die anderen kriegführenden Nationen auf einen neuen Friedensstand umstellen; technisch und organisatorisch ist diese Aufgabe schnell und glänzend gelöst worden, aber sie verschlang viele Arbeitskräfte und viele Kapitalien. Manche Industrien hatten im Laufe des Krieges Schulden in fremder Währung aufgenommen; der rapide Fall des deutschen Geldwertes steigerte den Belauf der Schulden ins Phantastische und bewirkte neue Kosten der Abdeckung oder Umwandlung. Die rastlose Anstrengung der Kriegsarbeit hat in vielen Industrien keine Kräfte und keine Zeit frei gelassen zu Reparaturen, Materialergänzungen, Erneuerung des Sachkapitals; das mußte alles nachgeholt werden. In den Zeiten der Umwälzung nach dem Kriege häufen sich die Streiks, die Wertzerstörungen, die Lohnforderungen; das Arbeitstempo ließ nach; all das erscheint als Produktionskosten wiederum im Warenpreis. Und nicht zuletzt legt die Steuergesetzgebung der Industrie ungeheuere Lasten auf, die natürlich Preissteigerungen im Gefolge haben. Der gewaltige Anreiz zu großen Gewinnen, der nach dem Kriege im Abverkauf von Betriebseinrichtungen und in der Angleichung der Inlandspreise an den Weltmarkt lag, wirkte sich auch in den gestiegenen Preisen aus. Nicht zuletzt bot der Warenmangel des erschöpften Inlandsverbrauchs die Möglichkeit, unter dem Anreiz des Dividendenhungers den Preisstand scharf zu erhöhen. Auch die Verteuerung der Produktion durch die Einfuhr fremder Rohstoffe und durch das damit verbundene starke Valutarisiko wirken in die Richtung steigender Preise. Nach einer Periode grenzenloser Schleuderverkäufe ins Ausland, die direkt nach dem Kriege einsetzte, kam die Gegenwirkung: die Preishöhe vieler deutscher Industrieprodukte lag zeitweise über den entsprechenden Auslandspreisen. Die Folge davon war stockende Ausfuhr, das heißt Gefährdung des Zieles der aktiven Handelsbilanz. Im ganzen hat der Druck auf unsere Wechselkurse dafür gesorgt, daß die Ausfuhrprämie nicht verschwand. Aber wie prekär die Sachlage ist, zeigt sich regelmäßig bei selbst geringfügigen Steigerungen unserer Wechselkurse: es setzt in diesen Fällen eine Stockung der Ausfuhr und eine Steigerung der Einfuhr ein, also ein ganz bedenklicher Sachverhalt. Der hin- und hergehende Wertstand des deutschen Geldes gefährdet für den deutschen Unternehmer alle Grundlagen der Kalkulation, bringt ein spekulatives Moment in die ganze Wirtschaft hinein und wirft uns aus einer Periode der Schleuderverkäufe und der stockenden Rohstoffeinfuhr in die andere stockender Ausfuhr und der Überschwemmung mit Auslandsware. Das Verlangen, den Urheber dieser Zustände, nämlich den wilden Wechselkurs, zu binden, ist ebensooft erhoben wie als zunächst aussichtslos abgelehnt worden. Deutschland ist ohne Unterstützung der kapitalsstarken Gläubigerstaaten völlig außerstande, eine solche Festlegung des Wechselkurses vorzunehmen. Nur mit Hilfe ganz gewaltiger Kredite und einer vorläufig noch sehr unwahrscheinlichen vernünftigen Gebahrung der Entente in der Reparationsfrage könnten stabile Wechselkurse eingerichtet und durchgehalten werden.